Horst Zuse hat es in der Hand: Das letzte Teil des ersten Computers - "vom allerersten Computer", wie er sagt. Die rote Metallhülse sieht aus wie eine große Gewehrpatrone, ist etwas verstaubt und an beiden Enden leicht verrostet. Sie war eines von mehr als 2000 Relais des frei programmierbaren Rechners Z3. Sein Vater hat ihn Anfang der vierziger Jahre gebaut, mitten in Berlin. Dann kamen Krieg und alliierte Bomber, Zerstörung, Chaos, Flucht, Neuanfang, der rasche Aufstieg und steile Fall der Firma seines Vaters.
Konrad Zuse galt vielen Zeitgenossen als Genie. Der Sohn eines Postbeamten hat den Computer nicht allein erdacht oder erfunden. Doch er war der Erste, der ihn in seiner heutigen Form zusammenbaute und zum Rechnen brachte. Er war Ingenieur, Erfinder, Manager und Maler. In seiner Jugend baute er Großrechner, im Alter ein sich selbst errichtendes Turmmodell. Microsoft-Gründer Bill Gates ließ sich von ihm porträtieren. Apple-Mitgründer Stephen Wozniak sagte: "Er war unser aller Vormacher." In Hoyerswerda und Hünfeld gibt es engagierte Zuse-Vereine, in Berlin verblasst sein Bild.
Horst Zuse hält das kleine Relais zwischen seinen Fingern. Er wischt mit einem Tuch den Staub von der Hülle ab, spielt an den Kontakten und kratzt am Rost. Im Hinterzimmer seiner Berliner Wohnung unterm Dach hat er sich darangemacht, den Z3 noch einmal zu bauen. An der Wand hängen Gemälde. Die Fenster sind offen - vom Ku'damm rauscht Autolärm herauf. Zuse arbeitet an der Geschichte. Ein schrankgroßes Metallgestell, Kisten voller Relais, Drähte und Kabel, Schraubenzieher, Pinzetten, Zangen und ein Bauplan. "Da staunen Sie - was?" Er lächelt.
Die Bleche wurden mit der Laubsäge gesägt
Der studierte Elektrotechniker und Professor steht in den Fußstapfen seines Vaters. Der hatte im Sommer 1936 die gute Stube der elterlichen Wohnung in der Kreuzberger Wrangelstraße ausgeräumt und dort den ersten Computer der Welt zum Laufen gebracht.
Konrad Zuse kannte weder die Schriften von Alan Turing in England noch die Pläne von Atanasoff, Stibitz oder Neumann in Amerika. Er hatte Bauingenieur studiert und bekam in den Flugzeugwerken von Henschel eine Stelle als Statiker, war rasch des Rechnens müde und entwarf einen Plan.
Für ihn brauchte er Platz und Geld. So überließen die Eltern ihm das Wohnzimmer und die Schwester Lieselotte einen Teil ihres Gehalts. Sein Freund Herbert Weber wurde sein erster, der Apparatebaufabrikant und Konstrukteur eines Mercedes-Artillerie-Plan-Rechners Kurt Pannke sein zweiter Financier. Schon zur Studentenzeit hatte Zuse nach den Erinnerungen seines Freundes Andreas Grohmann kleine Warenautomaten gebaut. Sein Mitstreiter Edgar Pollems nannte ihn einen "Himmelsstürmer". Horst Zuse sagt: "Er war einfach kreativ."
Konrad Zuse charakterisierte sich selbst als "zu faul zum Rechnen". Daher wollte er einen Computer. Er kündigte bei den Flugzeugwerken, las die mathematischen Werke von Leibniz und Babbage, studierte die 150 Jahre alten Pläne der über Lochstreifen gesteuerten Jacquard-Webstühle und machte sich mit ein paar Freunden an die Arbeit.
Wo mitten in Kreuzberg heute auf einer brachliegenden Wiese das Werbeschild eines McDonald's-Restaurants steht, baute Zuse in einem im Krieg zerstörten Haus den ersten Computer und nannte ihn später Z1.
Ein Nachbau steht im Deutschen Technikmuseum in Berlin. Die Maschine hat einen Lochstreifenleser, drei Speicherblöcke, Tausende Bleche, Stifte, Federn und Schrauben. Wenn man ihre Mechanik mit einer Aufgabe in Bewegung setzt, klappert durch die sich verändernden Positionen der Bleche nach wenigen Sekunden die Lösung hervor. "Die Z1 war ein mechanischer Apparat, aber sie ist der erste programmgesteuerte Rechner der Welt", sagt Raul Rojas, Professor an der Freien Universität Berlin. Sie enthalte alle heute wichtigen Komponenten eines Computers. Viele der Bleche aber waren mit der Laubsäge gesägt. Kleinste Fehler ließen den Apparat beim Rechnen leicht verklemmen.
So machte Zuse sich 1938 in einer Wohnung in der Methfesselstraße an den Bau der Z2. Um das Verhaken von Blechen im Rechenwerk zu verhindern, verwendete er Telefonrelais und hatte Erfolg. Dank guter Kontakte zu seinem alten Arbeitgeber bekam er 1940 von Henschel einen neuen Vertrag, wurde vom Kriegsdienst befreit, arbeitete in der Fabrik an ferngesteuerten Bomben und zu Hause an seinen Rechnern. Er gründete eine Computerfirma, ließ sie sich von der Deutschen Versuchsanstalt für Luftfahrt (DVL) teilweise finanzieren und versicherte sich der Beratung seines technisch hochbegabten Freundes Helmut Schreyer. Mit dem hatte er schon an der Z1 gearbeitet und erfolglos an der TH Berlin eine Versuchsschaltung für elektronische Rechner vorgeführt, sich davon aber nicht entmutigen lassen.
Kreuzbergs Hinterhöfe als Wiege des Computers
Im Mai 1941 hatten beide den tonnenschweren und mit 2200 Telefonrelais bestückten neuen Z3-Rechner fertiggestellt. Sie führten ihn fünf Ingenieuren der DVL vor. Die waren begeistert. Es war die erste "frei programmierbare, in binärer Gleitpunktrechnung arbeitende Rechenanlage", wie der Mathematiker Friedrich Ludwig Bauer feststellte.
Auf einer Konferenz 1998 in Paderborn waren sich viele Gelehrte einig, dass nicht - wie bis dahin vermutet - Stibitz, Atanasoff oder Aiken den ersten Computer gebaut hatten, sondern Zuse. Der Rechenplan seiner Maschine war auf einen Filmstreifen gelocht; das Zahlenwerk wurde dezimal über eine Tastatur eingegeben und in ein duales System übersetzt. Additionen dauerten eine, Multiplikationen drei Sekunden. Lämpchen zeigten die Lösung an.
Ein Nachbau der Z3 steht heute im Deutschen Museum München. Das Original fiel im Winter 1944 mit der Z1 und der Z2 dem Bombenkrieg zum Opfer. An den heute noch stehenden Mauerresten des zerstörten Hauses in der Methfesselstraße hängt eine Tafel zum Gedenken an Zuses Werk. Ein paar Ecken weiter überstand im Keller der Oranienstraße 6 der für die Henschel-Werke vor Kriegsende noch fertiggestellte Rechner Z4 den Krieg. "Kreuzbergs Hinterhöfe sind die Wiege des Computers", sagt Volker Oppmann, Chef der Berliner Softwarefirma Textunes.
Doch Zuse ließ die Stadt bald hinter sich. Er floh mit seiner Familie und dem in große Holzkisten verpackten Rechner beim Einmarsch der Russen ins Allgäu. Nachdem er in Hinterstein seinen auseinandergebauten Rechner in einem Gasthof vor den Amerikanern versteckt, ein Jahr lang als Grafiker gearbeitet und mit "Plankalkül" die erste höhere Programmiersprache aufgeschrieben hatte, gründete er mit Harro Stucken in einem einstigen Mehllager in Hopferau das "Zuse Ingenieurbüro". Er holte die alten Pläne hervor und begann, die Z4 aufzubauen. Den Rechner wollte er in Serie fertigen.
Um seine Maschine wieder flottzumachen, brauchte er einen passenden Platz, fand ihn in einer alten Scheune in der nordhessischen Gemeinde Neukirchen, zog mit Rechner und Familie dort ein, gründete mit zwei Partnern 1949 die Zuse KG und machte sich an die Arbeit. Die Z4 lief. Die Eidgenössische Technische Hochschule, die ihm 1948 50.000 Franken für ein Gerät gezahlt hatte, zeigte sich zufrieden. Zuse war im Geschäft. Die Leitz-Werke in Wetzlar bestellten für eine viertel Million Mark den Z5, die amerikanische Remmington zwei Dutzend Z9-Rechner.
Von 1955 an rüstete Zuse Universitäten mit dem Relaisrechner Z11 und mit dem vollelektronischen Computer Z22 aus, wie ihn Schreyer und Zuse schon 1938 entworfen hatten. Ende der fünfziger Jahre verlagerte Zuse seine auf 1000 Mitarbeiter angewachsene Firma nach Bad Hersfeld - erst in eine alte Tuchfabrik, dann in ein neues Werk vor der Stadt. "Der Laden lief", sagt sein Sohn.
Horst Zuse war als zehn Jahre alter Junge öfters in der Fabrik, hat sich von den Arbeitern alte Relais und Schrittschalter geben lassen, um sie in seinem Zimmer unterm Dach in die Märklin-Eisenbahn einzubauen. "Mit zwölf Jahren hatte ich die erste vollautomatische Modelleisenbahn", sagt er. Nach offiziellen Angaben verkaufte die Zuse KG in den anderthalb Jahrzehnten ihres Bestehens 250 Computer und erlöste mehr als 100 Millionen Mark. "Nach meinen Schätzungen müssen es bis zu 450 Rechner gewesen sein", sagt Zuse.
Ein Treffen mit Bill Gates
Doch der jungen Firma ging das Kapital aus. Es gab Patentklagen; die Konkurrenz rollte mit neuartigen Transistorenrechnern die Branche auf; IBM bot Rechner zu Leasingverträgen an. "Ein Start-up wie Zuse konnte nicht mehr mithalten", erklärt der Sohn. Der Z23 und der Grafikcomputer Z64 kamen zu spät - der Universalrechner Z25 floppte. 1961 stieg der Rheinstahl-Konzern als stiller Teilhaber ein. Fünf Jahre später übernahm Siemens die Anteile, löschte die Zuse KG aus dem Handelsregister und schickte Vater Zuse nach Hause. "Er war frustriert", sagt sein Sohn heute.
Der Vater malte fortan viele Bilder, schrieb Bücher, baute 1987 den Z1 noch einmal nach und konstruierte von 1989 an einen sich selbst errichtenden Helixturm. Die junge Restauratorin Nora Eibisch baute Zuses zweieinhalb Meter hohes Turmmodell mit seinen 6300 Einzelteilen für das Deutsche Museum München 2009 in monatelanger Kleinarbeit wieder zusammen. "Der Turm ist ein Meisterwerk", sagt sie. Zuse habe sich 1993 mit dem ersten Modell dort gesehen, wo er 1938 mit der Z1 war, hatte ein zweites auf Papier und ein drittes im Kopf. Es blieb bei den Plänen.
Wenige Monate vor seinem Tod im Dezember 1995 in Hünfeld in Hessen traf er Bill Gates. Der hatte um das Treffen mit dem Computerpionier gebeten. Der Microsoft-Chef saß Zuse Modell für ein Porträt. Gates hängte sich das Bild später in sein Büro. "Mein Vater erklärte Gates im Gespräch, dass er es nie für möglich hielt, mit Software Geld zu verdienen", sagt Horst Zuse. "Doch so ist das: Nichts ist wirklich kalkulierbar." Am 22. Juni wäre Konrad Zuse hundert Jahre alt geworden. Horst Zuse will dann in seiner Berliner Dachwohnung den Nachbau des Z3 fertig haben und rechnen lassen.
Kompliment! | Weiterlesen: "Der Computer - Mein Lebenswerk" von Konrad Zuse
Steffen Wettengl (swettengl)
- 19.06.2010, 12:33 Uhr
Deutsche Erfindungen
Andreas Müller (abumachuf)
- 19.06.2010, 12:49 Uhr
40 Jahren sozialistischer Umbau von Schulen?
Bernd Helfert (Helfert)
- 19.06.2010, 14:57 Uhr
Konrad Zuse
Bryan Hayes (bhayes)
- 19.06.2010, 15:08 Uhr
@Andreas Müller - Deutsche Nobelpreisflaute
Ruben Aschkenasi (RubenAschkenasi)
- 19.06.2010, 15:54 Uhr
