16.10.2007 · Forscher legten jüngst dar, dass Fettleibigkeit zu einem erhöhten Ausstoß von Kohlendioxid beitrage. Das klingt bizarr. Aber auch renommierte Studien lassen zum Teil zweifeln. Ein Blick auf die weniger klugen Ideen zum Klimaschutz.
Von Patrick WelterIn der Debatte um die Erderwärmung haben Ökonomen in einer Hinsicht nichts zu sagen: Es liegt nicht in ihrer Kompetenz, zu beurteilen, ob die Belege für den vermuteten schädlichen Einfluss von Kohlendioxid auf die Erderwärmung stichhaltig sind oder nicht. Da müssen schon Naturwissenschaftler ran.
Ökonomen können aber sehr wohl beurteilen, ob die öffentliche Hand in Sachen Umweltschutz in den Markt eingreifen sollte. Schließlich dreht es sich in der Umweltpolitik darum, wie und von wem knappe Güter wie die Luft am besten verwendet werden. In diesem Feld sind Ökonomen Spezialisten.
Bizarre Beiträge
Anstatt über ihr begrenztes Wissen nachzudenken, melden sich viele Volkswirte in der umweltpolitischen Diskussion freilich lieber mit geradezu bizarren Beiträgen zu Wort. So legten Hamburger Forscher unlängst dar, dass die Fettleibigkeit zu einem erhöhten Ausstoß von Kohlendioxid und damit zum Treibhausgaseffekt beitrage, weil dicke Menschen schwerer zu transportieren sind. Auch äßen sie mehr, so dass mehr Nahrung produziert und mehr organischer Müll weggeworfen werde. Wären die Menschen im Schnitt fünf Kilogramm leichter, könne allein der CO2-Ausstoß im Straßenverkehr in den OECD-Ländern um zehn Millionen Tonnen im Jahr reduziert werden.
Hoffnungsfroh erwarten die Ökonomen Axel Michaelowa und Björn Dransfeld, dass die Diskussion um die Erderwärmung die breite Masse der Bevölkerung dazu bringe, sich politischem Zwang zur Verringerung der Fettleibigkeit zu unterwerfen.
Die Kosten sind auch heute zu tragen
Bedenklicher als solche amüsanten Beiträge ist, dass auch renommierte Studien auf Werturteilen und nicht auf handfester ökonomischer Analyse beruhen, wie etwa der Bericht der Forschergruppe um Nicholas Stern im Auftrag der britischen Regierung. Populär ging vor einem Jahr durch die Medien, der Treibhausgaseffekt werde die globale Wirtschaftsleistung jedes Jahr um mindestens fünf Prozent vermindern. Um die schädlichsten Folgen zu vermeiden, sei indes nur ein Prozent der jährlichen Weltwirtschaftsleistung aufzubringen. Danach wäre der Umweltschutz eine besonders gute Investition.
Diese Kosten-Nutzen-Rechnung ist höchst fragwürdig. Während der Nutzen einer Vermeidung der Erderwärmung weit überwiegend künftigen Generationen zugutekommt, sind die Kosten auch heute zu tragen. Wer künftigen Nutzen mit heutigen Kosten vergleicht, muss entscheiden, wie sehr ihm das Wohl der künftigen Generationen am Herzen liegt. Zeitpräferenz nennen dies Ökonomen, und die Erfahrung lehrt, dass die Menschen üblicherweise die Zukunft geringer schätzen als die Gegenwart. Nicht umsonst verlangt in der Regel der Kapitalgeber bei der Rückzahlung einen Aufschlag, den Zins, um für sein Zeitopfer entschädigt zu werden. Erst die Diskontierung künftiger Kosten und Nutzen mit der Zinsrate auf den heutigen Zeitpunkt erlaubt, Kosten und Nutzen der Geldleihe wie des Umweltschutzes zu vergleichen.
Konzept der Zeitpräferenz - einfach abgelehnt
Stern und seine Mitstreiter lehnen das Konzept der Zeitpräferenz für die Generationenabfolge indes ab: Es dürfe nicht sein, dass künftige Generationen weniger wert seien als heutige Menschen. Gerade mal eine Diskontrate von 0,1 Prozent setzen die Autoren des Stern-Reports an, um so das Risiko zu berücksichtigen, dass künftige Generationen womöglich als Folge eines Meteoriteneinschlages gar nicht mehr leben und heutige Kosten für den Umweltschutz sinnlos vertan wären.
Hinter dieser Annahme einer fast nicht vorhandenen Zeitpräferenz steht ein Werturteil, das Ökonomen nur in überzogener Selbstherrlichkeit, nicht aber auf Basis ihrer Erkenntnisse fällen können. Sicher aber können Ökonomen sagen, dass 0,1 Prozent als Maß für die Gegenwartsvorliebe der Menschen sehr - und wahrscheinlich viel zu - niedrig ist. Im historischen Normalfall verlangen Menschen als langfristigen Zinssatz häufig rund vier Prozent. Dieser am Markt und nicht von oben vorgegebene Zinssatz ist ein weit realistischerer Wert für die allgemeine Gegenwartsvorliebe, wie der britische Ökonom Samuel Brittan argumentiert hat.
„Nirvana-Ethik“
Diese philosophisch anmutende Diskussion hat handfeste Konsequenzen für die Berechnung von Kosten und Nutzen des Umweltschutzes: Je weniger wert die Zukunft geschätzt wird, desto geringer sind die berechneten Kosten der Erderwärmung - und desto weniger sinnvoll ist der heute betriebene Umweltschutz. Erst in einer verschämt nachgeschobenen Alternativrechnung zeigten etwa die Autoren des Stern-Reports, dass bei einer - immer noch niedrigen - Diskontrate von 1,5 Prozent die Kosten des Treibhauseffekts "nur" noch 2,5 Prozent und nicht mehr 5 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung betragen. So lassen die scheinbar gut abgesicherten Aussagen über die Kosten und den Nutzen des Umweltschutzes sich gar trefflich manipulieren.
In seiner unnachahmlichen Art hat der Münchener Ökonom Hans-Werner Sinn solches Abwägen jetzt als fruchtlose „Nirvana-Ethik“ bezeichnet. In der tatsächlichen Umweltpolitik sei nicht entscheidend, welche Zeitpräferenz ein wohlmeinender Ökonom empfehle. Entscheidend sei allein, wie stark die Menschen als Wähler die Zukunft gewichteten. Dem ist schwer zu widersprechen. Jede politische Behauptung, die Menschen schätzten die Zukunft und damit den Umweltschutz zu gering, kommt, wie Sinn darlegt, der Unterstellung gleich, dass Eltern sich um das Wohlergehen ihrer Kinder nicht sorgen. Ein solches Urteil steht keinem Ökonomen, aber auch keinem Politiker zu, will er sich nicht anmaßen, die Wünsche der Menschen besser zu kennen als diese selbst.
Stern und seine Mitstreiter ficht solche Kritik nicht an. Obwohl sie künftige Generationen nicht geringer schätzen wollen als die heute Lebenden, halten sie es für angemessen, dass die künftig Lebenden einen größeren Anteil an den Kosten des Umweltschutzes aufbringen sollen als die jetzige Generation. Als Grund nennen die Forscher, dass künftige Generationen wohlhabender seien. Auch diese Diskriminierung der Reicheren gründet in einem Werturteil, das mit Ökonomik nichts zu tun hat.
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