20.09.2008 · Die Geschichte des Kapitalismus ist auch eine Geschichte der Finanzkrisen. Die Auswirkung der Finanzkrisen auf die reale Wirtschaft blieb meist begrenzt - mit der Ausnahme von 1929, als sich an einen Aktienkrach eine Weltwirtschaftskrise anschloss.
Von Gerald BraunbergerDie Geschichte des Kapitalismus ist auch eine Geschichte der Finanzkrisen. Sie beginnt mit dem spanischen Staatsbankrott von 1557, der eine Reihe europäischer Banken zusammenbrechen ließ. Der erste Börsenkrach fand im 17. Jahrhundert in Holland statt, wo viele Menschen mit Tulpenzwiebeln spekuliert hatten. Die Auswirkung der Finanzkrisen auf die reale Wirtschaft blieb meist begrenzt - mit der Ausnahme von 1929, als sich an einen Aktienkrach eine Weltwirtschaftskrise anschloss.
Der Staatsbankrott von 1557
Jahrzehntelang hatten die Habsburger über ihre Verhältnisse gelebt und sich ihre Kriege durch Kredite meist deutscher und italienischer Banken finanzieren lassen. Im Jahre 1557 ging nichts mehr: Das von den Habsburgern regierte Spanien war bankrott. Die nachfolgenden Kreditausfälle verursachten den Untergang mehrerer Banken. Die Großen wie die Fugger und die Welser überlebten zwar, konnten aber nie wieder an die alte Herrlichkeit anknüpfen.
Die Tulpenmanie
Der erste Krach einer Börse fand im Jahre 1637 in den Niederlanden statt. Gehandelt wurden damals allerdings nicht Aktien oder Anleihen, sondern Tulpenzwiebeln. In den Jahren zuvor hatte halb Holland begonnen, mit den damals in Europa als exotisch geltenden Tulpen zu spekulieren. Seinerzeit fanden auch Termingeschäfte auf die Blumen statt. Auf dem Höhepunkt der Spekulation wurde eine Zwiebel mit umgerechnet 87.000 Euro bezahlt. Als schließlich die Käufer fehlten, brach der Markt zusammen wie ein Kartenhaus. Ihre Liebe zu den Tulpen haben sich die Niederländer dennoch bewahrt: Noch heute gehört das Land zu den wichtigsten Tulpenproduzenten.
John Laws Finanzsystem
Das Modell war einfach: Man werfe die Notenpresse an und locke die Privatanleger in Aktien einer unbekannten Gesellschaft im fernen Amerika. So funktionierte, stark vereinfacht, das von dem Schotten John Law erfundene „Finanzsystem“ , dass er zu Beginn des 18. Jahrhunderts mit Unterstützung der Krone in Frankreich umsetzen durfte. Es funktionierte einige Jahre, ehe sich herausstellte, dass die Kolonialgesellschaft in Amerika keinen Wert besaß. Der Aktienkurs fiel und ruinierte zahlreiche Anleger.
Der Börsenkrach von 1929
Das Vertrauen auf eine lang anhaltende wirtschaftliche Expansion trieb viele amerikanische Privatanleger in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts an den Aktienmarkt. Die Wall Street wusste das ihr zuströmende Geld zu nutzen, um neben sinnvollen auch sinnlose Anlageideen zu promoten. Der Markt wurde intransparent: Wie die berüchtigten Zweckgesellschaften in der aktuellen Krise entstanden seinerzeit zahlreiche Investmenttrusts voller Anlagen mit fragwürdiger Bonität. Als das Vertrauen in den Markt zusammenbrach, setzte ein beispielloser Kursverfall ein, der Millionen Anleger ruinierte und der Wall Street eine Zeitenwende bescherte. Schlimmer noch: An den Börsenkrach schloss sich eine schwere Weltwirtschaftskrise an, die erst nach mehreren Jahren bewältigt werden konnte. Über die Ursachen des Krachs und die Wirtschaftskrise streiten Ökonomen noch heute. Eine von dem verstorbenen Nobelpreisträger Milton Friedman stammende, heute allerdings nicht unumstrittene Interpretation besagt, dass die amerikanische Notenbank Fed mit einer zu straffen Geldpolitik die Krise wesentlich mit verschuldet hat. Die Geldpolitiker haben aus dem damaligen Desaster ihre Lektion gelernt: Heutzutage fluten sie die Finanzmärkte im Krisenfall mit zusätzlichem Geld.
Der Schwarze Montag
Der erste große Börsenkrach nach dem Zweiten Weltkrieg fand am 19. Oktober 1987 an der Wall Street statt, als der Dow Jones Index an einem Tag um 22,6 Prozent einbrach. Vorausgegangen war ein Aktienboom, an dessen Fortdauer angesichts steigender Inflationsraten, höherer Notenbankzinsen und einem internationalen Vertrauensverlust in den Dollar allerdings ernsthafte Zweifel entstanden waren. Dennoch überraschte die außerordentliche Heftigkeit des Einbruchs, zu dem ein weitgehend unregulierter Computerhandel beitrug. Anders als 1929 schloss sich an den Kurssturz allerdings keine Weltwirtschaftskrise an, und nach einem Jahr hatte der Dow Jones seinen Verlust wieder aufgeholt. Auf einem sehr langfristigen Chart wirkt der „Schwarze Montag“ daher heute nicht sehr beeindruckend. Wer ihn allerdings miterlebt hat, kann sich erinnern, dass damals die Furcht vor einer Wiederholung der Ereignisse nach 1929 wach wurde.
Die Asienkrise von 1997
Zu Beginn der neunziger Jahre des 20. Jahrhunderts wurde die Bezeichnung „Tigerstaat“ populär. Gemeint waren südostasiatische Staaten wie Thailand, Indonesien, die Philippinen und Südkorea, die seinerzeit ein starkes Wirtschaftswachstum verzeichneten und als Modellfälle für die positiven Ergebnisse liberaler Reformen bezeichnet wurde. Der Boom endete 1997 mit einer schweren Finanzkrise, als deren wichtigste Ursachen ein außer Kontrolle geratener Investitionsboom, Leistungsbilanzdefizite, eine hohe Verschuldung in Fremdwährungen sowie eine zu schnelle Liberalisierung der nationalen Finanzmärkte gelten. An die Krise der Tigerstaaten schloss sich später eine schwere Krise in Russland an, für die in etwa die gleichen Ursachen angeführt werden können.
Die Technologieblase
Ende der neunziger Jahre hatte die Industrienationen ein Technologietaumel erfasst, der auch der Börse bisher fernstehende Privatanleger an den Aktienmarkt lockte. Damals stiegen nicht nur die Kurse etablierter Telekommunikationskonzerne wie der Deutschen Telekom. Auch Neugründungen mit schwer nachvollziehbaren Geschäftsmodellen und einem den Umsatz übertreffenden Verlust wurden von Anlegern das Geld geradezu nachgeworfen. An der Börse entstanden eigene Marktsegmente für junge Technologiewerte, darunter in Deutschland der Neue Markt. Gefördert wurde das bunte Börsentreiben durch eine vor allem von der amerikanischen Fed betriebene lockere Geldpolitik sowie die Deregulierung der Telekommunikationsmärkte, die das Ende der alten staatlichen Monopolbetriebe einläutet. Die Technologieblase war auch die Zeit großer Fusionen und Übernahmen, die überwiegend mit Aktien und nicht mit Geld finanziert wurden. Den spektakulärsten Fall bildete die Übernahme der deutschen Mannesmann durch die britische Vodafone. Die Euphorie endete im Frühjahr 2000, als allmählich deutlich wurde, dass viele Unternehmen die eigenen Gewinnerwartungen niemals erfüllen konnten. Der Kurssturz war äußerst heftig und zog sich mehrere Jahre hin.
Vom spanischen Staatsbankrott des Jahres 1557 über die Gründerkrise des Deutschen Reiches und den Börsenkrach von 1929 bis zur aktuellen Finanzmarktkrise: Anfang Oktober erscheint im Buchverlag der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ein von Gerald Braunberger (Verantwortlicher Redakteur für Finanzmarkt der F.A.Z.) und Benedikt Fehr (Wirtschaftsredakteur der F.A.Z.) herausgegebenes Buch über Finanzkrisen [“Crash - Finanzkrisen gestern und heute“] .
Es zeigt, dass eine Kombination aus billigem Geld, einer scheinbar erfolgreichen Investmentidee und der dem Menschen eigenen Gier die Voraussetzung für Spekulationswellen und die daran anschließende Krise bildet. Der historische Teil beschreibt die Entstehung und den Verlauf von 16 Krisen. Der zweite Teil des Buches zeigt, wie eine lockere Geldpolitik und Innovationen an den Finanzmärkten aus einer Schwäche am amerikanischen Immobilienmarkt eine die Welt umspannende Finanzkrise entstehen ließ, wie sie die Welt seit Jahrzehnten nicht gesehen hat.
Gerald Braunberger Jahrgang 1960, Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für den Finanzmarkt.
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