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Inflation Wie lange hält der Euro durch?

05.04.2009 ·  Die Staaten verschulden sich in der Krise und die Zentralbanken drucken Geld. Deshalb wächst - vor allem in Deutschland - die Angst vor der Inflation. Ganz unbegründet ist sie nicht.

Von Patrick Bernau
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Ein Päckchen Butter für 400 Millionen, ein Anzug für 110 Milliarden und kurz danach ein Brot für eine Billion: Das waren die Preise in Deutschland zur Zeit der großen Inflation 1923. Am Ende stand die Währungsreform. Die ist jetzt mehr als 80 Jahre her - und doch in den deutschen Gehirnen so präsent wie der Mauerfall oder der 11. September 2001.

Denn dieser Tage schreiben viele Deutsche in Gedanken schon wieder Preisschilder mit zehn Nullen. Die Regierungen in aller Welt verschulden sich über beide Ohren. Wie sollen sie diese Schulden jemals wieder loswerden? Das fragen sich die Bürger, und einige antworten: durch Inflation.

Wenn es nicht der Staat ist, der die Inflation verursacht, dann könnten es auch die Zentralbanken sein. Sie lassen fast im Wochenrhythmus neues Geld auf die darbenden Banken darniederregnen. Allein die amerikanische Federal Reserve hat auf ihren Konten drei Billionen Dollar mehr stehen als vor einem Jahr. Einigen Experten ist das sogar recht. Aus Amerika ruft Harvard-Ökonom Kenneth Rogoff: Fünf Prozent Inflation wären ganz gut, um die Krise zu mildern.

Die Banken horten das Geld für Notfälle

Also kriecht die Angst in die Knochen der Deutschen. "Das kann doch nicht gutgehen!", sagen sie. Die Sorgen zeigten sich am vergangenen Sonntag, als sich Leser der Sonntagszeitung kostenlos von Anlageexperten beraten lassen konnten: Die weitaus meisten Fragen drehten sich um Inflation und den Schutz davor, also Gold oder Immobilien. Die große Frage dieser Wochen lautet: Kommt die Inflation zurück?

So viel ist klar: Die Inflation steht noch nicht vor der Tür. Es ist noch nicht einmal irgendetwas von ihr zu sehen. Aktuell liegt die Inflationsrate in der Euro-Zone nur bei 1,2 Prozent. Solange die Rezession nicht ausgestanden ist und die Banken nicht gerettet sind, bleibt die Gefahr von sinkenden Preisen deutlich größer - also die einer Deflation. Um das zu verhindern, überschüttet die Zentralbank die Wirtschaft gerade mit Geld.

Doch davon kommt nur wenig an. Denn die Zentralbank stellt den Kreditinstituten zwar Massen an Geld bereit, doch die geben nur Bruchteile davon per Kredit an Firmen oder Privatleute weiter. Die Geldmenge in der Wirtschaft stagniert. Denn die Banken horten das Geld für Notfälle und legen es in der Zwischenzeit zu schlechteren Zinsen wieder bei der Zentralbank an. Solange das so bleibt, stabilisiert das viele Geld der Notenbanken zwar die Banken, hat aber ansonsten keine Wirkung. Einige Zentralbanken vergeben jetzt deshalb an den Banken vorbei direkt Geld an die Firmen, zum Beispiel, indem sie deren Anleihen kaufen.

Doch auch wenn das Geld in der Wirtschaft ankommt, kann es derzeit kaum Inflation auslösen. Denn eine Inflation gibt es nur dann, wenn die Preise steigen. Preiserhöhungen trauen sich die Firmen aber nur, wenn sie genügend Bestellungen haben - doch daran fehlt es derzeit allerorten. Tatsächlich fiel nur einmal in der Geschichte eine Inflation mit der Wirtschaftskrise zusammen: in der Ölkrise der siebziger Jahre. Damals aber trieb die Opec zunächst den Ölpreis in die Höhe und löste dadurch die Krise erst aus. Sobald die Rezession einmal da ist, hat auch die Opec kaum Spielraum für Preiserhöhungen.

Die Zentralbanken müssen das Geld wieder einsammeln - doch das wird schwierig

Doch irgendwann wird sich die Wirtschaft wieder berappeln, und die Nachfrage wird zurückkehren. Ob das noch in diesem Jahr ist oder erst 2011, weiß niemand genau. Doch sicher ist: Dann ist die Inflationsgefahr wieder da. Denn dann könnten die Banken das gehortete Geld an die Wirtschaft weitergeben. Die Nachfrage nach Rohstoffen kann wieder in Gang kommen und deren Preise in die Höhe treiben. Irgendwann wird auch die Arbeitslosigkeit sinken, und die Löhne werden steigen. Vielleicht steigen auch nicht die Preise fürs Brot, sondern für irgendeine Geldanlage wie Staatsanleihen - auch das wäre nicht gut, denn dann entstünde bald wieder eine Finanzkrise.

In der Theorie ist klar, was die Zentralbank tun muss: Sie muss den Leitzins anheben und das Geld, das sie den Banken bereitgestellt hat, schnell wieder einsammeln. Das kann zumindest in Europa theoretisch durchaus fix gehen, denn die Kredite der Notenbank an die Banken laufen meist ohnehin nur ein Vierteljahr. Die Zentralbank dürfte dann nur keine neuen Kredite mehr ausgeben. Doch in der Praxis wird das schwierig. Heute schon ist klar, dass es auch eine Reihe guter Gegenargumente geben wird. Zum Beispiel: Höhere Zinsen verteuern den Schuldendienst auch für den Staat. Und sie könnten den zarten Aufschwung töten. Diese Argumente gibt es auch in anderen Abschwüngen. Aber angesichts hochverschuldeter Staaten und einer tiefen Rezession könnte der öffentliche Druck auf die Notenbanken diesmal besonders hoch sein.

Darum könnte der Kampf gegen die Inflation schwerfallen - vor allem der amerikanischen Fed, die möglicherweise gar nicht alles Geld wieder einsammeln kann, wie der Chicago-Ökonom Harald Uhlig betont. Schließlich kauft die Fed gerade toxische Wertpapiere an. "Damit kann sie auch Verluste machen. Dann wird es für sie schwierig, das gezahlte Geld wieder aus der Wirtschaft zurückzuholen."

Zum Glück würde eine amerikanische Inflation den Europäern wenig ausmachen, solange sie nicht allzu hoch wird. Der Dollar würde dann zwar schwächer, erwartet der Frankfurter Geldprofessor Volker Wieland. Aber das habe die Welt schon in den siebziger Jahren erlebt und sei damit zurechtgekommen. "Es wird Unterschiede zwischen den Staaten geben", schätzt Wieland. "In Europa wird die Inflation eher kleiner ausfallen." Anders als die Fed soll die EZB nämlich nur die Inflation bekämpfen und nicht noch die Arbeitslosigkeit. Außerdem hat sich die EZB ein klares Inflationsziel gegeben: Sobald die Inflation über zwei Prozent steigt, hat die EZB es verfehlt - und zwar öffentlich.

Experten rechnen mit Inflationsraten zwischen drei und sechs Prozent

Drei Haken bleiben, glaubt Wieland: Erstens stehe die Europäische Zentralbank in der Gefahr, zu langsam zu handeln, weil sich in den großen Gremien möglicherweise einige Staaten gegenseitig blockieren. Zweitens könnten sich die EU-Staaten im Übermaß verschulden, wenn ein gefährdeter Staat wie Irland oder Italien pleitegeht und von den anderen Staaten gerettet wird, denn das würde die Kreditdisziplin der Staaten zerstören. Und drittens könnten die Politiker auch einen Zentralbankchef berufen, der die Inflation schätzt.

Doch die Politiker wüssten, dass auch die Inflation nicht hilft, wenn das Volk damit rechnet, glaubt der Wirtschaftshistoriker Hans-Joachim Voth an der Universität Pompeu Fabra in Barcelona. Denn dann muss der Staat auf seine Schulden vielleicht von vornherein einen Inflationsausgleich zahlen - zum Beispiel in Form von inflationsgeschützten Anleihen. Schon in der Wirtschaftskrise von 1929 hätten die deutschen Politiker daher die Inflation vermieden, sagt Voth, weil ihr Volk noch die Hyperinflation von 1923 im Kopf hatte.

Die Experten rechnen mit Inflationsraten zwischen drei und sechs Prozent. Wie es tatsächlich ausgeht, liegt letztlich an den Europäern: Wollen sie lieber eine hohe Inflation oder hohe Steuern? Und haben sie sich schon auf Teuerungen eingerichtet? Dann wird Inflation für den Staat uninteressant.

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Jahrgang 1981, verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft Online.

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