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Wirtschafts-Nobelpreis : Ein Preis verändert die Welt

Begehrte Auszeichnung: Die Nobelpreis-Medaille Bild: dpa

Der Wirtschaftsnobelpreis ist eine Propaganda-Aktion für die neoliberale Lehre - so heißt es oft. Doch dazu ist er gar nicht zu gebrauchen.

          Da saßen sie, die Vertreter der Weltpresse, im prunkvollen Saal der Königlich Schwedischen Akademie, unter Ölgemälden und Kronleuchtern, zusammengepfercht hinter einem U-förmigen Tisch, und sie warteten. Sie warteten auf die Verkündung des Wirtschafts-Nobelpreises. Und sie warteten schon eine ganze Weile. Um 11.30 Uhr hätte die Pressekonferenz beginnen sollen, es war schon 13 Uhr – und noch immer hatten sich die Türen nicht geöffnet.

          Patrick Bernau

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Nun wird der Nobelpreis überraschend vergeben, es kann vorkommen, dass der Preisträger nicht ans Telefon geht. Das aber war in diesem Fall nicht das Problem. Hinter den Kulissen wurde heftig gerungen. Sollte wirklich John Nash einen Nobelpreis bekommen, ein Mathematiker, der wegen Schizophrenie seit 30 Jahren nichts mehr publiziert hatte, und von dem niemand wusste, ob er wieder ganz gesund war?

          Die Leistung war für viele Leute preiswürdig. John Nash hatte das „Nash-Gleichgewicht“ entwickelt, ein sehr einleuchtendes mathematisches Modell dafür, wann wirtschaftliche Situationen stabil sind: nämlich dann, wenn niemand mehr einen Anreiz hat, sein Verhalten ohne Absprache zu ändern. Nach Nash hat sich diese Betrachtungsweise weit verbreitet, heute erklären selbst Biologen das Verhalten von Eidechsen mit dem Nash-Gleichgewicht.

          Kontroverser Sieger: Mathematiker John Nash

          Nur ein Wirtschaftsprofessor im Preiskomitee zweifelte. Ein Preis an einen Mathematiker? Und würde John Nash mit seiner Krankheit Schande über den Preis bringen? Stundenlang diskutierten die Professoren, bevor sie zur Abstimmung schritten – und Nash den Preis zuerkannten. So beschreibt Nashs Biografin Sylvia Nasar die Szene aus dem Jahr 1994. Die Nobel-Stiftung selbst nimmt zu dieser Geschichte keine Stellung. Sicher ist aber: Der Wirtschafts-Nobelpreis sollte nie wieder ganz derselbe sein.

          Nobels Hass auf die Volkswirtschaftslehre

          Rückblende: 26 Jahre zuvor, das Jahr 1968. Der Chef der schwedischen Notenbank, Per Åsbrink, hatte einen Machtkampf gegen das Finanzministerium verloren. Nur mit Erlaubnis der Regierung durfte er noch die Zinsen erhöhen, und die Erlaubnis gab es selten. Zu selten, wie Åsbrink fand. Er strebte nach Unabhängigkeit. Ein Mittel: Ein großes Fest zum 300. Geburtstag seiner Reichsbank – und auf diesem Fest verkündete er eine Überraschung: den neuen Nobelpreis für Ökonomik, gestiftet von seiner Notenbank, der schwedischen Reichsbank. Die Zustimmung des Ministerpräsidenten hatte er. Auch das Schwedische Parlament gab nachträglich grünes Licht – so beschreiben es die Historiker Avner Offer und Gabriel Söderberg in einem neuen Buch über den Preis („The Nobel Factor“).

          Eigentlich war das unerhört. Nobelpreise hat nur einer gestiftet: Dynamit-Erfinder Alfred Nobel, der sein Vermögen einer Stiftung hinterlassen hatte und vorschrieb, einmal im Jahr jene auszuzeichnen, die der Menschheit im Jahr zuvor den größten Nutzen gebracht hatten. In Physik, Chemie, Medizin, Literatur und für den Frieden. Ökonomik fehlte. Heute sagen die Großnichten und -neffen von Alfred Nobel, dass er die Volkswirtschaftslehre verabscheut habe. „Ich habe keine Ausbildung in Ökonomie und hasse sie aus tiefstem Herzen“, heißt es in einem Brief von Nobel.

          Es ist diese Geschichte, die jährlich neu erzählt wird, wenn der Wirtschaftsnobelpreis vergeben wird. So wird es auch wieder klingen, wenn am Montag die diesjährigen Auszeichnungen bekanntgegeben werden. Kritiker sehen in den Vorwürfen des Nobel-Neffen das erste Indiz dafür, dass der Preis einer neoliberalen Agenda dient. Viele würden ihn gerne wieder abschaffen.

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