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Geldpolitik : Mehr Inflation wagen

Brisante Thesen: IWF-Chefökonom Olivier Blanchard Bild: dpa (Archivbild 2008)

Seit Jahrzehnten gilt der Grundsatz, dass Notenbanken in erster Linie die Inflation niedrig halten sollen. Jetzt schlägt der Chefökonom des Internationalen Währungsfonds andere Töne an. Und denkt ernsthaft über einen Paradigmenwechsel nach.

          Viele Bürger fürchten höhere Inflation als Folge der Wirtschaftskrise, einige Ökonomen halten mehr Inflation aber für notwendig. Olivier Blanchard, Chefökonom des Internationalen Währungsfonds (IWF), hat dazu einen brisanten Aufsatz veröffentlicht. Vergangene Woche setzte der Fonds das Papier mit dem Titel "Rethinking Macroeconomic Policy" auf seine Internetseite.

          Philip Plickert

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Der Volkswirt“.

          Nur wenig verdeckt, enthält es eine sensationelle Nachricht. Blanchard fordert eine Abkehr von dem vor dreißig Jahren gebildeten Konsens, dass Notenbanken in erster Linie die Inflation niedrig halten sollen. "Sind die Nettokosten von Inflation bei, sagen wir, 4 Prozent viel höher als bei 2 Prozent, dem gegenwärtigen Zielbereich?" fragt der Franzose Blanchard, der lange am Massachusetts Institut of Technology lehrte und seit 2008 die Forschungsabteilung des Fonds leitet.

          Die Frage mag harmlos klingen, dahinter versteckt sich jedoch eine geldpolitische Umwälzung mit Konsequenzen für Unternehmen und Regierungen, für Investoren und Sparer. 4 Prozent Inflation hieße ja über ein Jahrzehnt mehr als 40 Prozent Geldentwertung.

          Verwundert: Nobelpreisträger Paul Krugman
          Verwundert: Nobelpreisträger Paul Krugman : Bild: AFP

          Lob von Paul Krugman

          Im Kern treibt Blanchard folgender Gedanke um: Sollte man ein höheres Inflationsniveau anstreben, um der Geldpolitik im Falle von Schocks mehr Spielraum für niedrigere Realzinsen zu geben? Der keynesianisch orientierte Ökonom Paul Krugman lobt diese Überlegung. Er wundert sich bloß, dass der IWF seinen Chefökonom so öffentlich reden lässt. Mit Sicherheit war das Papier mit IWF-Direktor Dominique Strauss-Kahn abgesprochen. Offensichtlich arbeiten beide an einem Paradigmenwechsel.

          Zuletzt gab es einen solchen vor gut dreißig Jahren. Damals, in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre, zerbrach der keynesianische Konsens. Die expansive Geldpolitik, die mit niedrigen Zinsen die Nachfrage stärken wollte, konnte nach der Ölpreiskrise die Wirtschaft nicht mehr stimulieren, sondern brachte nur immer schneller steigende Preise. Diese ernüchternde Erfahrung führte zu einem Kurswechsel der Notenbanken der westlichen Welt. Die Deutsche Bundesbank vollzog als erste schon 1976 eine Wende zu einem monetaristischen Konzept, in den Grundzügen erfunden vom Nobelpreisträger Milton Friedman, der mittels der Steuerung der Geldmenge die Teuerung im Zaum halten wollte. 1979 zog Paul Volcker als Vorsitzender der amerikanischen Notenbank Fed die Notbremse. Er schraubte den Leitzins sehr hoch, um mit dieser schmerzhaften Therapie die zweistelligen Inflationsraten zu eliminieren.

          Mitte der achtziger Jahre begann eine neue Phase der weltwirtschaftlichen Entwicklung, die Ökonomen rückblickend als "große Mäßigung" (great moderation) bezeichnen. Trotz gelegentlicher Krisen und Schocks wurden die konjunkturellen Ausschläge geringer, die Inflationsraten schwankten weniger und sanken insgesamt erheblich. Nicht wenige Ökonomen glaubten, Inflation sei ein Phänomen von gestern, das man ebenso wie Konjunkturkrisen durch kluge makroökonomische Politik vermeiden könne.

          Dann kam die Weltwirtschaftskrise des Jahres 2009. Sie habe die einstigen Ansichten über die richtige makroökonomische Politik erschüttert und als falsch entlarvt, meint Blanchard. Man habe sich in der Phase der "großen Mäßigung" einlullen lassen. Vor der jüngsten Rezession war es herrschende Meinung unter Ökonomen, dass Staaten die Finger lassen sollten vom Versuch, die Konjunktur durch höhere Ausgaben zu stimulieren. Nun hat man ebendies mit Milliardensummen getan. Zudem griffen die Zentralbanken zu einer stark expansiven Geldpolitik. Die Fed senkte die Leitzinsen praktisch auf null, weltweit flutete man die Märkte mit Liquidität.

          „Wir wollen die Frage zur Diskussion stellen, nicht direkt eine Antwort geben“

          Blanchard bedauert, dass die Geldpolitik nicht noch expansiver sein konnte. Der Grund dafür ist die sogenannte Nullzinsschranke: Unter null Prozent kann der Leitzins faktisch nicht gesenkt werden. Wenn aber die Geldpolitik vor der Krise die Inflationsraten und Inflationserwartungen höher gesetzt hätte - etwa bei 4 Prozent und nicht bei 2 Prozent -, dann könnten die realen Leitzinsen (der nominale Zins abzüglich der Inflation) tiefer in den negativen Bereich gedrückt werden. Folglich wäre der Spielraum für eine expansive Geldpolitik zur Bekämpfung von Schocks größer, die Fiskalpolitik müsste weniger leisten.

          Das ist Blanchards zentraler Punkt. Freilich warnt der Chefökonom davor, "das Kind mit dem Badewasser auszuschütten". Die Krise habe zwar Zweifel am bisherigen Konsens für niedrige Inflationsraten aufgeworfen, doch "die meisten Elemente des Konsens vor der Krise sind noch gültig", schreiben Blanchard und seine zwei IWF-Mitautoren. Inflation erzeuge schädliche Verzerrungen in der Wirtschaft. Dennoch sollte man die Liste der Vor- und Nachteile von Inflation noch einmal sorgfältig studieren. Die Ökonomen legen sich nicht fest, ob 4 Prozent besser wären als 2 Prozent. "Wir wollen die Frage zur Diskussion stellen, nicht direkt eine Antwort geben."

          Trotz dieser beschwichtigenden Sätze könnten Blanchards Überlegungen die Büchse der Pandora öffnen, fürchten konservative Ökonomen. Sofort hat John Taylor, einer der führenden Geldtheoretiker der Vereinigten Staaten, die Gegenfrage gestellt: "Wenn man sagt, es sind 4 Prozent, warum nicht 5 Prozent oder 6 Prozent?" Äußerungen Blanchards legen nahe, dass er hohen volkswirtschaftlichen Schaden erst ab 10 Prozent Inflation sieht.

          Die inflationsgeschädigten Deutschen mögen das anders sehen. Auch in der angelsächsischen Welt gibt es Unruhe wegen der Gedankenspiele des IWF-Chefdenkers. Wenn sie die Glaubwürdigkeit der Makropolitik untergraben, wäre die nächste Krise noch viel schwieriger zu bekämpfen, schreibt der "Economist": "Als intellektuelle Übung ist Mr. Blanchards Idee faszinierend. Als Politikvorschlag ist sie unverantwortlich."

          Olivier Blanchard, Giovanni Dell'Ariccia, Paolo Mauro: "Rethinking Macroeconomic Policy", im Internet: http://www.imf.org/external/pubs/ft/spn/2010/spn1003.pdf

          Quelle: F.A.S.

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