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Gastbeitrag : Welche Wirtschaft tötet?

  • -Aktualisiert am

Papst Franziskus liegt falsch, findet der Gastautor. Bild: AFP

Papst Franziskus verdammt die „absolute Autonomie der Märkte“ und preist staatliche Eingriffe und Sozialprogramme. Sein Heimatland Argentinien zeigt: Dies ist eine Sackgasse. Die katholische Soziallehre hat einen blinden Fleck.

          „Diese Wirtschaft tötet“ – so schrieb Papst Franziskus vor drei Jahren. Die Worte gingen um die Welt, und es war klar, welche Wirtschaft der aus Argentinien stammende Papst meinte: eine Wirtschaft, die auf der falschen Lehre der „absoluten Autonomie der Märkte“ beruht und durch die „sich große Massen der Bevölkerung ausgeschlossen und an den Rand gedrängt“ sehen. Damit den Armen dieser Welt Gerechtigkeit widerfahre, appellierte der Papst an Staat und Politik.

          Paradoxerweise waren es gerade Staat und Politik, die das einst prosperierende Argentinien ins Elend stürzten. Die – von Präsident Perón initiierte und von seinen Nachfolgern fortgeführte – Politik einer staatlich organisierten „sozialen Gerechtigkeit“ war es, die schließlich Massenarmut verursachte. Die protektionistische Politik der Importsubstitution (sie wurde damals auch von linken Ökonomen wie Gunnar Myrdal und dem Argentinier Raúl Prebisch gefordert, später aufgrund der marxistischen Dependenztheorie von der katholischen Befreiungstheologie propagiert), die Einbindung der Gewerkschaften ins Regierungssystem und die gleichzeitige Korrumpierung der Unternehmerschaft durch die nun für sie überlebenswichtig gewordene staatliche Privilegienverteilung, ein mit der Notenpresse finanzierter Wohlfahrtsstaat, Aufblähung des Staatsapparates, um die hohe Arbeitslosigkeit zu verdecken: All dies schuf eine Kultur von Rent-Seeking und Verteilungskämpfen um den staatlichen Kuchen - unter Vernachlässigung, ja Bestrafung der produktiven, unternehmerischen Kräfte der Gesellschaft.

          Sozialisten und Kirchenleute glauben immer noch, Armut sei eine Folge des Reichtums

          Als Erzbischof von Buenos Aires betonte Franziskus treffend, menschliche Würde verlange, nicht von Almosen, sondern von den Früchten der eigenen Arbeit zu leben. Eine entsprechende „Kultur der Arbeit“ zu fördern sei – so Erzbischof Bergoglio in seinem Buch „Der Jesuit“ – Aufgabe der Regierung und ihrer „zuständigen Ministerien“. Im Jahr 2010 meinte er im Gespräch mit dem Rabbiner Abraham Skorka, Politik sei eine „höhere Form der gesellschaftlichen Wohltätigkeit“.

          Doch ist nicht gerade dies die argentinische Krankheit? Mit diesem Anspruch war ja einst Perón angetreten. Die beste Weise, das Privateigentum zu verteidigen, erklärte er 1948 vor kirchlichen Kreisen, sei, „die Mächtigen zur Einsicht zu bewegen, dass sie ihre Güter mit den Besitzlosen teilen müssten. Damit die Armen weniger arm sind, ist es nötig, dass die Reichen weniger reich sind“. Perón bewegte die Reichen tatsächlich zum „Teilen mit den Armen“ – mit der Macht des Staatsapparates und bis zum Ruin der gesamten Volkswirtschaft. Peróns „höhere Form der gesellschaftlichen Wohltätigkeit“ war in Wirklichkeit eine Politik, die tötet.

          Die Meinung, Armut sei eine Folge des Reichtums der Reichen, spukt immer noch in den Köpfen von Sozialisten und anderen Wohlgesinnten herum, auch von Kirchenleuten. Sie vergessen, dass Armut über viele Jahrhunderte der natürliche Zustand der Menschheit war und zum Teil noch heute ist. Wie dagegen entstehen Reichtum und Massenwohlstand? Ein Blick in die Geschichte zeigt: Der präzedenzlose Massenwohlstand des Westens kam durch den Kapitalismus zustande, durch Marktwirtschaft, freies Unternehmertum, staatlich garantierte Rechtssicherheit und, vor allem, durch die Sicherung von Eigentumsrechten. Nur so können unternehmerisches Handeln und technologischer Fortschritt sich entfalten und Wohlstand schaffen. Doch genau hier liegt der blinde Fleck der katholischen Soziallehre.

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