05.06.2008 · Wollte man die wahren Machtverhältnisse in Europa vom Mittelalter bis in die Neuzeit abbilden, müsste hinter dem Namen jedes Herrscher der seines Bankiers stehen. Finanzdynastien beeinflussten Machtkämpfe, Kriege und die Weltpolitik.
Von Judith LembkeIm 19. Jahrhundert bestimmten nach Einschätzung der Zeitgenossen sechs Großmächte die Weltpolitik: England, Frankreich, Preußen, Österreich, Russland - und die Rothschilds. Von der Finanzkraft des Privatbankhauses hing nicht nur der wirtschaftliche Fortschritt, sondern auch der Gang des Weltgeschehens ab. Schließlich waren sie es, die 1875 innerhalb von einer Stunde der britischen Regierung die Mittel zum Erwerb des Suezkanals beschafften und den Eisenbahnbau in Österreich und Deutschland finanzierten. Doch auch dem deutschen "Erbfeind" Frankreich sprangen sie in jenen Jahren zur Seite, als sie dessen Kriegslast aus dem Deutsch-Französischen Krieg umschuldeten.
Wollte man die wahren Machtverhältnisse in Europa vom Mittelalter bis in die Neuzeit abbilden, müsste in jedem Geschichtsbuch hinter dem Namen des Herrschers der seines Bankiers stehen. Indem sie entschieden, wem sie Kredit gewährten und wem sie ihre Mittel verweigerten, beeinflussten sie nicht selten den Ausgang von Machtkämpfen, Kriegen, der Weltpolitik.
Finanzgeschäfte werden gerne misstrauisch beäugt
Die Beispiele sind zahlreich: Dass sich Karl V. von Habsburg 1519 als römisch-deutscher König durchsetzte und später den Kaiserthron bestieg, hatte er vor allem der finanziellen Unterstützung der Fugger zu verdanken. Die Augsburger Finanzdynastie, die bis heute als eine der reichsten Familien der Geschichte gilt, stellte die Mittel für seinen Wahlkampf bereit, der vor allem aus großzügigen Zuwendungen an die Kurfürsten bestand. Die Fugger waren es auch, die den ersten Sozialfonds der Geschichte gründeten und die Eroberung der Neuen Welt mitfinanzierten.
Nur wenige Jahrzehnte zuvor war die florentinische Bankiersfamilie Medici, mit der heute im Finanzmarkt dieser Zeitung eine Serie über Finanzdynastien in Geschichte und Gegenwart beginnt, zuerst zu einem großen Vermögen und dann an die Herrschaft gelangt. Ihre Verquickung von Geld und Politik war legendär. Sie prägt noch heute die Vorstellung von den unsichtbaren Finanzmächten, die im Hintergrund die Fäden ziehen.
Schon in der Antike war vielen Menschen suspekt, dass sich Geld allein aus Geld heraus vermehren könne. Ein Vermögen, das aus Landbesitz und Immobilien bestand, war für jedermann greifbar, ebenso wie der Lohn für körperliche Arbeit. Finanzgeschäfte wurden hingegen misstrauisch beäugt. Dahinter steckte damals wie heute oft das diffuse Gefühl, die Welt werde von Kapital regiert, das jenseits jeder politischen Kontrolle agiere. Der öffentliche Beifall für den Bundespräsidenten, der die Finanzmärkte mit Monstern verglich, ist ein Beispiel dafür.
Dabei ist das Bankgeschäft historisch gesehen nur ein notwendiger Austrieb des Handels. Um ihre Warengeschäfte reibungslos abwickeln zu können, liehen die Kaufleute einander Geld, entweder gegen Zins oder eine andere Form der Rendite. Die ersten Banken waren somit auch gleichzeitig immer Handelsgesellschaften. Ihre Blüte erreichten die deutschen Merchant-Banker, von denen die Augsburger Familien Fugger und Welser die bekanntesten sind, im 16. Jahrhundert.
Verbindung von Handels- und Finanzmacht ruft Gegner auf den Plan
Die Verbindung von Handels- und Finanzmacht, die ihnen nicht selten eine Monopolstellung ermöglichte, rief ihre Gegner auf den Plan. 1522 nahm sich der Nürnberger Reichstag ihrer Geschäftspraktiken an. Die Argumente, die er gegen die ersten deutschen Großkonzerne vorbrachte, klingen erstaunlich modern: Die frühen Kapitalisten seien Ausbeuter, die den Kern für sich zögen und den anderen nur die Spreu ließen - ein Globalisierungsgegner argumentiert heute nicht viel anders. Man müsse den Monopolen einen Riegel vorschieben, denn nur Wettbewerb bringe gute Preise und rechte Ware. Auch die Vorschläge des Reichstages, um dem Wirken der Konzerne Einhalt zu gebieten, erinnern an immer wiederkehrende Forderungen der politischen Linken: Die Nürnberger verlangten eine Begrenzung des Gesellschaftsvermögens, Handelsbarrieren, Höchstpreise und gerechte Löhne.
Zeitgemäß erscheinen auch die Argumente der Handelsgesellschaften, die den Großteil ihrer Gewinne aus der Nutzung ihrer als Sicherheiten überlassenen Minenrechte zogen: Nur hohe Rohstoffpreise erlaubten es den Unternehmen, die Bodenschätze auszubeuten. Natürlich scheiterte der Nürnberger Reichstag, weil die Großkonzerne ihre Macht spielen ließen, was das Misstrauen des Volkes nur weiter nährte.
Man muss jedoch kein Anhänger eines historischen Materialismus sein, um zu erkennen, dass die frühen Finanzdynastien das System, von dem sie lebten, durch ihr Handeln zumindest mittelbar auch wieder zerstörten. Indem sie das morsche Feudalwesen mit ihren Krediten immer weiter stützten, wurden die wirtschaftlichen und sozialen Missstände irgendwann so eklatant, dass es zu Aufständen, Kriegen und schließlich zum Untergang des Systems kam. Die Finanzdynastien der Frühen Neuzeit hatten sich selbst ihr Grab geschaufelt. Dafür hatte es weder Handelsschranken noch Höchstpreise gebraucht.
| Name | Kurs | Prozent |
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| FAZ-INDEX | 1.394,15 | +1,26% |
| Dow Jones | 12.580,70 | +1,01% |
| EUR/USD | 1,2465 | −0,19% |
| Rohöl Brent Crude | 106,30 $ | −0,51% |
| Gold | 1.579,50 $ | +0,31% |
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