http://www.faz.net/-gqe-ytl3

Finanzkrise : Der Realismus des Adam Smith

  • -Aktualisiert am

Das Standardwerk des Liberalismus: der „Wohlstand der Nationen” Bild: Wikipedia

Auf der Suche nach den Ursachen der Krise ist auch Adam Smith, der Stammvater der liberalen Ökonomen, ins Visier geraten. Kritiker werfen ihm vor, Eigennutz und Egoismus als tragende Prinzipien des Marktes moralisch zu rechtfertigen und damit dem Finanzdesaster quasi Vorschub geleistet zu haben. Karen Horn geht diesem Vorwurf nach.

          Die intellektuelle Schadenfreude war unverhohlen. Als die amerikanische Immobilienblase im Herbst vollends platzte und die Finanzmärkte in die Knie zwang, da sah sich die antikapitalistische Mehrheitsmeinung bestätigt. "Ungezähmte" Märkte könnten nun einmal nicht zuverlässig funktionieren, hieß es. Es sei an der Zeit, dass die Politik das Primat über die Wirtschaft wiedererlange. Endlich sei das ökonomistische Glücksversprechen des Neoliberalismus aufgeflogen als naiver und gefährlicher Irrglaube, der jeglicher seriösen philosophischen Basis entbehre. Im Zuge dieser Anschuldigungen ist zwangsläufig auch der Pionier der modernen Volkswirtschaftslehre und intellektuelle Stammvater der liberalen Ökonomie verstärkt in die verbale Schusslinie geraten: Adam Smith (1723-1790).

          Philosophische Unterbelichtung indes kann man gerade ihm kaum vorwerfen. Adam Smith zählt zur "schottischen Aufklärung", jener fortschrittlichen philosophischen Strömung des späten achtzehnten Jahrhunderts, die ganz auf empirische Beobachtung und praktische Vernunft setzte. Von dem Physiker und Philosophen Isaac Newton (1643-1727) hatten die Denker der schottischen Aufklärung ihre Überzeugung, dass es möglich ist, in der Beobachtung der Realität die ihr zugrundeliegenden Naturprinzipien zu erfassen. Ihr Ziel war es, die Gesetzmäßigkeiten menschlichen Verhaltens und die daraus folgenden Strukturprinzipien für das Leben in Gemeinschaft und Gesellschaft aufzudecken.

          Adam Smith wird verzerrt wahrgenommen

          Smith war ein klassischer Intellektueller seiner Zeit, Universalgelehrter, hochintelligent, perfektionistisch, zerstreut und ewiger Junggeselle. Geboren im Fischerstädtchen Kirkcaldy an der schottischen Ostküste, kam er aus wohlsituiertem Hause; die vor seiner Geburt verwitwete, ihm zeitlebens eng verbundene Mutter förderte seine Ausbildung kräftig.

          In grober Verzerrung wird Smith heute oft als jener Ökonom wahrgenommen, der allzu idealistisch davon ausging, dass sich der individuelle Egoismus im gesellschaftlichen Miteinander auf dem Markt durch das Wirken einer "unsichtbaren Hand" in allgemeines Wohlgefallen auflöst. Auf diesen verkürzenden, irreführenden Nenner wird gelegentlich die Kernaussage seines bekanntesten und mit etwa 1000 Seiten voluminösesten Buches gebracht, des 1776 erschienenen "Wohlstands der Nationen". Hier wirft man Smith gern vor, die persönliche Gier und den Eigennutz der Menschen als Antriebskraft der wirtschaftlichen Entwicklung nicht nur toleriert, sondern vielmehr moralisch freigesprochen zu haben. Dabei lebe der Markt wie die Gesellschaft von Voraussetzungen, die er selbst nicht schaffen könne - und die er, schlimmer noch, unterminiere. So lege auch jetzt wieder das Verhalten mancher Akteure an den Finanzmärkten nahe, dass die Gier eine sozial höchst destruktive Kraft sei und dass es unregulierten Märkten eben nicht gelingen könne, sie in Schach zu halten.

          Weitere Themen

          „Wir können Trump nicht vertrauen“ Video-Seite öffnen

          „Dreamer“ in Amerika : „Wir können Trump nicht vertrauen“

          In New York haben zahlreiche Menschen für den Verbleib der sogenannten Dreamer protestiert, hunderttausende illegal in Amerika eingereiste junge Menschen. Obwohl Präsident Donald Trump an einer Vereinbarung mit den Demokraten arbeitet, die diese Menschen vor der Abschiebung schützen soll, sind viele Aktivisten skeptisch.

          Anerkennung durch Differenz

          Migration : Anerkennung durch Differenz

          Migration nach und innerhalb von Europa hat einen wichtigen Anteil daran, dass sich in europäischen Gesellschaften eine neue Klassenstruktur herausgebildet hat. Gilt selbst dafür die neue Formel der postmigrantischen Gesellschaft?

          Neue Schlappe für Trump vor Gericht Video-Seite öffnen

          Streit um Einreiseverbot : Neue Schlappe für Trump vor Gericht

          Donald Trump hat mit seinem Einreiseverbot für Menschen aus mehreren Ländern eine weitere Niederlage erlitten. Ein Berufungsgericht entschied, dass Verwandte wie Großeltern oder Enkel von amerikanischen Bürgern nicht an der Einreise gehindert werden dürfen.

          Topmeldungen

          Bundestagswahl : Russland rechnet mit Merkel

          In Moskau wird über die Bundestagswahl in viel milderem Ton gesprochen, als über die Präsidentenwahlen in Amerika und Frankreich. Man will Berlin schließlich wieder als Partner gewinnen.

          Zwölf Jahre Kanzlerin : Die Merkeljahre

          Finanzkrise, Eurokrise, Flüchtlingskrise - es waren die schwierigen Situationen, in denen Angela Merkel in ihrer Kanzlerschaft Machtwillen und Durchsetzungsvermögen zeigte. Zwölf Jahre Macht, zwölf entscheidende Momente.

          Streit ums Atomprogramm : Kim: Trump ist ein geistesgestörter Greis

          Kaum droht Donald Trump Nordkorea mit Zerstörung, zeigt Machthaber Kim Jong-un, dass er auch kräftig austeilen kann. Amerika werde „teuer bezahlen“. Sein Außenminister spricht vom Test einer Wasserstoffbombe auf dem Ozean.

          TV-Kritik: Schlussrunde : „Bleiben wir uns selbst treu“

          In der „Schlussrunde“ von ARD und ZDF fehlten die Kanzlerin und ihr Herausforderer. Sie verpassten damit eine gute Gelegenheit zum harten Schlagabtausch mit Alexander Gauland von der AfD.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.