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F.A.Z.-Ökonomenranking 2015 : Hans-Werner Sinn baut seinen Einfluss aus

Hans-Werner Sinn, der Präsident des Ifo-Instituts. Bild: Reuters

Hans-Werner Sinn ist auch in diesem Jahr der einflussreichste Ökonom Deutschlands. Die Griechenland-Krise hat ihm noch mehr Aufmerksamkeit gebracht. Doch auf Rang zwei gibt es eine Überraschung.

          Hans-Werner Sinn ist im zweiten Jahr in Folge der einflussreichste Ökonom Deutschlands. Keiner hat in der Griechenland-Krise in der Öffentlichkeit über viele Medien hinweg so ein Gewicht entwickelt wie der Präsident des Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung. Auch unter Politikern und Ministerialbeamten hat Sinn seinen Einfluss ausgebaut, wie unsere diesjährige F.A.Z.-Rangliste zeigt. In Summe hat kein anderer Wirtschaftsforscher so viel kombinierte Wirkung in Medien, Politik und Forschung.

          Patrick Bernau

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft Online.

          Denn genau darum geht es in der F.A.Z.-Rangliste der Ökonomen. Sie misst, wer sich in diesen ganz unterschiedlichen Welten Gehör verschaffen kann. Um in der Rangliste ganz vorne zu stehen, muss ein Wirtschaftsforscher in den Medien Gehör finden, von Politikern als Ratgeber geschätzt sein und in der Wissenschaft Impulse geben, die andere Forscher dazu bringen, die Arbeiten zu zitieren. Die Daten erhebt die F.A.Z. in Zusammenarbeit mit dem Medienforschungsinstitut Media Tenor International, dem Verein für wissenschaftliche Politikberatung Econwatch, der Universität Düsseldorf, der Zentralbibliothek für Wirtschaftswissenschaften in Hamburg und dem Wissenschaftsverlag Elsevier.

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          In der Gesamtverrechnung zählen der Einfluss in Medien und Politik je einfach, der in der Forschung doppelt. „Für den Steuerzahler ist nicht nur Forschung wichtig“, sagt der Düsseldorfer Volkswirt Justus Haucap. „Das Ranking misst auch Leistungen der Ökonomen im Bereich Wissenstransfer. Damit steht es auf einer breiteren Basis.“

          Ökonomen sind häufiger zitiert worden - aber nicht jeder profitiert

          Allgemein sind Ökonomen in den Medien angesichts der Eskalation in Griechenland in den vergangenen zwölf Monaten häufiger zitiert worden als im Vorjahr. „Wissenschaftliche Expertise findet so in der öffentlichen Debatte mehr Gehör“, sagt Tobias Thomas vom Insititut Media Tenor. Sowie die Griechenland-Krise ins politische Zentrum rückte, stieg das Gewicht der Politiker allerdings noch weiter. Unser Ranglisten-Erster Hans-Werner Sinn konnte sich dennoch besonders viel Gehör verschaffen. Auch Clemens Fuest, der an die Spitze des Ifo-Instituts rücken soll, wenn Hans-Werner Sinn im Frühjahr in Rente geht, hat seine Position verbessert - vor allem im Einfluss unter Politikern.

          Dagegen ist der Vorjahres-Zweite in der Rangliste um einen Platz zurückgefallen: Marcel Fratzscher, der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung. Er hat zwar gemeinsam mit Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel einen Vorstoß für Investitionen in Autobahnen und Brücken, Internetleitungen und Schulen vorgelegt. Doch der zündete nicht richtig, und in der Griechenland-Debatte konnte Fratzscher seine Positionen nicht so in die Öffentlichkeit bringen wie Sinn. Auch in der Breite von Politik und Verwaltung ist sein Einfluss eher noch zurückgegangen. Weil Fratzscher mit seinen Empfehlungen häufig etwas links von der Mitte liegt, war zuvor spekuliert worden, dass er den Platz einiger SPD-naher Ökonomen wie Gustav Horn oder Peter Bofinger einnehmen könnte. Doch auch das scheint nicht funktioniert zu haben.

          Manche Ökonomen forschen – andere beraten die Politik

          Insgesamt zeigt die Liste abermals eine klare Arbeitsteilung zwischen den Ökonomen: Es gibt eine Reihe von Ökonomen, die viel forscht, aber in der Öffentlichkeit und in der Politikberatung kaum präsent ist. Politik und Öffentlichkeit werden dafür von angewandt orientierten Ökonomen mit Ratschlägen versorgt, die sich im Gegenzug weniger in die Spitzenforschung einbringen. Mancher Ökonom, der aus den Medien bekannt ist, qualifizierte sich mangels Resonanz in der Forschung nicht für unsere Gesamtwertung. Das trifft Bank-Ökonomen ebenso wie Volkswirte aus politiknahen Instituten.

          In anderen deutschsprachigen Ländern ist das ähnlich. Das zeigen Ranglisten der „Neuen Zürcher Zeitung“ für die Schweiz und der „Presse“ für Österreich, die nach den gleichen Regeln berechnet werden. Auch dort teilen sich Ökonomen die Arbeit zwischen Forschung und Politikberatung. In beiden Ländern gewinnen Ökonomen, die in der Forschung stark sind: in Österreich der Schwarzmarktforscher Friedrich Schneider von der Universität Linz, in der Schweiz der Verhaltensökonom Ernst Fehr von der Universität Zürich.

          Ernst Fehr ist auch erstmals in der Rangliste für Deutschland vertreten und steigt gleich auf Rang zwei ein. In den vergangenen zwölf Monaten wurden Referentenstellen für Verhaltensökonomik im Kanzleramt geschaffen - im gleichen Jahr wurde Fehr in deutschen Medien erstmals so häufig zitiert, dass seine Botschaften auch bei einer nennenswerten Zahl an Mediennutzern angekommen sind. Deshalb ist er in die Gesamtwertung aufgenommen worden. In diesem Moment schlägt seine enorme Forschungsleistung zu Buche. Denn Fehr hat als einer der angesehensten Vertreter der Verhaltensökonomik viel indirekten Einfluss auf Unternehmen, Öffentlichkeit und Politik.

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