http://www.faz.net/-gqe-16upp
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
F+ Icon
F.A.Z. PLUS
abonnieren
F.A.Z.-Index -- --
DAX ® -- --
Dow Jones -- --
EUR/USD -- --

Veröffentlicht: 05.06.2010, 12:36 Uhr

Essay Das Janusgesicht der Staatsschulden

Staatsschulden sind zugleich privates Vermögen. Doch Defizite werden in der deutschen Debatte nur negativ gesehen. Zu Unrecht, meint der Ökonom Carl Christian von Weizsäcker. Beide Seiten desselben Phänomens seien zu beachten.

© Wikipedia Symbol der Zwiespältigkeit: der Januskopf

Deutschland ist erstens ein weit ausgebauter Sozialstaat. Zweitens ist der freie, europaweite, ja weltweite Warenaustausch zentraler Bestandteil des deutschen Wirtschaftssystems. Die deutsche Politik bekennt sich drittens unter dem Beifall der Wähler zum Prinzip der Preisstabilität. Ist die Schuldenbremse kompatibel mit diesen drei Leitlinien deutscher Wirtschaftspolitik? Ich bezweifle dies. Staatsschulden werden in der deutschen Diskussion nur negativ gesehen. Zu Unrecht, wie ich zeigen werde.

Die expliziten (offenen) und impliziten (verdeckten) Staatsschulden belaufen sich in Deutschland auf rund 10 Billionen Euro. Dem entsprechen private Vermögensbestandteile der Bürger in genau gleicher Höhe. Sie sind die Gläubiger des Staates - teils in Form von expliziten Kreditforderungen an den Staat in Höhe der expliziten Staatsschuld, größerenteils in Form von implizitem Vermögen wie Renten- und Pensionsansprüche. Für diese haben sie in der Vergangenheit durch Beiträge und Gehaltsverzicht (bei den Beamten) Leistungen erbracht. Auch die impliziten Ansprüche an das Gesundheitssystem und für den Fall einer Notsituation (Sozialhilfe und Arbeitslosengeld II) sind für die Bürger zum Teil implizites Vermögen und für den Staat in genau gleicher Höhe implizite Staatsschuld. Das der Staatsschuld von rund 10 Billionen Euro entsprechende Vermögen der Bürger macht ungefähr das Fünffache des jährlichen privaten und staatlichen Konsums aus.

Mehr zum Thema

Das private Nettogesamtvermögen der Bürger ist natürlich noch größer. Zu den oben genannten Nettoforderungen an den Staat kommt das Realvermögen in Form von in Deutschland investiertem Realkapital. Es besteht aus Immobilien, Anlagen und Vorräten. Ferner haben die Deutschen Nettoforderungen an das Ausland. Die Vermögensbestandteile des in Deutschland investierten Realkapitals und der Nettoforderungen an das Ausland sind zusammen ungefähr gleich groß wie die Nettoforderungen an den Staat. So beläuft sich das private Nettogesamtvermögen der Einwohner Deutschlands auf rund 20 Billionen Euro oder auf rund das Zehnfache des jährlichen privaten und staatlichen Konsums. Es entspricht damit zehn Jahren Konsum in Deutschland. Ich bezeichne das Verhältnis des privaten Vermögens zum jährlichen privaten und öffentlichen Konsum als "Sparperiode". Die deutsche Sparperiode umfasst also rund zehn Jahre. Ihr entspricht ein Pro-Kopf-Vermögen von rund 250000 Euro.

Carl Christian von Weizsäcker © Marcus Kaufhold Vergrößern Carl Christian von Weizsäcker

Diese Sparperiode von zehn Jahren erklärt sich durch die Demographie in Deutschland und durch den Sozialstaat, den Deutschland im Verlauf der vergangenen 120 Jahre aufgebaut hat. Die Lebenserwartung ist in dieser Zeit stark gestiegen und beläuft sich heute auf rund 80 Jahre mit weiter steigender Tendenz. Damit einhergegangen ist eine stetige Erhöhung der durchschnittlichen Altersruhezeit. Die durchschnittliche Rentenbezugsdauer in der gesetzlichen Rentenversicherung hat sich im Verlauf der vergangenen vierzig Jahre von zehn auf siebzehn Jahre erhöht dank der immer wirksamer gewordenen Leistungen des Gesundheitssystems, dank abnehmender Gesundheitsrisiken durch Umweltverschmutzung, dank veränderter Lebens- und Konsumgewohnheiten der Bürger, dank besserer und damit "gesünderer" Arbeitsbedingungen.

1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite

Frechheit aus Amerika

Von Winand von Petersdorff

Amerika könnte demnächst wohl alle Unternehmen mit Sanktionen belegen, die helfen, russische Gas- und Ölpipelines zu bauen. Aus europäischer Perspektive ist der Gesetzesentwurf nicht hinnehmbar. Mehr 6 16

Abonnieren Sie den Newsletter „Wirtschaft“