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Erklär mir die Welt Warum ist die Wirtschaft unser Schicksal?

09.06.2008 ·  Zwischen reichen und armen Ländern klafft eine schier unüberbrückbare Einkommenslücke. Wer in Deutschland, Amerika oder Singapur wohnt, lebt in Wohlstand; in Afrika sind die Menschen arm. Dabei ist es gerade einmal 200 Jahre her, dass die Europäer anfingen, reich zu werden. Wie kam es dazu?

Von Rainer Hank
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Wer heute - bedingt durch den Zufall der Geburt - in Deutschland, Amerika oder Singapur wohnt, lebt in Wohlstand. Wer hingegen das Pech hat, in Afrika auf die Welt zu kommen, bleibt aller Wahrscheinlichkeit nach sein Leben lang arm.

Warum gibt es Armut und Reichtum? Die Frage nach dem Wohlstand der Nationen - warum einige Länder reich, andere aber arm sind - hat kein bisschen an Brisanz verloren. Armut und Wohlstand definieren nicht nur unsere materiellen Bedingungen, sie sind auch verantwortlich für die Optionen des Lebens, die der menschlichen Freiheit zu Gebote stehen.

Dass zwischen reichen und armen Ländern eine unüberbrückbare Einkommenslücke klafft, ist historisch eine relativ neue Erfahrung: Es ist gerade einmal 200 Jahre her, dass die Europäer anfingen, reich zu werden. Um das Jahr 1000 nach Christus betrug die durchschnittliche Lebenserwartung eines neugeborenen Kindes mehr oder weniger überall auf der Welt 24 Jahre. Ein Drittel aller Säuglinge starb bereits bei der Geburt. Hunger und Krankheit quälte all jene, die überlebt haben. An diesen miserablen Lebensbedingungen sollten sich bis zum Jahr 1800 nichts Entscheidendes ändern. Während eine zahlenmäßig kleine Elite ein behagliches Leben führte, verharrte die große Masse in bitterem Elend. Fortschritt war bis zum Beginn der industriellen Revolution in der Geschichte der Menschheit nicht vorgesehen.

Die industrielle Revolution ist nicht vom Himmel gefallen

Dann aber, etwa um das Jahr 1800, stellte sich die Welt plötzlich komplett anders dar. Da hatte sich in England die Lebenserwartung auf durchschnittlich 36 Jahre verbessert. Und das Pro-Kopf-Einkommen zog gewaltig an (siehe Chart). In allen anderen Ländern wurden dagegen allenfalls marginale Wohlstandsgewinne erzielt. Fortan nahm die Ungleichheit zwischen den Staaten dramatisch zu, während sie innerhalb der Bevölkerung eines Staates (zwischen Eliten und Unterschichten) nicht minder dramatisch zurückging. Von den Erfolgen der industriellen Revolution profitierten alsbald auch die breiten Massen in Kontinentaleuropa und Amerika. Der Rest der Welt aber blieb arm - so lange, bis sich am Ende des 20. Jahrhunderts auch in Südostasien das Wunder der kapitalistischen Revolution wiederholte.

"Die Wirtschaft ist unser Schicksal", wusste der deutsche Industrielle und Politiker Walther Rathenau (1867 bis 1922). Anders gesprochen: Alles hängt am Wachstum. Die Segnungen der industriellen Revolution wirken bis heute: Wir leben besser, länger und - im Vergleich zu früher - viel gesünder. Wir reisen an alle Ecken der Erde, üben Berufe aus, die uns körperlich viel weniger beanspruchen, dafür aber intellektuell umso mehr erfüllen und gehen abends nach dem Konzert eines kaukasischen Geigers essen in einem türkischen Lokal oder einer japanischen Sushi-Bar. Wir können, wenn wir wollen. Niemand zwingt uns. Wachstum ist das Schicksal. Wir können es beeinflussen, auch wenn wir es nicht komplett in der Hand haben.

Die industrielle Revolution ist nicht vom Himmel gefallen. Es war der Markt der Ideen, die Wohlstand geschaffen haben. Seit der europäischen Renaissance waren die Menschen beseelt vom Glauben, sie könnten die Kräfte der Natur durch Experiment und rationale Untersuchung zu ihrem eigenen Wohle verändern. Wissenschaft, Technik und Markt beeinflussen einander. Es waren die aufgeklärten Werte der Sparsamkeit, Tugendhaftigkeit und Risikofreude, welche die industrielle Revolution erst möglich gemacht haben. Aus Geschichte wurde Fortschrittsgeschichte. Menschliche Neugierde hatte ihre wirtschaftliche Nützlichkeit entdeckt.

Protektionismus hat noch niemanden aus der Armut heraus geführt

Dass das neue Wissen seinen Markt fand, ist selbst Ergebnis einer genialen Erfindung: Es verdankt sich dem Buchdruck, welcher die Zugangskosten zu neuen Ideen dramatisch verbilligte. Gutenbergs Erfindung (1455) garantierte die Verbreitung von Erkenntnisleistungen, welche zuvor Eliten vorbehalten war. Plötzlich lohnte es sich, nicht nur heilige, sondern auch profane Texte zu lesen und zu verbreiten. Der Buchdruck fördert Masse und Vielfalt zugleich. Die Erfindung des Internet hat dieses Wissenswunder im 20. Jahrhundert wiederholt.

Allemal hänge die ökonomische Bedeutung nützlichen Wissens davon ab, wie hoch die Zugangskosten zu diesem Wissen sind, sagt der Wirtschaftshistoriker Joel Mokyr. Ein intellektuelles Klima, welches häretische Ideen belohnt (oder zumindest nicht inquisitorisch unterdrückt), schafft Wachstum. Autoritäre Staaten (oder Religionen), die das Monopol auf die Wahrheit zementieren und Abweichlertum der Zensur unterwerfen, bringen es zu nichts.

Protektionismus hat noch niemanden aus der Armut heraus geführt. Es waren offene Märkte und der Wettbewerb der Kleinstaaten, welche das "Europäische Wunder" (Eric Jones) ermöglicht haben. Für die Wissensmärkte erwies sich das als unschätzbarer Vorteil. Denn die Kleinstaaten wetteiferten untereinander nicht nur um die größere Macht, sondern auch um das höhere Prestige: Künstler und Wissenschaftler bei Hofe leisteten dafür den wichtigsten Beitrag. Kein Staat hatte ein Monopol auf ihre Ideen. Aber jeder Staat wollte das Beste daraus machen. Hätte man sich einen besseren Humus für einen Markt der Ideen denken können?

Die Rolle der Institutionen

Es waren "gute Institutionen", welche dafür gesorgt haben, dass nützliches Wissen sich rasch verbreiten und seine wohlstandsfördernden Wirkungen entfalten konnte. Allen voran zählen dazu Institutionen, die das (geistige) Eigentum sichern und Vertragsfreiheit garantieren. Solch eine rechtsstaatliche Ordnung gibt Anreize für unternehmerisches Handeln: Wo Gewinne winken, lohnt es sich, Risiken einzugehen und zu investieren, solange der Staat seinen (Wirtschafts-)Bürgern Sicherheit bietet.

Ein Staat, der zudem darauf achtet, dass den Bürgern vor Gericht Recht geschieht, wird sich über deren wirtschaftliche Aktivitäten freuen dürfen: Sicherheit schafft Vertrauen. Und Vertrauen ist ein Wachstumsmotor. Für diesen öffentlichen Schutz sind die Bürger bereit, einen angemessenen Preis (Steuern und Abgaben) zu entrichten. Dort, wo sie sich zugleich an der Gestaltung des Gemeinwesens aktiv beteiligen dürfen, wächst über die demokratische Partizipation auch das wirtschaftliche Engagement. (Direkte) demokratische Mitwirkungsrechte und wirtschaftliches Wachstum bedingen einander.

Die Wirtschaft ist unser Schicksal. Reichtum oder Armut müssen wir nicht fatalistisch hinnehmen. Es ist das ökonomische Wissenswunder Europas gewesen, das den Menschen Wohlstand gebracht hat. Wo immer Staaten es mit offenen Märkten - nicht nur für Güter und Dienstleistungen, sondern auch für Ideen - versucht haben, zahlte sich das in Wohlstands- und Freiheitsgewinnen aus. Es ist die große Frage, ob und wie lange ein Land wie China es sich leisten kann, seine Gütermärkte zu öffnen, aber den Menschen Ideenmärkte zu verwehren und Zentralismus oder Marxismus zu dekretieren. Das mag in der Phase industrieller Imitation, in der sich China bis heute befindet, noch gutgehen. Aber Innovation braucht Gedankenfreiheit und ist essentiell auf Häretiker angewiesen.

Die Ordnung der Wirtschaft ist kein Naturgesetz. Sie ist von Menschen gemacht. Wer mitspielen will, sollte sie verstehen. Und wer sie verstehen will, muss wissen, welche Spielregeln gelten. Das Wissen über solche wirtschaftlichen Wirkmechanismen ist hierzulande nicht sehr verbreitet. Dass es an ökonomischer Bildung gebricht, ist in hohem Maße ein Verschulden der Schule.

Der verbreitete Antikapitalismus beruht nicht nur auf Ressentiment, sondern (auch) auf früh eingeübter Ignoranz gegenüber Fakten und Gesetzen. "Erklär mir die Welt", die Serie im Geldteil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, hat genau zwei Jahre lang in 104 Folgen den Lesern geboten, was sie immer schon über Wirtschaft wissen wollten. Heute beenden wir die Serie.

Das Quiz zum Serienschluss

„Erklär mir die Welt“ heißt die F.A.S.-Serie, mit der wir seit zwei Jahren unsere Leser für ökonomische Zusammenhänge begeistern wollen. Mit dieser Folge schließen wir die Serie ab. Inzwischen sind alle Beiträge auch in einem Buch erschienen. Sie können eines von fünf Büchern gewinnen: Beantworten Sie die Fragen richtig. Die drei Lösungsbuchstaben ergeben den Anfang eines bekannten ökonomischen Begriffs. Ergänzen Sie den Rest dieses Begriffs, und schicken Sie das Lösungswort bis zum 14. Juni unter dem Stichwort „Sonntagsquiz 4“ an das F.A.Z.-Institut, Frankfurter Allgemeine Buch, Postfach 200163, 60605 Frankfurt, oder per E-Mail an buch@faz.de. Mitarbeiter der F.A.Z. und ihre Angehörigen dürfen nicht teilnehmen. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

Die Fragen:

1. Was ist ein Schweinezyklus?

E) Ein Unternehmer hat viel Glück. Sobald es aufgebraucht ist, verdient er wieder weniger Geld.

I) Die Müllabfuhr streikt. Wenn der Streik beendet ist, muss sie Überstunden machen, um den Dreck von der Straße zu holen.

W) Schweinefleisch ist teuer, darum züchten viele Bauern junge Schweine. Wenn diese Schweine geschlachtet werden, gibt es wieder zu viele. Darum geben viele Bauern die Schweinezucht auf.

2. Warum können Händler für Markenartikel Preisaufschläge verlangen?

N) Markenartikel haben immer eine höhere Qualität als No-Name-Produkte.

A) Mit Markenartikeln können sich die Käufer von anderen Menschen abheben.

U) Im Preis ist meist berücksichtigt, dass Sammler den Wert mit der Zeit nach oben treiben.

3. Was hiervon ist eine direkte Steuer?

C) die Einkommensteuer

N) die Mineralölsteuer

R) die Mehrwertsteuer

Die Lösung:

Die Lösung von Quiz 3 hieß: „Wettbewerb“. Die Gewinner werden wir schriftlich benachrichtigen.

Rainer hank (Hrsg.): „Erklär mir die Welt. Was Sie schon immer über Wirtschaft wissen wollten“, F.A.Z.-Buch, ISBN 978-3-89981-156-8, 24,90 €

Quelle: F.A.S.
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Jahrgang 1953, verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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