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Erklär mir die Welt (98) Warum kriegen Senioren überall Rabatt?

02.05.2008 ·  Ob im Theater oder bei der Bahn: Überall zahlen Rentner weniger. Dabei sind sie gar nicht so bedürftig. Doch die Idee der Seniorenrabatte stammt aus einer anderen Zeit.

Von Carsten Germis
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Jeder kennt das: Der grauhaarige Rentner, der in der Schlange an der Museums- oder Theaterkasse vor einem steht, zückt lächelnd seinen Ausweis, wenn er an der Reihe ist. "Ein Ticket mit Seniorenermäßigung", sagt er dann. Ob im Museum, bei der Bahn oder im Hotel im noblen Kurort - an sehr vielen Orten bekommen ältere Menschen Rabatt. Dabei sind sie eigentlich nicht auf diese Vergünstigungen angewiesen. Den Rentnern und Pensionären in der Bundesrepublik geht es heute so gut, dass sie überdurchschnittlich viel für Konsum ausgeben.

Das war nicht immer so. Früher bedeutete der Ruhestand für die meisten Menschen, dass sie von einem Tag zum anderen deutlich weniger Geld in der Kasse hatten. Im Durchschnitt haben Rentner - vor allem alleinstehende ältere Frauen - auch heute noch ein geringeres Einkommen als Aktive. Deswegen begründen Museen, Theater oder Büchereien ihre Rabatte für Senioren auch sozialpolitisch: "Dahinter steckt der Gedanke, dass die Menschen im Alter weniger haben. Sie sollen aber genauso wie andere die Möglichkeit haben, ins Museum zu gehen." So rechtfertigt Bernhard Weidemann vom Deutschen Museum in München den geringeren Eintrittspreis für die Alten. Das Museum bekommt als Ausgleich für die entgangenen Einnahmen Zuschüsse aus der Staatskasse.

Die Welt der Vergünstigungen und Schnäppchen - uneinheitlich

Ob es in öffentlichen Einrichtungen wie Museen oder Theatern Rabatte für Rentner gibt, darüber entscheidet in der Regel die jeweilige Stadt oder das Bundesland. Die Welt der Rabatte, Vergünstigungen und Schnäppchen für Senioren ist deswegen sehr uneinheitlich und unübersichtlich. Bei Theatern, im Zoo oder in Schwimmbädern lohnt es sich darum für ältere Menschen immer, an der Kasse zu fragen, ob es eine Ermäßigung gibt.

Es gibt dagegen auch Kommunen, in denen Senioren wegen der angespannten Kassenlage kaum noch Vergünstigungen bekommen. Die Berliner Verkehrsbetriebe zum Beispiel haben ihre Senioren-Karte für Busse und Bahnen vor einigen Jahren abgeschafft, weil die Landesregierung die Zuschüsse gestrichen hat.

Andere Städte - wie Lübeck - haben wiederum sogar Senioren-Freizeit-Pässe eingeführt, mit denen die Bürger über 60 sogar beim Taxifahren, beim Frisör und beim chinesischen Restaurant um die Ecke sparen können. Ältere Menschen sollten so trotz knapperen Geldbeutels zu Aktivitäten angeregt werden und am Leben der Gemeinschaft teilnehmen, meint der Sozialsenator der Hansestadt zur Begründung. Seit 32 Jahren gibt es diesen Senioren-Freizeit-Rabatt in Lübeck. Das zeigt vor allem eines: Sozialpolitisch motivierte Subventionen werden nicht so leicht abgeschafft, auch wenn sie unter Umständen gar nicht mehr gerechtfertigt sind, weil es den Betroffenen heute viel besser geht als den Rentnern vor 30 Jahren. Die meisten von ihnen könnten auch ohne Rabatte gut leben.

Idee aus einer anderen Zeit

Die Idee der Seniorenrabatte stammt aus Zeiten, in denen die Renten spürbar niedriger waren als die Erwerbseinkommen. Das ist schon eine Weile her. Holger Scheinpflug, Betreiber der Internetseite PlanetSenior, beobachtet dementsprechend, dass der Großteil der 120 000 Menschen, die jeden Monat auf seiner Internetseite nach Seniorenrabatten suchen, zu den ganz Alten gehören, die bereits über 80 sind. Sie suchten gezielt nach Sparangeboten, sagt er: "Es sind auch die Älteren, die dazu in den Foren etwas schreiben." Ganz anders die Jungsenioren, die kurz vor der Rente stehen oder gerade erst in den Ruhestand gegangen sind. "Die wollen ihr Geld ausgeben", sagt Scheinpflug. Die suchen nicht nach Schnäppchen, sondern nach hochwertigen Angeboten. Und von ihnen gibt es immer mehr. Auch die Werbung hat diese Gruppe schon entdeckt. Sie spricht deswegen nicht mehr verschämt von Senioren, sondern von der Generation 60plus, von den Best-Agern, von der Generation Gold oder auch von den Junggebliebenen.

Es ist noch nicht allzu lange her, da wurden Rentner in der Regel in der Öffentlichkeit als schwach und hilfsbedürftig dargestellt. Jetzt zeigen Anzeigen meistens dynamische und wohlhabende Weißhaarige. Zwar gibt es noch immer Menschen, die mit ihrer Rente nur mühsam über die Runden kommen. Den meisten Ruheständlern aber geht es so gut, dass sie die in der Vergangenheit eingeführten Rabatte eigentlich nicht mehr bräuchten (siehe Grafik). "Eine wirkliche Rechtfertigung für die Rabatte gibt es eigentlich nicht", sagt der Wirtschaftswissenschaftler Christian Dreger vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin. Rabatte seien ein sozialpolitisches Instrument gewesen, um die Kaufkraft der Alten aufzubessern. Altersarmut sei in der heutigen Rentnergeneration eher die Ausnahme. "Das muss man eher tiefer hängen."

Die Menschen über 60 verfügen heute über einen beachtlichen Anteil an der Kaufkraft: Ihre Ausgaben betragen mit 316 Milliarden Euro jährlich fast ein Drittel an den Gesamtausgaben für den privaten Konsum, errechnete das DIW im vergangenen Jahr in einer Studie für Familienministerin Ursula von der Leyen (CDU). Die Haushalte der 75jährigen und Älteren haben ihren Gesamtkonsum in den letzten zehn Jahren von 43 Milliarden Euro auf 80 Milliarden Euro fast verdoppelt. "Bei Angeboten für mehr Komfort und Lebensqualität für Ältere besteht ein großes wirtschaftliches Potential, das angesichts der demographischen Entwicklung weltweit weiter an Bedeutung gewinnen wird", meint von der Leyen.

Vergünstigungen für Senioren gibt es deshalb auch aus anderen Gründen: Vor allem Unternehmen versuchen, über Rabatte die kaufkräftigen Alten als Kunden zu gewinnen. Wenn ein Unternehmen wie IBM Rentnern bis zu 50 Prozent Rabatt einräumt, damit sie sich einen Computer kaufen, ist das eine ganz normale Marketingstrategie. Die meisten Alten haben genügend Geld, sich einen PC anzuschaffen. Doch anders als bei jungen Leuten ist es für sie nicht selbstverständlich, zu Hause moderne Technik zu nutzen. Rabatte sollen die Hemmschwelle senken und diese zahlungskräftige Gruppe an die für sie fremden Produkte heranführen.

Auch Kinos wie das Cinemaxx in Essen oder das Cineplex in Kassel geben deswegen gezielt Seniorenrabatte. Die Filmwirtschaft und die Fernsehproduzenten haben sich lange an der Zielgruppe der 14- bis 29jährigen orientiert. Schon 2015 werden aber 50 Prozent der Deutschen älter als 50 Jahre sein und durchschnittlich noch 40 Jahre zu leben haben. Das ist eine große Zielgruppe. Sie hat viel Zeit, ist wohlhabend und - anders als die Nachkriegsgeneration - auch sehr konsumorientiert. Rabatte sollen diese Generation vom Fernsehgerät weg und ins Kino locken. Die Rechnung geht auf. In den vergangenen fünf Jahren hat sich der Anteil der Kinogänger über 50 auf knapp 21 Prozent fast verdoppelt.

Als Marketingmaßnahme sieht auch die Deutsche Bahn ihre Seniorenrabatte. "Ältere Menschen sind heute mobil, und mit unserer Senioren-Bahncard wollen wir sie zum Einstieg in die Bahn locken", sagt ein Sprecher. Die Bahncard 50 gibt es ab einem Alter von 60 Jahren als Senioren-Bahncard bereits für 103 statt 206 Euro. Damit können Ältere ein Jahr lang zum halben Preis Zug fahren. Auch für die Bahn rechnet sich das. Vier Millionen Senioren nutzen regelmäßig den Fernverkehr auf der Schiene - Tendenz steigend.

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Jahrgang 1959, Wirtschaftskorrespondent für Japan mit Sitz in Tokio.

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