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Erklär mir die Welt (70) : Warum schwanken die Wechselkurse?

Im internationalen Devisenhandel werden täglich bis zu 2000 Milliarden Dollar getauscht Bild: AP

Die Ökonomen haben viele Erklärungen für das Auf und Ab der Devisenkurse. In der Praxis befriedigt noch keine. Kursprognosen bleiben ein schwieriges Geschäft.

          Der Euro befindet sich im Höhenflug - jedenfalls gegenüber dem Dollar. Seit mehreren Jahren schon steigt der Wechselkurs der europäischen Gemeinschaftswährung, wenn auch immer wieder einmal von Rückschlägen unterbrochen. Der Kurs zwischen Euro und Dollar ist heute der vielleicht wichtigste aller Wechselkurse, weil er das Austauschverhältnis der Währungen der beiden bedeutendsten Wirtschaftsblöcke der Welt bezeichnet.

          Gerald Braunberger

          Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für den Finanzmarkt.

          Die Wechselkurse bilden sich heute meist frei an den Devisenmärkten, auch wenn vor allem asiatische Länder wie China noch auf staatlichen Handelsbeschränkungen bestehen. Die Umsätze sind gewaltig und werden auf mehr als 2000 Milliarden Dollar am Tag geschätzt. Der überwiegende Teil des Devisenhandels entfällt auf kurzfristige Geschäfte zwischen Finanzhäusern; die Abwicklung der Ausfuhr von Gütern und Dienstleistungen spielt nur noch eine geringe Rolle. Kritiker des modernen Kapitalismus stoßen sich unter anderem an den hohen Umsätzen im Devisenhandel. Die Wechselkurse seien vor allem das Resultat von Spekulationsgeschäften, klagen sie, und hätten nichts mehr mit der realen Wirtschaft zu tun. Als Regulierung wurde die von dem amerikanischen Nobelpreisträger James Tobin erfundene Tobin-Steuer vorgeschlagen: Eine milde Besteuerung des Devisenhandels soll kurzfristige Spekulationsgeschäfte uninteressant machen. Bisher bleibt die Tobin-Steuer ein theoretisches Konstrukt ohne Aussicht auf Realisierung.

          Nach welchen Kriterien bewegen sich die Kurse?

          Nach welchen Kriterien bewegen sich die Wechselkurse? Die Antwort auf diese Frage fällt ziemlich enttäuschend aus: Die Ökonomen haben zwar im Verlauf mehrerer Jahrhunderte eine ganze Reihe mehr oder weniger plausibler Theorien der Wechselkursbildung entwickelt, doch finden diese Theorien in der Praxis nur selten eine Bestätigung. Daraus folgt auch, dass die Prognose von Wechselkursen mit sehr vielen Unsicherheiten behaftet ist.

          Die bekannteste und wohl älteste Erklärung der Wechselkurse ist die Kaufkraftparitätentheorie. Sie besagt etwas vereinfacht: Die Wechselkurse sollen dafür sorgen, dass sich in offenen, miteinander verflochtenen Marktwirtschaften die Preise von Gütern im In- und Ausland angleichen. Denn wenn ein Gut im Ausland deutlich billiger ist, würde es im Ausland gekauft und nicht im Inland. Und wenn sich viele Menschen so verhalten, wird sich der Wechselkurs so anpassen, dass sich die Güterpreise angleichen.

          Der „Hamburger-Index“

          Eine praktische Überprüfung bietet der „Hamburger-Index“, der die Preise von Hamburgern einer großen Schnellrestaurantkette in verschiedenen Ländern überprüft. Und siehe da: Die Preise unterscheiden sich zum Teil erheblich. Die Kaufkraftparitätentheorie scheint falsch zu sein.

          Doch halt, ganz so einfach geht es nicht. Kaum jemand würde wohl ins Ausland fahren, nur weil dort Hamburger billig sind. Viel sinnvoller ist es, die Theorie nur anhand international handelbarer Güter zu überprüfen. Dazu zählen vor allem Ausrüstungsgüter für Unternehmen, aber gelegentlich auch Verbrauchsgüter: Der „Tanktourismus“ in grenznahen Gebieten liefert hierfür ein Beispiel. Nun passt die Theorie schon besser, aber ihre praktische Prüfung zeigt sehr gemischte Resultate. Die Kaufkraftparitätentheorie alleine kann die Wechselkursbewegungen nicht erklären.

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