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Erklär mir die Welt (103) Warum machen Bodenschätze arm?

06.06.2008 ·  Natürliche Ressourcen sind ein Segen - sollte man meinen. Doch der Reichtum durch Bodenschätze verdirbt die politischen Sitten. Den Schaden hat das Volk.

Von Karen Horn
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Der Ölpreis klettert in schwindelerregende Höhen. Die Erdöl exportierenden Länder freuen sich über höhere Einnahmen. Sie haben es nötig. Denn die meisten Staaten sind trotz ihres Ressourcenreichtums noch immer arm.

In Saudi-Arabien beträgt das kaufkraftbereinigte Bruttosozialprodukt je Einwohner etwas mehr als 15.000 Dollar, in Venezuela gut 8600 Dollar und in Nigeria magere 1200 Dollar. Alle diese Länder sind Mitglieder der Opec, die seit jeher versucht, die Preise hochzutreiben. Im ölarmen Deutschland belief sich der entsprechende Wert hingegen auf stolze 40.000 Dollar.

Die Schieflage hat System

Der steigende Ölpreis und die somit zunehmenden Einnahmen der Ölstaaten werden an diesem Gefälle nicht viel ändern. Vermutlich eher im Gegenteil. Denn die Schieflage hat System. Bodenschätze wie Öl sind zwar ein Geschenk der Natur, aber sie wirken wie ein Fluch. Das gilt auch für andere Reichtümer der Erde wie Edelsteine, Gold, Kupfer, Stahl, Aluminium. Die Menschheit versteht mit ihnen offenbar nicht klug umzugehen: Alle Länder, die reich mit Bodenschätzen ausgestattet sind (mit Ausnahme Norwegens), zählen nach wie vor zu den Entwicklungsländern, sie kommen wirtschaftlich nicht voran. Das gilt sogar für Russland, das üppig mit Öl- und Gasvorkommen gesegnet ist.

Wie die amerikanischen Ökonomen Jeffrey Sachs und Andrew Warner schon 1995 in einer vergleichenden Studie zu fast 100 Entwicklungsländern herausgefunden haben, ist das Wirtschaftswachstum um so schwächer, je höher der Rohstoffanteil am Export ausfällt. Umgekehrt sind die reichsten Länder der Erde gerade jene, die am wenigsten von der Natur begünstigt sind - sämtliche G-7-Staaten sind Industrieländer ohne sonderliche Bodenschätze.

Staatliche Monopolunternehmen

Wie kann das sein? Ist die Sache so einfach, so ausbeuterisch böse, wie es beispielsweise den Kindern im berühmten „Tigerenten-Club“ des Südwestrundfunks weisgemacht wird? Da heißt es doch tatsächlich: „Von diesem Reichtum wird ihnen viel weggenommen. Denn die Bodenschätze werden von großen Firmen aus Europa und Amerika ausgebeutet. Diese verdienen dann sehr viel Geld damit, aber den afrikanischen Ländern bleibt kaum etwas davon.“

Die Wirklichkeit sieht anders aus - und ist dabei viel tragischer. Denn in den wenigsten Ländern sind es tatsächlich „große Firmen aus Europa und Amerika“, welche die Bodenschätze abbauen. Im Gegenteil. In der Regel werden natürliche Ressourcen von staatlichen Monopolunternehmen ausgebeutet - im Erdölgeschäft sind das etwa die Kuwait Oil Company, die PDVSA aus Venezuela oder die Saudi Aramco, nicht etwa Privatunternehmen wie BP oder Shell.

„Reich geboren zu sein ist immer schlecht“

In der Hand des Staates werden die Bodenschätze dann zu einem Gegenstand der Politik. Und für sie gilt ungefähr dasselbe wie für einzelne Menschen, wenn sie eine große Erbschaft machen: Leichter Reichtum macht faul. Die grundlegende Erkenntnis ist viel älter und hat sich sogar in der Literatur niedergeschlagen. „Die Buddenbrooks“ von Thomas Mann sind eine bekannte literarische Illustration dessen, was mit Familienunternehmen passiert, wenn der rechte Leistungsdruck fehlt: Die erste Generation baut das Geschäft auf, die zweite hält es noch aufrecht, die dritte, dekadente dann richtet es zugrunde.

„Die reich geborenen Schichten sind häufig weder sonderlich lebenstüchtig noch unternehmerisch. Sie verbrauchen eher ihr ererbtes Vermögen und das damit verbundene Sozialkapital, als dass sie welches aufzubauen helfen. Reich geboren zu sein ist immer schlecht“, sagt dazu die amerikanische Wissenschaftlerin Elinor Ostrom.

Anreize fehlen

Im Falle von Staaten hat dieser Ressourcenreichtum aber verheerendere Folgen als den Niedergang eines Familienunternehmens. Solchen Ländern fehlen Anreize, andere Wirtschaftzweige aufzubauen, klug und nachhaltig zu investieren, überhaupt: gute Wirtschaftspolitik zu betreiben. Es führt, schlimmer noch, zu Korruption, Gewalt, Rechtlosigkeit, kriegerischen Konflikten, Armut. Autoritäre Strukturen verfestigen sich, Menschenrechte werden missachtet, Minderheiten unterdrückt, das Militär wird aufgerüstet, Rechtsstaatlichkeit bleibt in weiter Ferne, marktwirtschaftliche Strukturen werden unterbunden, die Wirtschaft ist abgeschottet. Das stürzt die Bevölkerung in Elend und Not.

Ein trauriges Beispiel dafür ist Nigeria, der sechstgrößte Ölexporteur der Welt: Bewaffnete Milizen haben das Land in einen Bürgerkrieg gestürzt, die Zustände sind chaotisch. Ein anderer böser Fall ist Venezuela: Wäre das Land nicht so reich an Erdöl, dann hätte ein Diktator wie Hugo Chávez dort wohl keinen Bestand. So aber verpulvert er den Reichtum seines Landes - und die Bevölkerung bleibt unfrei und verarmt. Das Ganze ist ein Teufelskreis: Ohne vernünftige Institutionen sind Ressourcen ein Fluch, aber die Verführung durch die Ressourcen ist so gewaltig, dass vernünftige Institutionen keine Chance haben.

Plötzlicher Ressourcenreichtum kann ein Land ins Schlingern bringen

Freilich gibt es auch ein ermutigendes Beispiel. Botswana hat es wohl geschafft - dank oder trotz der Diamanten. Das Land hat den Rohstoffsegen genutzt. Die Wirtschaft wächst stetig, und die Regierung investiert in Bildung, Gesundheit und Infrastruktur. Eine wichtige Rolle dürfte hier gespielt haben, dass man die wichtigsten Elemente der vom einstigen Kolonialstaat Großbritannien übernommenen Rechtstradition zu bewahren wusste. Insbesondere das Privateigentum ist unangetastet geblieben.

Doch selbst wenn die politischen und ökonomischen Institutionen gefestigt und eigentlich funktionsfähig sind, kann plötzlicher Ressourcenreichtum ein Land ins Schlingern bringen, wenn es an ökonomischer Weitsicht fehlt. So erging es den Niederlanden in den siebziger Jahren. Damals wurde das Groninger Gasfeld entdeckt, die Erdgasindustrie blühte auf. Doch als der Boom vorüber war, brach die Wirtschaft ein.

„Dutch disease“

Es zeigte sich, dass die Konzentration auf das Gas Arbeitskräfte und Kapital aus der Industrie abgezogen hatte, die nun an erheblichen Entwicklungsrückständen litt. Zudem hatten die hohen Exporterlöse den Gulden an Wert gewinnen lassen, und das machte in den anderen Wirtschaftszweigen die Produkte für das Ausland teurer und damit den Export schwieriger. Im Ergebnis hatte also der Rohstoffsegen die Wettbewerbsfähigkeit der Niederländer geschwächt. In die Lehrbücher ist dieses Phänomen als „dutch disease“, niederländische Krankheit, eingegangen.

Diesen ökonomischen Fallstricken zu entgehen stellt hohe Anforderungen an die jeweilige Regierung. Sie muss Institutionen schaffen, die einen nachhaltigen Umgang mit den Bodenschätzen ermöglichen. Damit ist nicht gemeint, dass man sie am besten im Boden lässt, sondern dass man die Erlöse aktiv zur Zukunftsvorsorge nutzt, die Schulden abbaut, in Infrastruktur und Bildung investiert sowie die Wirtschaft des Landes diversifiziert. Viele Rohstoffländer tun dies mittlerweile, und zwar mittels der argwöhnisch betrachteten Staatsfonds, in denen sie ihre Erlöse anlegen, statt sie gleich zu verbrauchen. Hierin liegt eine große Chance - für die Bevölkerungen der Rohstoffländer, die allzu lange gedarbt haben, und nicht zuletzt auch allgemein für Stabilität und Frieden in vielen schwierigen Regionen der Welt.

Die Autorin leitet das Hauptstadtbüro des Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW) in Berlin.

Quelle: F.A.S.
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