Die deutschen Ökonomen streiten. Darüber, ob sich die Mathematik in ihrer Disziplin verselbständigt hat. Ob ihr Fach noch genug Praxisbezug hat. Ob die Lehre von der Wirtschaftspolitik und die Ordnungsökonomik noch modern sein können, wenn man damit international nichts anzufangen weiß.
Diese Fragen sind nicht neu. Aber der Aufruf von 83 Professoren, die Ende April in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung die Entwicklung ihrer Disziplin scharf kritisierten ("Rettet die Wirtschaftspolitik an den Universitäten!“), hat deutlich mehr Aufmerksamkeit gefunden, als dies vor fünf oder zehn Jahren der Fall gewesen wäre. Der Grund liegt auf der Hand: Die Finanz- und Wirtschaftskrise hat das - schon vorher überschaubare - Ansehen der Ökonomen in der Öffentlichkeit weiter sinken lassen. Nur ganz wenige Fachvertreter haben die Krise vorhergesehen. Selbstkritische Ökonomen wie der frühere Chef des Vereins für Socialpolitik, Friedrich Schneider, haben ihre Kollegen deshalb zum Nach- und Umdenken aufgefordert.
Bizarre Reaktion: Die Kritiker seien im Ausland nicht bekannt
Die Reaktion mancher deutscher Volkswirte auf den Methodenstreit wirkt insofern bizarr. Sie begegnen dem Pamphlet der 83 nicht mit inhaltlichen Argumenten, sondern beklagen, dass überhaupt diskutiert wird. Die schiere Existenz des Streits untergrabe "die Glaubwürdigkeit der eigenen Disziplin" (so der Freiburger Ökonom Thomas Gehrig) und mache im Ausland arbeitenden deutschen Forschern "die Rückkehr nicht schmackhafter" (so Rüdiger Bachmann von der University of Michigan). Für Bachmann ist der Aufruf auch deshalb nicht relevant, weil seine Initiatoren im Ausland nicht bekannt seien. Gegen diese Argumente ist der Einwand von Harald Uhlig (University of Chicago), der Aufruf eigne sich für eine "Karnevalsveranstaltung", geradezu seriös.
Von Nachdenklichkeit jedenfalls keine Spur. Umso bemerkenswerter ist das Wissenschaftsverständnis, das sich da offenbart. Der Inhalt des Manifests ist demnach deshalb falsch, weil er den vom Mainstream vertretenen Status quo in Frage stellt. Und er ist gefährlich, weil er zu Diskussionen führt. Merke: Die moderne Ökonomik in ihrem Lauf, halten weder Ochs noch Esel auf.
Die Politik soll angeblich schuld sein, dass auf Ökonomen kaum noch gehört wird
Einen zentralen Vorwurf der 83 - die fehlende Realitätsnähe großer Teile der heutigen Volkswirtschaftslehre - bestreiten die Gegner des Aufrufs nur halbherzig. Sie verweisen auf die zunehmende empirische Ausrichtung ihrer Zunft und die unstrittige Tatsache, dass der Anteil purer Theorie in jüngster Zeit zurückgegangen ist. Warum erlangen die Ergebnisse der modernen empirischen Forschung dennoch selten Relevanz?
Da sind Politik und öffentliche Verwaltung selbst schuld, meint Uhlig, denn sie lesen die heutigen Top-Journale nicht. Genauer: Sie haben nicht genug Ökonomen engagiert, die die Metasprache dieser Journale verstehen. Von der früher von Herbert Giersch apostrophierten "Bringschuld" der Ökonomen gegenüber der Politik ist keine Rede mehr. Und wahrscheinlich bleibt der vor einigen Jahren geätzte Befund Bruno Freys gültig, dass der typische Smalltalk von Ökonomen auf Konferenzen nicht von wirtschaftlichen Problemen wie Arbeitslosigkeit, Wachstumsschwäche oder Staatsverschuldung handele, sondern davon, in welcher Zeitschrift man sein nächstes Papier unterbringe.
Ansonsten gehen die Reaktionen auf den Aufruf teilweise souverän am Thema vorbei. So fragt Gehrig in einem Gastbeitrag in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung rhetorisch-beleidigt: „Schadet es, wenn Ökonomen rechnen können?“.
Natürlich schadet es nicht, im Gegenteil. Das hat allerdings auch niemand behauptet. Der Freiburger Ökonom Viktor Vanberg, auf den Gehrig antwortet, betont, dass nichts gegen eine Nutzung quantitativer Methoden spreche, dass diese aber an ihre Grenzen stoßen, wenn das mathematische Modell zum Selbstzweck wird, wenn also "der Formalisierungsehrgeiz bestimmt, wie man die artifizielle Welt definiert, über die man Aussagen macht, und wo der Quantifizierungsehrgeiz die Verfügbarkeit verwertbarer Daten zum Kompass dafür macht, welche Zusammenhänge man untersucht" (siehe Die Ökonomik ist keine zweite Physik).
Das Unbehagen gibt es nicht nur im angeblich rückständigen Deutschland
Und was ist mit dem Argument, die 83 würden die moderne Ökonomik, die sie kritisierten, nicht wirklich kennen? Darin mag ein Körnchen Wahrheit stecken. Allerdings fällt der Vorwurf auf Kritiker wie Uhlig zurück, der verkündet, Ordnungspolitik sei "nicht mehr irgendwie wichtig", weil es ihr ja nur "um die Beschreibung und Analyse der Bedingungen von funktionsfähigem Wettbewerb" gehe, und darin sei die quantitative Ökonomik viel weiter. Das ist ziemlicher Unsinn. "Denken in Ordnungen" (zugegeben: ein grässlich altmodischer Begriff) beinhaltet schon ein wenig mehr.
Mindestens viererlei gehört dazu: Erstens, das Eingeständnis, dass jede Beschäftigung mit Wirtschaftspolitik nicht ohne normative Analyse auskommt. Der Unterschied zur vermeintlich wertfreien empirischen Analyse ist, dass Letztere die dem jeweiligen Untersuchungsgegenstand zugrundeliegenden Werturteile einfach wegdefiniert. Zweitens der Anspruch, mit den richtigen Fragen eine Art wirtschaftspolitischer Folgenabschätzung durchführen zu können. Dass empirische Methoden diese Folgenabschätzung unterstützen können, versteht sich von selbst, freilich gehen ihr oft die falschen Fragen voraus. Drittens die Erkenntnis, dass eine solche Folgenabschätzung ohne Kenntnis der vorhandenen wirtschaftspolitischen und rechtlichen Institutionen und ihrer Anreiz- und Lenkungswirkungen nicht möglich ist. Und viertens die Einsicht, dass Marktwirtschaften komplexe offene Systeme sind, und dass deshalb die Möglichkeiten wirtschaftspolitischer Steuerung begrenzt sind.
Wer an all das erinnert, verweigert sich nicht dem wissenschaftlichen Fortschritt. Für die 83 gilt dieser Vorwurf schon deshalb nicht, weil sie ja nichts verbieten wollen. Er gilt aber auch in einem allgemeineren Sinne nicht. Nicht nur im angeblich rückständigen Deutschland ist das Unbehagen an der rein quantitativen Ökonomik gewachsen. Auch international existiert die einschlägige Debatte längst; Nobelpreisträger wie Douglass North, James Buchanan, Amartya Sen, Daniel Kahneman, Vernon Smith oder Ronald Coase stehen für "alternative" Forschungsansätze.
Manche prominente Mainstream-Ökonomen wie Martin Hellwig und Christoph Schmidt haben sich differenziert-kritisch zu dem Aufruf geäußert. Ihre Stellungnahmen lassen hoffen, dass der Methodenstreit doch noch zu etwas führt. Andere beharren indes darauf, ohnehin recht zu haben und nicht diskutieren zu müssen. Sie haben offenkundig den Ehrgeiz, ihre eigene Disziplin weiter zu marginalisieren.
Ein Blick über den Tellerrand genügt
Mathias Buhtz (Mathias071981)
- 25.05.2009, 11:02 Uhr
Um es kurz zu machen:
(SDiel)
- 25.05.2009, 12:10 Uhr
Bizarre Reaktion?
Bert Greve (Churchill3)
- 25.05.2009, 12:15 Uhr
Angela Merkel - die Evolutionsprozessordnungs-Politikerin des kreativen Typs
Rüdiger Kalupner (Ruediger_Kalupner)
- 25.05.2009, 13:06 Uhr
Geht's noch?
Christoph Bierbrauer (Monetarist)
- 26.05.2009, 02:06 Uhr
