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Platon : Griechenlands bester Ökonom

  • -Aktualisiert am

Platon (428/427 vor Christus - 348/347 vor Christus) Bild: akg

Schon der große Philosoph warnte vor Gier und Korruption, die jeden bedrohen, nicht bloß die Wirtschafts- und Finanzelite. Nur der Kluge wird bescheiden glücklich.

          Als Theoretiker für einen so alltäglichen Gegenstand wie die Wirtschaft können wir uns den griechischen Philosophen Platon, diesen „Idealisten“ und Spross der Athener Hocharistokratie, kaum vorstellen. Tatsächlich fehlt in dessen geradezu enzyklopädischer Philosophie die Wirtschaft aber nicht. Sogar die vielerorts verrufene Ansicht, die Ideenlehre, spielt dafür eine indirekte Rolle: Um die mathematischen Modelle, mit denen die moderne Wirtschaftstheorie arbeitet, also um recht gewöhnliche Dinge zu verstehen, braucht es nach Platon etwas so Außergewöhnliches wie eine Idee, nämlich etwas, das nicht mittels Wahrnehmung erkannt, sondern lediglich gedacht wird.

          Den näheren Beitrag zur Wirtschaftstheorie finden wir in Platons Hauptwerk, der Politeia (deutsch: Der Staat). Dieser Dialog, ein kommunikativer Denkprozess, entfaltet in vier Stufen die Genese eines Gemeinwesens, in Griechenland Polis genannt. Die ersten drei Stufen enthalten die Bausteine einer sowohl grundlegenden als auch umfassenden, überdies wahrhaft politischen Ökonomie.

          Eine kaum vermeidbare Gefährdung

          Die erste Polisstufe gründet auf der deskriptiven Seite in einer ökonomischen Anthropologie, die aus drei Faktoren besteht: Der Mensch ist deshalb ein Wirtschaftssubjekt, weil er erstens lebensnotwendige Bedürfnisse hat – die nach Nahrung, Kleidung und Wohnen. Für deren Befriedigung muss er zweitens – um die erforderlichen Güter zu produzieren – arbeiten, wofür er drittens unterschiedliche Begabungen mitbringt. Hinzu kommt, so die normative Seite, dass die Güterproduktion durch Arbeitsteilung und Spezialisierung sowohl erleichtert als auch in ihrer Produktivität gesteigert wird. Das Ergebnis besteht in einer für jeden vorteilhaften, im Sinne der Tauschgerechtigkeit gerechten und ihrer Struktur nach kooperativen Berufs- und Arbeitsgesellschaft: Die reine Wirtschaftswelt erweist sich als eine von jeder Konkurrenz und allem Konflikt freie Zusammenarbeit.

          Platon hegt für dieses rundum glückliche Miteinander durchaus Sympathie. Der angeblich weltfremde Philosoph ist aber realistisch genug, es für eine „utopische Idylle“ zu halten. Auf Seiten der Subjekte unterstellt sie nämlich eine Genügsamkeit, die ein weiteres Element ökonomischer Anthropologie unterschlägt, ein Mehr-und-immer-mehr-Wollen, die Pleonexie. Ihretwegen wird unsere erste Stufe, die „gesunde Polis“, zugunsten einer zweiten Stufe, „der üppigen Polis“, überwunden. Bei ihr tritt Platons aktuelle Bedeutung zutage.

          Als neutrale Begehrlichkeit verstanden treibt die Pleonexie zwar zu einer Wohlstandsentwicklung, die andernfalls unbekannt bliebe. Ihre Neigung zur Gier verantwortet aber auch eine Übersteigerung, die das persönliche und das gemeinsame Wohl gefährdet. Ebenfalls aktuell und zugleich überzeugend ist, dass Platon die tendenziell maßlose Begehrlichkeit nicht wie später Rousseau und Marx auf einen sozialen Sündenfall, das Privateigentum, zurückführt. Für ihn ist das Mehrwollen schlicht ein Teil der Conditio humana, also eine kaum vermeidbare Gefährdung. Und sie bedroht jeden, also nicht bloß eine gierige Wirtschafts- und Finanzelite. Wer eine harmonische Gesellschaft sucht, muss daher mehr tun, als für einen Mindestlohn und gegen Gehaltexzesse kämpfen. Er muss einen grundlegend neuen, von Begehrlichkeit freien Menschen schaffen.

          Das für den Menschen wichtigste Gut

          Solange es ihn nicht gibt, bezahlt man für die Vorteile einer urbanen Zivilisation mit einer wachsenden Bevölkerung und höheren Pro-Kopf-Ansprüchen, was wegen Landmangels zu Nachbarschaftskonflikten führt. Ihretwegen braucht es eine neuartige, nicht mehr ökonomische, aber den Rahmen der Ökonomie schützende Berufsgruppe, eine Herrschaftsschicht. Hier durchaus demokratisch, gewährt Platon jedem, der über die erforderliche Kompetenz verfügt, den Zutritt – auch den Frauen, was für die Antike hochprovokativ war. Die Ökonomie unter Bedingungen eines realistischen Menschenbildes, der Gier, erweist sich jedenfalls nur mittels einer außerökonomischen Instanz als lebensfähig. Es ist die Geburt der (politischen) Herrschaft aus der menschlichen Gier.

          Die Pleonexie bedroht auch die Herrschaftsschicht. Platon hebt zwei Versuchungen heraus – dass man sich mehr um sein Geld sorgt und dass man das Wohl seiner Familie dem Gemeinwohl vorzieht. Deswegen schlägt er vor, dass nicht etwa allen Bürgern, wohl aber der Führungsschicht sowohl Privateigentum als auch eine eigene Familie verboten werden. Die Bedenken dagegen sind weder unbekannt noch unberechtigt. Drei zugrundeliegenden Thesen ist aber zuzustimmen. Einmal, dass es außer der Währung der Wirtschaft, dem Geld, noch eine grundlegend andere Währung, die politische Macht, gibt. Zweitens, dass wer über politische Macht verfügt, nicht zusätzlich mit viel Geld belohnt werden soll. Und drittens, dass es, um die politische Führung vor Geldgier, Parteilichkeit und Korruption zu schützen, nicht genügt, ihre Macht der Kontrolle zu unterwerfen. Es braucht darüber hinaus, was sinngemäß auch für eine Wirtschaftselite zutrifft: moralische Integrität.

          Und für beide Gruppen, für die in der Wirtschaft und für die in der Politik Tätigen, benennt Platon noch das für den Menschen wichtigste Gut – die Lebensklugheit. Wer sie besitzt, verfügt über etwas, das die Pleonexie eindämmt. Wahre Lebensklugheit versperrt sich nicht der wirtschaftlichen Kooperation und hat trotzdem eine glückliche Nebenfolge: Wem es auf Selbstachtung und die Achtung durch Freunde ankommt, braucht in materieller Hinsicht nicht viel.

          Otfried Höffe ist emeritierter Professor für Philosophie an der Universität Tübingen.

          Quelle: F.A.S.

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