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Ludwig Erhard : Der Kompromisslose

  • -Aktualisiert am

Ludwig Erhard (1897-1977) Bild: J.H. Darchinger/darchinger.com

Ludwig Erhard wollte Wohlstand für alle. Zu viel wirtschaftliche Macht hielt er für gefährlich. Banken hätte er nicht mit Milliarden gerettet. Aus unserer Serie „Die Weltverbesserer“.

          Es gibt kaum Bücher aus den Fünfzigern, die sich noch heute so gut verkaufen wie Ludwig Erhards Bestseller „Wohlstand für alle“. CDU wie CSU sehen sich in der Tradition des profilierten Wirtschaftsministers und Altkanzlers, und auch die FDP weist dem Zigarre rauchenden Ordnungspolitiker einen Platz in ihrer Ahnengalerie zu. Seit 2007 schmückt eine Ludwig-Erhard-Büste das Wirtschaftsministerium, und selbst Sigmar Gabriel nutzte eine seiner ersten Bundestagsreden im neuen Amt, um sich als Schüler des Meisters zu präsentieren.

          Ludwig Erhard kann sich gegen all die Erbschleicherei nicht mehr wehren. „Ich denke, es wird ihm hier gefallen“, meinte der Chef der Erhard-Stiftung bei Aufstellung der Büste im Wirtschaftsministerium. Ich halte das für überaus zweifelhaft. Und zwar nicht erst, seit der Hausherr Sigmar Gabriel heißt. Ludwig Erhard gilt als Architekt des Wirtschaftswunders, als kompromissloser Vertreter einer an den Thesen der Freiburger Schule orientierten Wirtschaftspolitik.

          Marktgläubige nehmen ihn gern für sich in Haftung, als einen, der dem Staat wenig und dem Markt nahezu alles zugetraut habe. Spiegelbildlich dazu galt er in der politischen Linken lange als bärbeißiger Gewerkschaftsfeind. Tatsächlich ist Ludwig Erhard weit vielschichtiger als das teils verklärende, teils entstellende Bild, das gewöhnlich von ihm gezeichnet wird. Ja, Erhard war entschiedener Anhänger eines marktbasierten Leistungswettbewerbs, der die Unternehmen durch harte Konkurrenz zu Innovation, steigender Produktivität und verbesserter Qualität zwingt. Mit dieser Perspektive betrieb er 1947 die Aufhebung der Preisbindung und das Ende der Zwangsbewirtschaftung.

          In der Linken galt Erhard als bärbeißiger Gewerkschaftsfeind

          Aber anders als die Marktgläubigen unserer Tage hatte Ludwig Erhard begriffen, dass Märkte nur unter ganz bestimmten Bedingungen im gewünschten Sinne funktionieren und es originäre Aufgabe des Staates ist, diese Bedingungen – auch im Konflikt mit dem Unternehmerlager – abzusichern. Denn Erhard wusste, „den Gegenpol der wirtschaftlichen Freiheit stellt die Ausprägung wirtschaftlicher Macht dar“. Deshalb sei „gesetzlich sicherzustellen, dass die Vorzüge der Wettbewerbswirtschaft nicht durch historisch erwiesene Nachteile einer bedenklichen Machtkonzentration aufgewogen werden“.

          Wird die Macht einzelner Unternehmensgruppen zu groß, findet nämlich kein Leistungswettbewerb mehr statt, sondern das, was der Ordoliberale Alexander Rüstow „Halsabschneiderwettbewerb“ nennt: Zulieferer und Kunden werden ausgenommen und Konkurrenten mit unlauteren Mitteln vom Markt verdrängt. Es ist kaum vorstellbar, dass Ludwig Erhard eine Politik gutgeheißen hätte, die unter Verweis auf die „Marktfreiheit“ globale Unternehmensgiganten wie Google, Microsoft oder Amazon heranwachsen lässt, deren Praktiken als „halsabschneiderisch“ noch verharmlosend beschrieben sind.

          Auch, dass in Deutschland vier große Konzerne gut 85 Prozent des Lebensmitteleinzelhandels beherrschen, ein Oligopol aus fünf Unternehmen nahezu den gesamten Tankstellenmarkt kontrolliert oder eine Handvoll großer Verlagshäuser bestimmt, was in diesem Land morgens gelesen wird, hat mit den ordoliberalen Vorstellungen einer freien Wettbewerbswirtschaft wenig zu tun. Dabei ist das Problem nicht allein die Macht am Markt. Unvermeidbare Folge wirtschaftlicher Macht und daher wichtiges Merkmal des „Halsabschneiderwettbewerbs“ ist schon für Rüstow die „heimliche wie öffentliche Einflussnahme mächtiger Interessengruppen auf Staat, Politik und öffentliche Meinung“.

          Sahra Wagenknecht ist stellvertretende Vorsitzende der Partei „Die Linke“
          Sahra Wagenknecht ist stellvertretende Vorsitzende der Partei „Die Linke“ : Bild: dpa

          Eine Politik, die marode Banken und ihre abstrusen Geschäftsmodelle unverdrossen mit Milliarden subventioniert oder Familien und Mittelstand zwingt, die Energierechnung profitabler Konzerne mitzubezahlen, sollte sich jedenfalls nicht auf Ludwig Erhard berufen, dem ein von Lobbyisten gekaperter Nachtwächterstaat ein Graus war. 1951 legte Ludwig Erhard dem Bundeskabinett ein Kartellgesetz vor, das solche Fehlentwicklungen verhindern sollte. 1957, am Ende eines „Siebenjährigen Krieges“ wie der „Spiegel“ damals titelte, verabschiedete der Bundestag ein „Gesetz gegen Wettbewerbsbeschränkungen“, das nur noch ein Schatten des Erhardschen Entwurfes war.

          Die geballte Industrielobby hatte unzählige Ausnahmen eingefordert und war bei der Union auf offene Ohren gestoßen. Erhard, ohnehin kein Meister innerparteilicher Stellungskriege, hatte keine Chance. Dieser Konflikt wie auch das schon früh sich abzeichnende Ende der Entflechtungspolitik führte zu einer wachsenden Entfremdung zwischen dem Wirtschaftsminister und Vertretern der ordoliberalen Schule. Einer von ihnen, Leonhard Miksch, notierte schon 1949: „Das Kabinett Adenauer erweist sich immer mehr als eine Interessenregierung. Landwirtschaftliche und schwerindustrielle Einflüsse haben sich vereinigt“ und verließ desillusioniert Erhards Ministerium.

          Auch der Kopf der Freiburger Schule, Walter Eucken, stellte verärgert fest: „Überall kann man erkennen, dass die Monopolfreunde vordringen.“ Erwähnt sei allerdings auch, dass Erhards Kartellgesetz von 1957 trotz allem noch unvergleichlich mehr Biss hatte als das von Konzernen geschriebene EU-Recht heute und in der Nach-Erhard-Zeit immer weiter aufgeweicht wurde.

          Obwohl Ludwig Erhard berechtigte Forderungen der Gewerkschaften oft ziemlich brüsk zurückwies, hatte er eine klare Meinung vom Sinn der sozialen Marktwirtschaft: „Der Tatbestand der sozialen Marktwirtschaft ist vielmehr nur dann als voll erfüllt anzusehen, wenn entsprechend der wachsenden Produktivität echte Reallohnsteigerungen möglich werden.“

          Nach Agenda 2010 klingt das nicht, und ein Land, in dem die Reallöhne heute unterhalb des Niveaus des Jahres 2000 liegen und ein Viertel aller Beschäftigten in unsicheren Jobs für Niedriglöhne schuftet, wandelt ganz sicher nicht auf den Spuren eines Ordnungspolitikers, der angetreten war, „über eine breitgeschichtete Massenkaufkraft die alte konservative soziale Struktur“ – nämlich eine dünne Oberschicht und eine breite Unterschicht – „endgültig zu überwinden“.

          Heute wird die Mitte wieder schmaler, eine dünne Oberschicht sehr viel reicher, die Unterschicht breiter und chancenloser. „Wohlstand für alle“ war das große Versprechen Ludwig Erhards und der sozialen Marktwirtschaft. Dieses Versprechen wurde von seinen Möchtegern-Nachfolgern gebrochen.

          Quelle: F.A.S.

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