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Karl Polanyi : Der entfesselte Kapitalismus

Karl Polanyi Bild: Metropolis Verlag

Karl Polanyi geißelt Profitgier und deregulierte Märkte. Die heutigen Kapitalismuskritiker sind seine Erben – und wissen es nicht.

          Spätestens seit der Finanzkrise des frühen 21. Jahrhunderts hat sich auch in bürgerlichen Kreisen hierzulande der Eindruck breitgemacht, ein „entfesselter Kapitalismus“ sei schuld daran, dass die Welt aus ihren Fugen geraten sei. Selbst wohlwollende Freunde des Marktes mahnen, es gelte den Kapitalismus vor dem Kapitalismus in Schutz zu nehmen und die Wirtschaft wieder in die Gesellschaft einzubetten.

          Rainer Hank

          Freier Autor in der Wirtschaft.

          Den Ahnherrn eines Denkens, wonach die Wirtschaft der sozialen Einbettung („Embeddedness“) bedarf, kennen die wenigsten: Es ist ein Mann namens Karl Polanyi (1886 bis 1964), einer der rätselhaftesten Denker des 20. Jahrhunderts. „Es war das Dilemma, dass sich das Marktsystem sein eigenes Grab geschaufelt hat und zuletzt auch die sozialen Institutionen zerstörte, auf denen es basierte“, schrieb Polanyi in seinem epochalen, 1944 erschienenen Werk „Die große Transformation“, verfasst unter dem Eindruck der Erfahrung von großer Depression und Zweitem Weltkrieg.

          Kaum ein Denker hat sich so vehement wie Polanyi gegen die von Adam Smith (1723 bis 1790) vertretene Ansicht gestemmt, der Markt sei die dominante Institution moderner Gesellschaften. Für Polanyi sind Märkte stets eine Bedrohung für die Gesellschaft, woraus größte Gefahr erwächst, wenn man ihnen erlaubt, nach ihren eigenen Gesetzen unabhängig von staatlich regulierender Umhegung zu wirken. Diese „große Transformation“, welche zu einer zerstörerischen Autonomisierung der Märkte führte, vollzog sich in England seit Beginn des 19. Jahrhunderts, später dann auch in Deutschland.

          Das Unheil begann damit, dass zum ersten Mal in der Geschichte Land, Arbeit und Geld wie ganz normale Rohstoffe oder Güter (Kartoffeln, Kleidung oder Kohle) behandelt wurden. Dass menschliche Arbeit als eine Ware angesehen und mit einem Preis belegt wird, war auch für Karl Marx und die frühen Sozialisten ein Skandal. Doch Polanyi, gewiss von Marx beeinflusst, argumentiert weniger moralisch als systemisch: Land, Arbeit und Geld nennt er „virtuelle Ressourcen“, die ihre Heimat im sozialen Leben haben: Arbeit ist nichts anderes als der Name für eine menschliche Betätigung; Land ist nur ein anderes Wort für Natur; und Geld ist eine Metapher für die Kaufkraft in einer Gesellschaft. Land, Arbeit und Geld gehören in den Bereich des allumspannenden Lebens, aber nicht auf das Feld partikulärer Märkte und handelbarer Güter.

          Das Unternehmen seines Vaters zerbrach

          Man könnte auch sagen, dass im frühen 19. Jahrhundert sich eine erste Welle der Ökonomisierung vollzog, durch welche Land, Arbeit und Geld aus ihrer sozialen Lebenswelt herausgerissen und gewaltsam den Gesetzen von Angebot und Nachfrage unterworfen wurden. Der Preis, den die Menschen dafür zahlen mussten, war die moralische Zerstörung ihrer gesellschaftlichen Lebensgrundlagen: „Laster, Perversion, Kriminalität, Hunger“ sind Folgen, die in die soziale Welt übergreifen und sie dehumanisieren.

          Polanyi weiß, wovon er redet. Die Enttäuschungsgeschichte des Kapitalismus, die er analysiert, hat er selbst miterlebt. Gleich Robert Musil und vielen Intellektuellen, die ihre Wurzeln in der zerfallenden Donaumonarchie des 20. Jahrhunderts haben, wurde er groß in den Boomjahren des Wirtschaftswunders der Gründerzeit in Wien und Budapest. Der Vater, ein erfolgreicher Eisenbahnunternehmer, zählte zur emanzipierten jüdischen Bourgeoisie. Den Familiennamen der Kinder hatte er magyarisiert - er selbst nannte sich noch Pollacek -, sich selbst hat er christianisiert: Karl und seine Geschwister wurden zum calvinistischen Protestantismus konvertiert. Die Mutter, eine Russin, führte einen prominenten Gesellschaftssalon Budapests.

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