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John Rawls : Der Philosoph des Fairplay

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John Rawls (1921-2002) Bild: Gamma/laif

John Rawls hat eine liberale Theorie der Gerechtigkeit entworfen, mit der er das Denken revolutionierte. Mit nur einem monumentalen Werk setzte er einen tiefgreifenden Wandel durch. Aus unserer Serie „Die Weltverbesserer“.

          Selten gelingt es einem einzigen Werk, die philosophische Szene von Grund auf zu verändern. Während andere Umwälzungen aus gemeinsamen Anstrengungen hervorgehen, setzte vor mehr als 40 Jahren der Harvard-Professor John Rawls mit seinem monumentalen Werk „Eine Theorie der Gerechtigkeit“ (1971) einen so tiefgreifenden Wandel durch, dass seither die Geschichte der Politischen Philosophie den lapidaren Titel trägt: von Platon zu Rawls.

          Rawls’ Theorie der Gerechtigkeit, nicht etwa die zupackende Programmschrift eines begnadeten Schriftstellers, vielmehr ein „gelehrter Wälzer“, wird in mehr als zwei Dutzend Sprachen übersetzt und erfährt eine intellektuelle Diskussion von geradezu industriellem Ausmaß. Zufällig ist dieser Erfolg nicht. Die Theorie der Gerechtigkeit, vielleicht sogar der wichtigste Text zur Politischen Ethik des 20. Jahrhunderts überhaupt, ist mit einem langen Atem verfasst. Vorphilosophische Anregungen reichen weiter zurück. Der ungewöhnlich bescheidene, zugleich hochdisziplinierte Rawls wächst in einer wohlhabenden Südstaatenfamilie auf. Sein Vater ist Anwalt, seine aus einer angesehenen deutschstämmigen Familie stammende Mutter ist politisch hoch engagiert. Rawls war sich bewusst, in dieser Weise unverdiente Privilegien zu genießen, was zu seiner nie ausgesprochenen Lebensmaxime führte: „La noblesse et le talent obligent.“ Zu Deutsch: Adel und Talent verpflichten.

          Er wendet sich unmittelbar Sachfragen zu

          Rawls’ veritabler Paradigmenwechsel beginnt bei der Aufgabe der philosophischen Ethik: Er wendet sich unmittelbar Sachfragen zu. Soweit denn doch normative Fragen erörtert wurden, waren sie vom Utilitarismus geprägt, dessen Stammvater Jeremy Bentham die Menschenrechte zu „Unsinn auf Stelzen“ erklärte. Nach Rawls hingegen besitzt jeder Mensch unveräußerliche Rechte. Ihretwegen tritt er dem utilitaristischen Prinzip vom „größten Glück der größten Zahl“ mit dem Gedanken der „Gerechtigkeit als Fairness“ entgegen. Danach sollen sowohl die Gewinne als auch die Lasten der gesellschaftlichen Kooperation so verteilt werden, dass jeder Einzelne einen möglichst großen Vorteil erzielt.

          Schon der Philosoph, mit dem sich Rawls am stärksten verbunden fühlt, Immanuel Kant, sieht den Sinn eines Gemeinwesens nicht im gelingenden Leben selbst. Nicht beauftragt, seine Mitglieder glücklich zu machen, ist der Staat auf Zwecke des Rechts, auf Freiheitssicherung durch Gesetze, beschränkt. Weniger dezidiert, aber ähnlich erwartet Rawls von den Gerechtigkeitsgrundsätzen nicht ein glückliches Leben. Ihren Gegenstand bilden nämlich gesellschaftliche Grundgüter (social primary goods), die (erstens) im Unterschied zu natürlichen Grundgütern wie Kraft, Intelligenz und Ideenreichtum überhaupt Gesellschaft bedingen und (zweitens) für jede Art von Lebensplan unabdingbar sind, deshalb sogar für pluralistische Gesellschaften eine Gemeinsamkeit darstellen. Darüber hinaus soll man (drittens) ein Maximum der jeweiligen Grundgüter suchen. Die für die Glücksvoraussetzungen zuständigen Gerechtigkeitsgrundsätze lauten nun: „Erster Grundsatz: Jedermann hat gleiches Recht auf das umfangreichste Gesamtsystem gleicher Grundfreiheiten, das für alle möglich ist. Zweiter Grundsatz: Soziale und wirtschaftliche Ungleichheiten müssen folgendermaßen beschaffen sein: (a) Sie müssen unter der Einschränkung des gerechten Spargrundsatzes den am wenigsten Begünstigten den größtmöglichen Vorteil bringen, und (b) sie müssen mit Ämtern und Positionen verbunden sein, die allen gemäß fairer Chancengleichheit offenstehen.“

          Elementare Grundrechte bilden einen festen Bestandteil

          Von diesen beiden Gerechtigkeitsgrundsätzen sind der erste Grundsatz und der zweite Teil des zweiten Grundsatzes unstrittig. Elementare Grundrechte bilden einen festen Bestandteil unserer geschriebenen oder gelebten Verfassungen. Und die Offenheit der Ämter und Positionen wird von Demokratien seit langem gepflegt. Anders verhält es sich mit dem Grundsatz 2 (a), dem Unterschiedsprinzip. Soweit es lediglich um die Realisierungsbedingungen von Grundrechten geht, etwa um ein angemessenes Existenzminimum, handelt es sich um den ebenfalls wenig strittigen, nämlich freiheits- und demokratiefunktionalen Kern der Sozialstaatlichkeit. Gegen die Forderung, die Schlechtestgestellten möglichst gut zu stellen, bleibt aber Skepsis zurück. Ein Rawls’scher Sozialstaat sieht paternalistischer aus, als es unstrittige Gerechtigkeitsüberzeugungen zulassen.

          Noch in einer anderen Weise macht sich Rawls um die Wirtschaftswissenschaften verdient. Bei der Begründung der Gerechtigkeitsprinzipien greift er auf die Entscheidungs- und Spieltheorie zurück. Mit ihrer Hilfe wird die klassische Vertragstheorie eines John Locke, Rousseau und vor allem Kant weit gründlicher durchkonstruiert: Rawls stellt eine Liste alternativer Ansätze für gesellschaftliche Grundprinzipien auf und wählt dann die Option aus, die den größten Nutzen für jeden Einzelnen erwarten lässt. Auf diese Weise werden überraschenderweise die genannten Gerechtigkeitsgrundsätze aus einem aufgeklärten Selbstinteresse abgeleitet. Rawls will ausdrücklich moralische Urteile durch rationale Klugheitsurteile ersetzen. Das Ersetzen ist freilich nur unter einer idealen, selber schon gerechtigkeitsbestimmten Bedingung möglich: Das Selbstinteresse agiert unter dem von Justitia-Darstellungen bekannten „Schleier des Nichtwissens“ („veil of ignorance“).

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