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Heinrich von Stackelberg : Wie die Oligopole den Markt verderben

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Heinrich, Freiherr von Stackelberg (1905-1946) Bild: INTERFOTO

Heinrich von Stackelberg hat als Erster untersucht, wie die Oligopolisten ihre Kunden über den Tisch ziehen und was man dagegen tun kann. Mit seiner Arbeit prägte er wesentlich die Wirtschaftswissenschaften in der Nachkriegszeit.

          In heutigen ökonomischen Standardlehrbüchern begegnet man wenigen deutschen Theoretikern des 20. Jahrhunderts. Einer von ihnen ist Heinrich Freiherr von Stackelberg. Der Weg zum nunmehr gängigen Modellbegriff des Stackelberg-Führers im Duopol, heute jedem Studenten der Mikroökonomie vertraut, gestaltete sich allerdings alles andere als einfach. 1905 in der Nähe von Moskau geboren und auf der Krim in einer traditionsreichen deutsch-baltischen Familie aufgewachsen, muss Stackelberg nach der Oktoberrevolution über Umwege nach Köln flüchten. Dort studiert er ab 1924 zunächst Mathematik, entdeckt aber seine Faszination für die mathematische Ökonomie und widmet ihr sein ganzes Leben.

          Bereits seine Dissertation zur Kostentheorie erweckt international Aufmerksamkeit, seine 1934 erschienene Habilitation „Marktform und Gleichgewicht“ macht ihn geradezu berühmt: Sie fällt in eine Zeit, in der Ökonomen auf beiden Seiten des Atlantiks intensiv über Formen des Wettbewerbs diskutieren, welche zwischen den tradierten Modellen mit entweder ganz vielen Anbietern oder aber lediglich einem Anbieter auf dem Markt liegen. Das Oligopol mit einigen wenigen Anbietern, im 19.Jahrhundert vergleichsweise selten Gegenstand der Theorie, erlebt nun eine Blütezeit - auch da die Debatte um Konzentration und Marktmacht auf den im Zuge der Großen Depression zunehmend geschlossenen Märkten neue Nahrung erhält.

          Herrscht auf oligopolistischen Märkten Chaos, oder gibt es auch hier theoretisch erfassbare Gleichgewichte? Stackelbergs Analyse verschiedener Konstellationen kommt zu dem Schluss, dass das Ungleichgewicht der Normalfall auf solchen Märkten ist: Es herrscht ein ständiger Kampf um Marktbeherrschung, was zu gleichgewichtslosen Preisen führt. Das heute berühmte Stackelberg-Gleichgewicht, bei dem die beiden Anbieter asymmetrische Rollen einnehmen und bei dem der zweite Anbieter sich mit einer „Abhängigkeitsposition“ begnügt, in der er auf den „marktbeherrschenden“ Anbieter lediglich reagiert, erklärt Stackelberg zum empirischen Ausnahmefall.

          Dozentenführer an der Uni Köln

          Den Begriff vom „Führer“ im Duopol findet man im Original nicht, er ist eine nachträgliche Übersetzung der Bezeichnung „Stackelberg leader“ in der späteren spieltheoretischen Rezeption. Aber der Begriff war dem jungen Stackelberg politisch nicht fremd. Nach seinem Engagement in konservativen antidemokratischen Vereinigungen baltischer Adliger tritt er noch 1931 der NSDAP bei und 1933 auch der SS. Bald danach wird er Dozentenführer an der Universität Köln.

          In der Habilitation bemerkt man seine weltanschaulichen Positionen ganz am Ende, wo er das wirtschaftspolitische Fazit zieht, dass das italienische Schema des „faschistisch-korporativen Marktes“ als „interessantes Beispiel“ für die Lösung der Gleichgewichtslosigkeit zu interpretieren ist. Das führt bereits 1935 dazu, dass in Besprechungen, etwa von J. R. Hicks, die Würdigung der theoretischen Leistung mit einer Ablehnung Stackelbergs als Befürworter des korporativen Staates kollidiert.

          1935 wird Stackelberg als Extraordinarius nach Berlin berufen, und es beginnt damit in mehrfacher Hinsicht ein neuer Lebensabschnitt. Seine Sprache bleibt die Mathematik, die Felder, denen er sich widmet, werden aber deutlich vielfältiger. Erwähnt sei etwa sein Beitrag zur Entwicklung und Formalisierung der Kapitaltheorie in der Tradition Eugen von Böhm-Bawerks, was für ihn zusätzliche Impulse in Sachen Marktdynamik mit sich bringt. Außerdem kommt er 1940 mit der neuen Ordnungstheorie Walter Euckens in Berührung und verfasst sofort eine knapp 40-seitige Besprechung über dessen „Grundlagen der Nationalökonomie“.

          Distanz zum Regime

          Seine Berliner Studenten berichten, dass er, zusammen mit Kollegen wie dem später hingerichteten Jens Jessen, eine zunehmende Distanz zum Regime einnimmt. Zwei Austrittsersuche aus der SS werden von der Organisation abgelehnt. 1941 folgt der Ruf als Ordinarius nach Bonn, im Krieg wird der mehrsprachige Ökonom als Übersetzer in der Wehrmacht eingesetzt. In dieser Zeit kommt er durch seinen Kölner Lehrer Erwin von Beckerath in die Nähe dessen oppositioneller Arbeitsgemeinschaft, die nach der offiziellen Auflösung 1943 im Geheimen Fragen des Übergangs zu einer Nachkriegsordnung diskutiert. Stackelberg besucht die erste Sitzung in Freiburg und hält dort einen Vortrag, der deutliche Unterschiede zu seinen frühen Positionen sichtbar werden lässt.

          Zwar sieht er bei Oligopolmärkten weiterhin die Tendenz zur Gleichgewichtslosigkeit, allerdings verwirft er seine frühere Idee einer kollektiven Planung des Marktes, weil er hierbei unüberwindbare Informationsprobleme bei der Preisgestaltung sieht. Die marktwirtschaftliche Ordnung hingegen charakterisiert er, je mehr sie durch Konkurrenz geprägt ist, als eine Art spontane Rechenmaschine, die zwar nicht vollkommen, aber durch den Druck des Wettbewerbs lernfähig ist. Auch im gleichzeitig erschienenen Lehrbuch sucht er jenseits von Laissez-faire und Planwirtschaft nach Instrumenten hin zu mehr Konkurrenz und einem ungestörten Preismechanismus.

          Die Suche bricht zu früh ab, weil er 1946 kurz vor seinem 41. Geburtstag während einer Gastprofessur in Madrid an Lymphdrüsenkrebs stirbt. Im „Economic Journal“ würdigt Eucken 1948 das bewegte Leben eines Wissenschaftlers, der, in jungen Jahren auf ideologischen Abwegen, durch die Erfahrung mit der ökonomischen Realität die Ergebnisse seiner geliebten mathematischen Ökonomie deutlich überdenkt. Auch wenn die Spieltheorie, die er nicht mehr kennenlernen konnte, seine Position zur Gleichgewichtslosigkeit des Oligopols deutlich differenziert, prägt Stackelberg mit seiner Methode viele junge Theoretiker und damit auch wesentlich die Entwicklung der Wirtschaftswissenschaft in der Nachkriegszeit.

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