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Friedrich August von Hayek : Wider die Anmaßung von Wissen

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Friedrich August von Hayek (1899-1992) Bild: J. H. Darchinger / Bearbeitung F.A.S.

Menschen überschätzen sich, wenn sie die Wirtschaft planen wollen. Friedrich August von Hayek setzte lieber auf den Markt als Ort, um Informationen zu verarbeiten.

          In einem Artikel unter dem Serientitel „Die Weltverbesserer“ Platz zu finden, hätte Friedrich August von Hayek nicht notwendigerweise gefallen. Natürlich hoffte der Ökonom, der 1944 in seinem Bestseller „Der Weg zur Knechtschaft“ die Unmöglichkeit der Planwirtschaft erklärt und seine Wahlheimat England vor dem Abgleiten in den Totalitarismus gewarnt hatte, mit seiner Arbeit zu einer günstigen Zukunft beizutragen.

          Doch mit dem Titel „Weltverbesserer“ hätte er eher unsympathische Leute verbunden, die sich Herrschaftswissen darüber anmaßen, wie die Welt geordnet sein sollte: Technokraten, die soziale Entwicklungsprozesse mit autoritärer Macht abkürzen oder beeinflussen wollen. Paternalisten, die Mitmenschen sagen, wie sie leben sollen. Nichts davon wollte Hayek sein.

          Nicht nur persönlich, auch wissenschaftlich war die Haltung des Österreichers, der 1974 für seine Konjunkturtheorie und seine Sozialphilosophie mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurde, von tiefer Demut gekennzeichnet. Die Einsicht in die Fehlbarkeit des Einzelnen, in die Begrenztheit von Verstand und Voraussicht sowie in das fundamentale „Nicht-Wissen“ der Menschheit als Ganzes machte Hayek zum überzeugten Liberalen: Wo kein Wissen umfassend und gesichert ist, muss man immer wieder neue Lösungen ausprobieren können, muss Raum für das Unvorhersehbare bleiben.

          Begrenztes Wissen bestmöglich nutzen

          Hayek stellte das Wissensproblem ins Zentrum seiner Überlegungen. Für ihn war klar: Wissen ist keine abstrakte, sozial aufsummierbare Größe, sondern es bleibt immer an die Person, ihr Umfeld und ihre Zeit gebunden. Es ist beschränkt, lokal und verstreut. Mit dieser Einsicht war Hayek – neben Carl Menger, Eugen von Böhm-Bawerk und Ludwig Mises einer der führenden Köpfe der österreichischen Schule – noch radikaler als sein britischer Zeitgenosse John Maynard Keynes, der die ökonomische Bedeutung fundamentaler Unsicherheit betonte.

          Die Aufgabe der ökonomischen Disziplin beschrieb Hayek in der Folge ganz anders als seine Kollegen. Das schiere Aufstellen von Zweck-Mittel-Relationen, die Ableitung optimaler Allokationen, die „Erforschung menschlichen Verhaltens mit Blick auf knappe Ressourcen und unbegrenzte Bedürfnisse“ (Lionel Robbins) – all das war ihm zu dürftig. Dafür bräuchte man bloß eine Rechenmaschine. Hayek formulierte die „zentrale Frage aller Sozialwissenschaften“ vielmehr als ein Problem der Wissenskoordination.

          Für ihn musste es auch in der Ökonomie darum gehen zu ergründen, wie das Wunder geschehen kann, dass sich die unterschiedlichen, zum Teil sogar widersprüchlichen Interessen unzähliger Menschen, die jeweils nur über begrenztes Wissen verfügen, unter einen Hut bringen lassen. So fragte er: „Wie kann das Zusammenwirken von Bruchstücken von Wissen, das in den verschiedenen Menschen existiert, Resultate hervorbringen, die, wenn sie bewusst vollbracht werden sollten, auf Seiten des lenkenden Verstandes ein Wissen erfordern würden, das kein einzelner Mensch besitzen kann?“ Man kann diese Frage weiterdrehen: Wie muss eine Wirtschaftsordnung aussehen, die es erlaubt, das begrenzte, verstreute Wissen der Menschen bestmöglich zu nutzen?

          Soziale Institutionen als Zivilisationsleistung

          Die Antwort lieferte Hayek mit einer neuen Interpretation des Preismechanismus und des Wettbewerbs. Flexible relative Preise sind das Scharnier, das die staunenswerte Koordination der individuellen Pläne ermöglicht – ohne dass ein „Mastermind“ den Prozess überwachen muss.

          Es reicht aus, dass sich die Menschen frei, im Rahmen ihres Wissens und innerhalb ihres Umfeldes an sich ändernde ökonomische Umstände anpassen. In welcher Weise sie das tun sollten, können sie an der Veränderung der Preisrelationen ablesen. Ein Produzent beispielsweise braucht nicht zu wissen, wieso ein für ihn relevanter Rohstoff vom anderen Ende der Welt teurer wird. Es reicht, dass er die Tatsache zur Notiz nimmt und seine Nachfrage drosselt oder verschiebt – womit er unbeabsichtigt selbst Teil einer Wissen vermittelnden und neuschaffenden Kette wird. Wenn auf dem Markt Wettbewerb herrscht, steckt im relativen Preis gebündelt alle Information, die erforderlich ist. Im Umkehrschluss schmälert freilich alles, was den Wettbewerb hemmt und die Preisrelationen verzerrt, die Möglichkeit, das verstreute Wissen zu nutzen und zu mehren.

          Dass der Preismechanismus fähig ist, eine spontane „Wissensteilung“ analog zur Arbeitsteilung zustande zu bringen, war die eine große Entdeckung, auf die Hayek stets besonders stolz war. Auf den verschiedenen Etappen seines Karrierewegs, der diesen Grenzgänger zwischen den Disziplinen von Wien nach London, Chicago, Salzburg und Freiburg führte, variierte er dieses Thema der spontanen Koordination immer wieder neu.

          Sein ganzes Werk ist vom Kernsatz der schottischen Aufklärung geprägt, dass es wichtige soziale Institutionen gibt, die zwar „Ergebnis menschlichen Handelns, nicht aber menschlichen Entwurfs“ sind. Sie haben sich im Prozess der kulturellen Evolution als spontane Ordnung herausgebildet und tragen die Zivilisationsleistung unzähliger Generationen in sich. Die Marktwirtschaft ist eine von ihnen.

          Karen Horn ist Geschäftsführerin der „Wert der Freiheit gGmbH“ in Berlin und Vorstandsvorsitzende der Friedrich-A.-von Hayek-Gesellschaft.

          Quelle: F.A.S.

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