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Veröffentlicht: 19.04.2014, 17:04 Uhr

Amartya Sen Der Anwalt der Armen

Der Nobelpreisträger Amartya Sen erforscht, wie man die Welt gerechter machen kann. Seine Motivation ist ein schlimmes Kindheitserlebnis.

von
© Julia Zimmermann Amartya Sen (Jahrgang 1933)

Wenn Amartya Sen erklären will, warum er sein ganzes Wissenschaftlerleben mit der Erforschung von Gerechtigkeitsfragen verbracht hat, kommt er immer wieder auf eine Geschichte zurück. Der Ökonom, der für seine Arbeiten zur Wohlfahrtsökonomie den Nobelpreis bekam, stammt aus Westbengalen, einem indischen Bundesstaat an der Grenze zu Bangladesch. Im Jahr 1943, als Sen neun Jahre alt war, wurde er dort Zeuge einer schlimmen Hungersnot, in der mehr als drei Millionen Menschen starben.

Dieses Erlebnis ließ ihn nie wieder los. Schon als Student beschäftigte sich Sen, der als Kind der indischen Elite nicht selbst von der Hungersnot betroffen war, mit den Gründen für die Katastrophe – und kam zu dem Schluss, dass sie mit relativ einfachen Mitteln zu verhindern gewesen wäre. Denn Lebensmittel gab es eigentlich genug. Dass sie diejenigen nicht erreichten, die sie brauchten, lag an der Untätigkeit und den Vertuschungsversuchen der britischen Kolonialherren. Statt die Hungersnot zu bekämpfen, mühten sich die Behörden, die Opferzahlen zu verschleiern und die Presse an der Berichterstattung zu hindern. Den Menschen, die verhungerten, fehlte die politische Macht, an dieser Situation etwas zu ändern.

„In Demokratien gibt es keine Hungernöte“

„In Demokratien, selbst in sehr armen, gibt es keine Hungersnöte“, schrieb Sen später. Hunger und Armut seien hauptsächlich die Folge unzureichender politischer Rechte und ungerechter sozialer Strukturen. Wer Armut bekämpfen will, darf das Sens Ansicht nach deswegen nicht nur mit den Mitteln der Wirtschaftswissenschaft tun: Die Forderung nach ökonomischer Gerechtigkeit lässt sich für ihn nicht trennen von philosophischen und politischen Fragen über die Verteilung von Macht und Verantwortung in der Gesellschaft.

In seiner eigenen Forschung, in der er sich neben der Weiterentwicklung der Wohlfahrtsökonomie hauptsächlich der Entwicklungspolitik und damit der Bekämpfung von Armut und Unterdrückung widmete, hat Sen diese Fragen immer miteinander verknüpft. Es wäre deswegen auch zu wenig, den Wohlfahrtsökonomie-Nobelpreisträger lediglich als reinen Ökonomen zu bezeichnen. Sen ist ein Universalgelehrter in den Sozialwissenschaften und ein praktischer Philosoph in der Tradition von Denkern wie Adam Smith, John Stuart Mill und Karl Marx, in deren Reihe er sich schon als junger Wissenschaftler selbstbewusst einordnete.

Jeder braucht ein wirksames Mitspracherecht

Wie seine Vorväter verfolgt er einen lebensnahen und vergleichenden Ansatz, um die Suche nach einer gerechten Gesellschaftsordnung voranzutreiben. Anders als viele seiner Philosophenkollegen fragt Sen nicht: Was ist Gerechtigkeit? Stattdessen interessiert ihn, ob Situation A gerechter ist als Situation B, oder was man tun könnte, um beide Situationen ein bisschen gerechter zu machen.

Dabei interessieren ihn nicht nur die richtigen politischen Institutionen. Individuelle Entscheidungen spielen eine zentrale Rolle: Um eine Gesellschaft gerechter zu machen, müssen ihre Mitglieder ihre gegenseitige Verantwortung ernst nehmen und sich regelmäßig darüber austauschen, wie sie ihr Zusammenleben gestalten wollen. Die Grundvoraussetzung dafür ist eine der Lehren aus der bengalischen Hungersnot: Jeder braucht ein wirksames Mitspracherecht.

Und mit der Debatte über die eigene Gesellschaft ist es für Sen noch nicht getan: Die Menschen müssen bei ihren Entscheidungen auch die Wirkung auf andere Gesellschaften berücksichtigen. Die Idee der Gerechtigkeit ist global. Gesellschaftliche Entscheidungen haben bei Sen deswegen einen so hohen Stellenwert, weil er nicht glaubt, dass es einen einzigen richtigen Weg gibt, Gerechtigkeit zu schaffen.

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