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Ökonomen-Serie : Abschied von den Weltverbesserern

  • -Aktualisiert am

Acht Weltverbesserer (von oben links im Uhrzeigersinn): Beatrice Webb, Gary Becker, Kenneth Rogoff und Carmen Reinhart, Silvio Gesell, Hyman Minsky, Christina Romer, Vernon Smith. Bild: F.A.Z.

Ökonomie ist gar nicht so kalt, wie viele denken. Das hat unsere Serie über die Weltverbesserer bewiesen. Jetzt gibt’s das Buch dazu.

          Schon Kurt Tucholsky wusste, dass Wirtschaft im Prinzip jeden interessiert, aus ganz profanen Gründen. „Nationalökonomie ist, wenn die Leute sich wundern, warum sie kein Geld haben“, schrieb er 1931. Und wer wundert sich nicht manchmal darüber, dass er kein Geld hat beziehungsweise weniger als der Nachbar oder die Studienkollegin? Ja, selbst wer bewusst auf Geld verzichtet, zeigt damit, dass ökonomische Überlegungen ihn umtreiben. Wie uns alle.

          Trotzdem denken die Leute seltsamerweise zweierlei: Erstens, Ökonomie ist zu kompliziert, als dass sie sie je verstünden. Zweitens, Ökonomie ist unmenschlich und irgendwie böse.

          Zur ersten Annahme trägt die Wissenschaft selbst bei, indem sie ihre Erkenntnisse vorzugsweise mit Hilfe von Gleichungen erschließt. Genau wie die gesamte Wirtschaftswelt, indem sie eine Fachsprache pflegt wie sonst nur Ärzte: Wer versteht schon die Bilanz der Deutschen Bank oder eine Pressemitteilung der Europäischen Zentralbank?

          Ökonomie ist für jedermann verständlich

          Es drängt sich der Verdacht auf, dass dies bisweilen mit Bedacht geschieht - damit nicht jeder versteht, was vor sich geht. Denn eigentlich ist Ökonomie nicht nur etwas, das alle angeht, sondern sie ist auch für jedermann verständlich. Die Folgen von Knappheit etwa begreift man schon im Kindergarten, wenn dort - weil Süßigkeiten verboten sind - mit pappsüßen Choco Pops gedealt wird wie andernorts mit Drogen. Ebenso versteht selbst ein Dummkopf den abnehmenden Grenznutzen, wenn er überlegt, ob er das achte Bier des Abends wirklich noch trinken soll.

          Lisa Nienhaus (Hg) Die Weltverbesserer. 66 große Denker, die unser Leben verändern. Hanser Verlag, 17,90 Euro, erschienen am 30. März 2015.

          Dies sind simple Konzepte, aber viele der besten ökonomischen Ideen der vergangenen Jahrzehnte sind im Kern für alle begreifbar. Nicht nur das. Ökonomen liefern außerdem Einsichten, die uns faszinieren. Sie kümmern sich um das, was die Menschen umtreibt und ja: Viele haben die Welt mit ihren Ideen sogar verbessert.

          Das zu zeigen, war die Idee der Serie „Die Weltverbesserer“, die die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vor gut anderthalb Jahren an diesem Platz begonnen hat. Wie menschlich es unter Wirtschaftsdenkern zugeht, haben Sie, die Leser, anhand vieler Beispiele erfahren. Da ging es um John Rawls, der uns Gerechtigkeit und Fairplay lehrt - indem er eine völlig neue Idee einführt, den „Schleier des Nichtwissens“. Er stellte die Frage: Welche Gesellschaftsregel würden Sie erfinden, wenn Sie nicht wüssten, in welche Familie, welche Klasse, welches Geschlecht sie hineingeboren würden? Allein die Frage war eine Revolution.

          Die Finanzkrise hat das Ego der Ökonomen angekratzt

          Ein jüngeres Beispiel ist Elinor Ostrom, Nobelpreisträgerin aus dem Jahr 2009. Sie hat nicht dem Egoismus das Wort geredet, sondern erforscht, wieso Teilen manchmal ein Segen sein kann und funktioniert.

          Selbst Forscher wie Eugene Fama, die an den kalt-rationalen Menschen glauben, haben sich höchst menschlichen Themen gewidmet. Fama klärte die Tucholsky-Frage: Wieso habe ich kein Geld oder verdiene zumindest nicht mehr als andere? Fama sagt: Wir können es gar nicht schaffen, unser Geld klüger und gewinnbringender anzulegen als die anderen. Welch eine Wohltat, welche Entlastung für die Menschheit!

          Nichtsdestotrotz: Der Titel „Die Weltverbesserer“ klingt für Wirtschaftsskeptiker erstaunlich. Zumal die Wirtschaftswissenschaft selbst derzeit nicht gerade vor Selbstbewusstsein strotzt. Finanzkrise und Euro-Krise haben ihr Ego angeknackst. Die Finanzkrise sahen die Ökonomen nicht kommen, was dramatisch ist für eine Wissenschaft, die doch immer von sich behauptet, auch prognostische Fähigkeiten zu haben. Zur Euro-Krise fällt den Ökonomen keine alle Seiten befriedigende Lösung ein und sie ergehen sich in Richtungsstreitigkeiten der allerderbsten Art. Austerität oder Investitionsprogramme? QE oder kein QE? Derzeit liefert die Wissenschaft darauf keine verlässlichen Antworten.

          Es ist nicht das erste Mal. Die Ökonomie hat eine Reihe von spektakulären Krisen zu verzeichnen. Andererseits aber braucht man gerade in Zeiten wie diesen die Wirtschaftswissenschaft mehr denn je. Deshalb muss sie sich besinnen auf das, was sie kann und will.

          Diese Serie sollte zeigen: Eine Ökonomie für jedermann ist möglich. Eine Ökonomie, die den Ideen huldigt und Widersprüche hinnimmt. Eine Ökonomie voller Menschen, die die Welt erklären, nicht vorhersehen; die alte Theorien auf den Kopf stellen, wenn die Wirklichkeit nicht mehr dazu passt; die ihre Ideen nicht als Naturgesetze verkaufen, sondern als etwas von Menschen gemachtes, deren Lebensumstände den Hintergrund dafür bilden, was sie sich ausdenken.

          Die Weltverbesserer haben Sie, die Leser, hier immer auch als Menschen kennengelernt, als Produkt ihrer Zeit, als Kämpfer gegen die Entbehrungen ihrer Zeit, auch als Getriebene ihrer psychischen Probleme. Für alle, denen das gefallen hat, die die Texte wieder lesen oder weitergeben wollen: 66 Porträts unserer Weltverbesserer erscheinen als Buch im Hanser-Verlag.

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