25.12.2007 · Deutschland diskutiert vor allem über die negativen Auswüchse des Kapitalismus. Ausufernde Managergehälter und Niedriglöhne für Arbeiter bestimmen die Debatte. Unter Ökonomen setzt sich indes immer mehr die Erkenntnis durch: Der Kapitalismus braucht auch die richtige Haltung.
Von Rainer HankWährend die Weltwirtschaftskrise die Menschen noch in Angst und Schrecken hielt, veröffentlichte der große britische Ökonom John Maynard Keynes einen vor Optimismus strotzenden Essay über die „Wirtschaftlichen Möglichkeiten unserer Enkel“. Keynes' Schrift, verfasst im depressiven Jahr 1930, entwirft ein utopisches Bild unserer heutigen Zeit. Der Optimismus speist sich aus der Zuversicht, dass auf lange Sicht Wachstum und technologischer Wandel die Menschheit dazu befähigen würden, ihre ökonomischen Probleme ein für allemal zu lösen.
„Weil dann die materiellen Bedürfnisse befriedigt sind, können wir unsere Energie wieder nicht-ökonomischen Zielen zuwenden“, schreibt Keynes geradezu aufatmend. Wie kaum ein Zweiter hat er selbst vorgelebt, dass es wichtigere Dinge im Leben gibt als Wirtschaft und Arbeit. Nachdem den Enkeln ein um das Vier- bis Achtfache üppigerer gesellschaftlicher Wohlstand zur Verfügung stünde, bräuchten sie eigentlich gar nicht mehr zu schuften und könnten es sich leisten, ihr Leben völlig frei und ungezwungen zu genießen. Doch ganz ohne Arbeit hält es niemand aus, befürchtet Keynes, weshalb er für eine Fünfzehn-Stunden-Woche für alle plädiert. Der Kapitalismus schrumpft zur Nebensache. „Drei Stunden täglicher Arbeit müssen reichen, um den alten Adam in uns zufriedenzustellen.“
Siebzehnfach besser als noch 1930
Was ist aus dieser Utopie in unseren Tagen geworden? Ist ein Zustand genussvoller Tatenlosigkeit überhaupt wünschenswert? Keynes, übrigens auch Karl Marx, haben sich offenbar danach gesehnt. Und sie haben mit ihrem scheinbar paradiesischen Szenario unsere heutige Wirklichkeit nicht völlig verfehlt. Tatsächlich hat die Wachstumsmaschine der Weltwirtschaft trotz verheerender Kriege in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Prognose sogar noch übertroffen: Siebzehnfach besser stehen wir heute da, verglichen mit dem Lebensstandard von 1930, hat der italienische Wirtschaftswissenschaftler Fabrizio Zilibotti errechnet: „Wir haben eine Ära ungeahnten materiellen Fortschritts hinter uns.“
Darüber, wie dieser Wohlstand zu verwenden sei, gehen die Meinungen der Nationen auseinander. Die Amerikaner wählen lieber ein höheres Einkommen und arbeiten dafür relativ lang. In Europa hingegen sind - bezogen auf die gebesserte Lebenserwartung und also die langen arbeitsfreien Mußejahre der Rentner eingerechnet - die heutigen Arbeitszeiten deutlich kürzer als vor 80 Jahren: Denn die Europäer haben sich entschieden, ihre Produktivitätserfolge in Freizeit zu tauschen, auch wenn sie nicht ganz bis zur 15-Stunden-Woche gekommen sind. Der reiche europäische Wohlfahrtsstaat bietet zudem einer Vielzahl von Bevölkerungsgruppen die Chance, von Transfers und also ohne Arbeit zu leben. Keynes' Utopie einer Gesellschaft ohne Arbeit ist ohne Zweifel auf dem europäischen Kontinent viel weiter gediehen als in den Vereinigten Staaten.
Werte und Tugenden bringen die Wirtschaft in Fahrt
Was die einen erschreckt, wird von den anderen gepriesen: Der Kapitalismus könnte verschwinden, wenn er einmal seine Schuldigkeit getan hätte und die Menschen beschließen sollten, ihre Haltungen und Einstellungen zur Arbeit zu ändern. Haltungen sind nämlich wichtig; denn der Kapitalismus braucht nicht nur Kapital. Er braucht nicht nur eine stabile Rechtsordnung und eine gute Politik. Immer mehr setzt sich unter Ökonomen die Erkenntnis durch, dass es kulturell vermittelte Werte und Tugenden sind, welche die wirtschaftliche Dynamik entscheidend in Fahrt bringen.
„Die Menschen mussten Sparsamkeit, Sorgfalt oder Fleiß erst lernen, damit Unternehmertum als Ziel menschlichen Strebens lohnenswert werden konnte“, sagt der israelische Wirtschaftswissenschaftler Oded Galor, ein prominenter Vertreter dieser neuen kulturellen Wirtschaftstheorie.
„Präferenzen sind nicht gottgegeben“, sagt auch Fabrizio Zilibotti und verweist auf die aristokratischen Eliten im achtzehnten Jahrhundert. Der europäische Adel absolutistischer Zeiten sonnte sich in einer Kultur des Müßiggangs - ganz so wie Keynes sich das Paradies für seine Enkel erträumt hatte: Man widmete sich ausgelassen den Freuden des Lebens und verbrachte den Alltag zwischen dem Genuss klassischer Musik und der gemeinsamen Jagd in den Wäldern. Unternehmerische Neugier war nicht gefragt; Pflicht und Arbeitsethos wurden allenfalls von den Dienern erwartet. Warum auch hätten adlige Eltern ihre Kinder und Enkel zu Fleiß und Sparsamkeit erziehen sollen? Wo jene doch später mit Sicherheit als Rentiers die ertragreichen Früchte ihrer Ländereien ernten durften. Ganz ohne Arbeit.
Den eigenen Wohlstand gesteigert - und zugleich den aller
Es war das Bürgertum, welches mit moralischer Wucht und unternehmerischem Elan den kapitalistischen Geist durchzusetzen wusste. Es waren die Bürger, die einen starken Anreiz verspürten, ihren Kindern Arbeitsdisziplin, Beharrlichkeit und Fleiß beizubringen. Denn Bildung, verbunden mit der rechten Haltung, zahlte sich später in einem höheren Arbeitseinkommen aus. Die Bourgeoisie hat es glänzend verstanden, ihre Werte des Maßes, der Bescheidenheit, der Sparsamkeit und der harten Arbeit als moralisch überlegen zu profilieren und als Vehikel des gesellschaftlichen Aufstiegs zu nutzen. Die Bürger haben damit - Erfolg der unsichtbaren Hand - nicht nur den eigenen, sondern zugleich den Wohlstand aller gesteigert.
Die industrielle Revolution war nämlich mehr als nur eine Revolution von Kapitalakkumulation und Wachstum. Sie bedeutete zugleich eine politische und soziale Transformation der westlichen Welt, welche die Verteilung von Wohlstand und Einkommen radikal veränderte. Die industrielle Revolution war nicht nur eine Revolution der Produktionsbedingungen. Sie war auch eine Klassenrevolution.
Leistung, Erfolg, Wettbewerb
Kein Wunder, dass Max Webers berühmte Kapitalismusschrift, der zufolge die protestantische Ethik den Kapitalismus zum Laufen brachte, heutzutage wieder in Mode kommt. Lange Zeit war das Buch bei Soziologen und Ökonomen nicht mehr gut gelitten. Doch es könnte sein, dass wir der auf Triebverzicht beruhenden Askese und der am Berufsethos ausgerichtete Arbeitsdisziplin mehr Wohlstand verdanken als gedacht. „Der Schlag deines Hammers, den dein Gläubiger um 5 Uhr morgens oder um 8 Uhr abends vernimmt, stellt ihn auf sechs Monate zufrieden“, sagt der amerikanische Erfinder und Staatsmann Benjamin Franklin, einer von Max Webers Kronzeugen.
Nichts ist selbstverständlich. Weder der Kapitalismus. Noch die zugehörigen kulturellen Prägungen. Aber Präferenzen, Normen und Glaubenshaltungen beeinflussen die wirtschaftliche Dynamik entscheidend. „Wer der Auffassung ist, Erfolg sei das Ergebnis von Leistung, wird anders leben als jemand, der meint, Erfolg sei eine Frage des glücklichen Zufalls“, sagt Wirtschaftsforscher Zilibotti. Solch unterschiedliche Grundüberzeugungen fördern oder schädigen das Wachstum und die Produktivität. Der meritokratische Glaube an einen Zusammenhang von Leistung und Erfolg spornt an zum wettbewerblichen Spiel. Der fatalistische Glaube an den Zufall fordert dagegen ein hohes Maß an Umverteilung, um das Glück der Beliebigkeit zu korrigieren.
Keynes dachte an das Ende des Systems
John Maynard Keynes sah die negativen Seiten der kapitalistischen Moral. Kein Wunder, dass der Gedanke ihn beflügelte, das ganze System könnte sich eines Tages erübrigen. „Gier ist ein Laster, Eintreiben von Wucherzins ein Vergehen und die Liebe zum Geld ist verabscheuungswürdig“, schreibt Keynes mit Bezug auf die Bibel: Wenn die Akkumulation von Wohlstand eines Tages nicht mehr von großer sozialer Relevanz sei, könne sich auch der Moralkodex der Menschen ändern.
Was Keynes als Fortschritt beschreibt, beklagt Edmund Phelps, Ökonomienobelpreisträger des Jahres 2006, als Verlust. Wo in den Familien und Schulen nicht mehr Neugier, Abenteuerlust und Entdeckerfreude geweckt werden, erstickt der Tatendrang einer ganzen Generation. Und wo Gehorsam und Arbeitsdisziplin als Sekundärtugenden verspottet werden, vertrocknet jeglicher Ehrgeiz. Das hat fatale Auswirkungen auf wirtschaftliches Wachstum und Produktivität.
Aber die wirtschaftlichen Folgen sind noch nicht einmal das Schlimmste. Es geht um die Frage, was ein gutes Leben ist. Wenn zum guten Leben die Neugier nach Erkenntnis, der Drang zur Tat und die Entfaltung der Freiheit gehören, dann können sich diese Tugenden im Kapitalismus nicht schlecht entfalten. Es wäre schade, wenn die Enkel darüber nur noch aus den Geschichtsbüchern erfahren würden.
Sozialismus und Islam sind also Feinde des Wohlstands
Ogdan Ücgür (Ogdan)
- 25.12.2007, 16:25 Uhr
'Die Menschen mussten Sparsamkeit, Sorgfalt oder Fleiß erst lernen ...'
K. Peter Luecke (microplan2002)
- 25.12.2007, 17:08 Uhr
Die "soziale Marktwirtschaft" hat uns Wohlstand gebracht!
Alexandra Mertens (mertens.alexandra)
- 25.12.2007, 19:19 Uhr
Der Keynes`sche Sozialismustraum ist Blödsinn.
Karl-Heinz Andresen (khaproperty)
- 25.12.2007, 20:31 Uhr
Lethargie vs. Umverteilung !?
Bernd Michalski (michalski2)
- 26.12.2007, 12:38 Uhr
Rainer Hank Jahrgang 1953, verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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