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Veröffentlicht: 28.10.2012, 14:16 Uhr

Die Ordnung der Wirtschaft Zur Rolle der Ökonometrie in der wissenschaftlichen Politikberatung

Ökonomische Theorie wie empirische Analysen liefern oft keine klaren Antworten auf wirtschaftspolitische Fragen. Nur wenn der Beratungsprozess transparent und eine offene Debatte möglich ist, kann wissenschaftliche Politikberatung auch dann, wenn gegensätzliche Interessen im Spiel sind, zu einer besseren Politik beitragen.

von Gebhard Kirchgässner
© Stefan Boness / VISUM Wirklich weise? Höhepunkt des jährlichen Gutachterreigens ist das dicke Herbstgutachten, das der Sachverständigenrat im November der Regierung überreicht.

Ökonometrische Verfahren sind heute in vielen Bereichen der Politikberatung unverzichtbar geworden. Dies gilt zum Beispiel für die Zentralbanken: Sie könnten ihre Geldpolitik ohne solche Analysen kaum mehr durchführen; man denke nur an die Prognosen der Preisentwicklung, die zur Festlegung der Referenzzinssätze erforderlich sind. Man könnte es sich daher einfach machen und darauf hinweisen, wie nützlich ökonometrische Arbeiten für viele Politikbereiche geworden sind, nicht nur für die Geld-, sondern auch für die Arbeitsmarkt- oder für die Wettbewerbspolitik. Nicht umsonst gibt es in Deutschland eine Reihe von - wesentlich aus öffentlichen Mitteln finanzierten - Wirtschaftsforschungsinstituten, die für ihre Analysen in aller Regel moderne ökonometrische Methoden verwenden.

Leider sind die Ergebnisse ökonometrischer Studien häufig nicht so eindeutig und abgesichert, wie man sich dies wünschen würde. Das gilt bereits für den „handwerklichen“ Bereich, wie aus einer Untersuchung des „Journal of Money, Credit, and Banking“ zu Beginn der achtziger Jahre hervorgeht. In einer Untersuchung von 154 dort eingereichten oder schon veröffentlichten Arbeiten konnten die Ergebnisse nur in einer Minderzahl von Fällen exakt reproduziert werden.

Daten müssen für Nachschätzungen verfügbar sein

Dies zeigt, wie wichtig es ist, dass Daten und Programme veröffentlichter Arbeiten für Nachschätzungen zur Verfügung stehen. Dies wird auch deutlich an einem neueren Beispiel: der Kontroverse über die Auswirkungen des (illegalen) Herunterladens von Musik aus dem Internet auf den Absatz von CDs. Während bisher die meisten Studien zum Ergebnis kamen, dass das Herunterladen von Musik erhebliche negative Auswirkungen auf die Verkäufe von CDs hat, behaupten Oberholzer-Gee und Strumpf in einer Arbeit aus dem Jahr 2007, dass das Herunterladen von Musik bestenfalls vernachlässigbar geringe negative Auswirkungen auf den Verkauf von CDs habe.

21914828 © Archiv Vergrößern Gebhard Kirchgässner ist Professor für Volkswirtschaftslehre und Ökonometrie an der Universität St. Gallen. Außerdem leitet er das Schweizerische Institut für Außenwirtschaft und Angewandte Wirtschaftsforschung. Kirchgässner (64) stammt aus Konstanz, er ist Schweizer und deutscher Staatsbürger. Sein Lebenslauf umfasst eine beeindruckende Zahl Stipendien und akademische Ehren. Gefragt ist er auch als Politikberater. (hig.)

Dieses Ergebnis ist - gerade für einen Ökonomen - nur schwer nachvollziehbar. So erstaunt es nicht, dass diese Arbeit, insbesondere von Liebowitz, scharf kritisiert wurde. Wer hier recht hat, ist kaum zu klären, da die Daten von Oberholzer-Gee und Strumpf, die für eine kritische Analyse ihrer Ergebnisse erforderlich wären, nicht verfügbar sind: Die Autoren weigern sich, sie für eine solche Prüfung herauszugeben, weil sie vertraulich seien.

Eine Studie - zwei Auslegungen

Dieser Fall ist aber auch aus der Perspektive der Politikberatung interessant. In Stockholm fand in den Jahren 2009 und 2010 ein Prozess gegen die drei Betreiber der Internettauschbörse „The Pirate Bay“ sowie einen Geschäftsmann statt, der diese finanziell und logistisch unter-stützt hatte. In diesem Prozess wurden sowohl die Arbeit von Oberholzer-Gee und Strumpf als auch die Arbeiten von Liebowitz von den jeweiligen Seiten als Evidenz für die Schädlichkeit beziehungsweise Unschädlichkeit des illegalen Herunterladens herangezogen.

Dass Wissenschaftler vor Gerichten gelegentlich unterschiedliche Auffassungen vertreten, dürfte kaum überraschen. Wie dieser Fall zeigt, kann sich die Diskussion zwischen beiden Seiten auch um methodische Probleme der Ökonometrie handeln, und es können auch Arbeiten herangezogen werden, die in hochrangigen wissenschaftlichen Zeitschriften veröffentlicht wurden. In diesem Fall ist oder war für den Außenstehenden freilich nicht klar, ob es mögliche Interessenkonflikte dadurch gegeben hat, dass die Autoren mit den jeweiligen Seiten in Verbindung standen. Dies ist anders, wenn Wissenschaftler direkt im Auftrag für politische Instanzen und/oder Interessengruppen Gutachten verfassen, deren Zweck es ist, bestimmte politische Ziele zu erreichen. Dies war zum Beispiel der Fall bei der Diskussion um die kantonalen Monopolversicherungen gegen Feuer- und Elementarschäden in der Schweiz in den neunziger Jahren.

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