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Die „Irrelevanztheoreme“ der Ökonomen Ist doch alles ganz egal

17.09.2009 ·  In der ökonomischen Theorie existiert seit rund 50 Jahren das berühmt-berüchtigte „Modigliani-Miller-Theorem“ - benannt nach den beiden späteren Nobelpreisträgern. Danach ist es unter bestimmten Annahmen völlig irrelevant, ob ein Unternehmen viel oder wenig Eigenkapital hat. Ist das weltfremd?

Von Gerald Braunberger
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Vor der Krise galten Schulden als chic und Eigenkapital als notwendiges Übel. Seit der Krise gilt Eigenkapital als chic und Schulden als potentielle Gefahrenquelle für die Gesundheit eines Unternehmens. Wer die reine Theorie des Marktes ein wenig kennt, wird über solche Einschätzungen von Praktikern den Kopf schütteln. Denn in der Theorie existiert seit rund 50 Jahren das berühmt-berüchtigte, von zwei späteren Nobelpreisträgern stammende Modigliani-Miller-Theorem, das die Irrelevanz des Wertes eines Unternehmens von seiner Kapitalstruktur postuliert.

Demnach ist es völlig irrelevant, ob ein Unternehmen viel oder wenig Eigenkapital hat. Der Nachweis lässt sich hier aus Platzgründen nicht führen, aber mit Hilfe eines nicht komplizierten mathematischen Modells ist er problemlos möglich. Wenige Jahre später haben Modigliani/Miller gezeigt, dass es zudem irrelevant ist, ob ein Unternehmen seine Gewinne als Dividenden ausschüttet oder einbehält.

„Die spinnen, die Theoretiker“

Derzeit fragen sich viele Menschen, was aus den Schuldenbergen der Staaten werden soll. Aus der Sicht der reinen Theorie sind solche Sorgen schwer verständlich, denn ein von David Ricardo und Robert Barro stammendes Theorem besagt, dass es völlig irrelevant ist, ob sich ein Staat über Schulden oder über Steuern finanziert. Warum? Weil rationale Menschen im Moment der Schuldenaufnahme bereits an spätere Steuererhöhungen zur Rückzahlung der Schulden denken und daher von Beginn an für die spätere Steuerzahlung zu sparen beginnen. Aus volkswirtschaftlicher Sicht gleichen sich Schuldenaufnahme und Besteuerung. Damit ist die Liste der Irrelevanztheoreme noch nicht erschöpft.

Ein Praktiker würde vermutlich sagen: "Die spinnen, die Theoretiker." Und: "Eine solche Ökonomik ist doch völlig sinnlos." Das ist nicht ganz richtig. Diese Theoreme gelten eben nur unter der Annahme perfekter Märkte, in denen alle Menschen rational handeln und niemand Informationsvorsprünge besitzt und in denen bei der Nutzung von Märkten keine Kosten ("Transaktionskosten") anfallen. In der Welt von Modigliani/Miller existieren keine Steuern, Insolvenzen verursachen keine Kosten. Das ist offensichtlich nicht die Welt, in der wir leben. Deshalb spielt in unserer realen Welt auch die Kapitalstruktur, also das Verhältnis von Eigenkapital und Schulden, eine Rolle.

Auch die These von der Irrelevanz der Finanzierung der Staatsausgaben lebt von sehr einschneidenden Annahmen wie der Annahme perfekt und identisch informierter Menschen und perfekt funktionierender Kapitalmärkte. Was gilt übrigens, wenn die Menschen erwarten, dass die Regierung die Steuern erst nach ihrem Tod erhöhen wird? Für diesen Fall hatte Barro unterstellt, dass alle Menschen so an ihren Erben hängen, dass sie ihnen die für die späteren Steuererhöhungen notwendigen Mittel vererben. Nicht nur diese Annahme ist wenig realistisch; gleichwohl bildet das Theorem von der Irrelevanz der Staatsfinanzierung die Grundlage mancher moderner makroökonomischer Modelle, die auf der Annahme rational handelnder Menschen basieren.

Die Brauchbarkeit des Theorems für die Politikberatung ist ebenso umstritten wie seine empirische Relevanz. Denn wenn das Theorem richtig wäre, müsste gleichzeitig mit der staatlichen Neuverschuldung auch die private Ersparnis steigen. Das lässt sich in manchen Fällen beobachten, in anderen aber auch nicht.

Die Theoreme zeigen, wie Sozialwissenschaften funktionieren

David Ricardo, der das Grundprinzip im frühen 19. Jahrhundert erkannte, hielt es mehr für eine Gedankenübung als für eine Beschreibung der Realität, weil er den Menschen die notwendige Voraussicht nicht zutraute. Robert Barro, der den Gedanken in einem einflussreichen Aufsatz aus dem Jahre 1974 formalisierte, hat immer an den praktischen Nutzen seiner Erkenntnis geglaubt.

Die Irrelevanztheoreme sind dennoch nicht irrelevant; sie zeigen vielmehr, wie Sozialwissenschaften funktionieren. Auf der Basis eines in sich geschlossenen, logisch widerspruchsfreien Gedankengebäudes lassen sich solche Theoreme herleiten. Wichtig ist allerdings, dass man dort nicht stehenbleibt, sondern versucht, die Theorie mit Leben zu füllen.

Die Probleme einer Welt ohne geschlossene Theorie zeigt die moderne Verhaltensökonomik. Sie belegt anhand zahlreicher Beispiele, wie realitätsfremd die Annahmen reiner Theoretiker über das angeblich rationale Verhalten von Menschen sind. Diese Einwände wiegen schwer und nagen an der Markttheorie. Das Problem der Verhaltensökonomik ist aber bis heute, dass sie aus einer Ansammlung von Einzelbeobachtungen besteht, aus denen sich bisher keine geschlossene Theorie bilden ließ. Solange die Verhaltensökonomik das theoretische Grundgerüst nicht liefert, wird die traditionelle Markttheorie der Bezugsrahmen bleiben.

Die Irrelevanztheoreme erlauben auch Schlussfolgerungen zu dem obskuren Methodenstreit, der die deutschen Ökonomen seit einiger Zeit beschäftigt. Die Ansicht Hans-Werner Sinns findet Bestätigung, wonach gute Ökonomik aus dem Dreiklang von Theorie, Empirie und Institutionenlehre besteht. Wer über die Möglichkeiten und Grenzen des Marktes Bescheid wissen will, muss die Theorie als Referenz kennen, sonst droht sich jede Debatte in vagem Gerede aufzulösen. Theorie ist aber auch wichtig, um Grenzen zu zeigen.

Die Grenzen der reinen Theorie werden durch den institutionellen Rahmen gezogen, zum Beispiel durch Eigentumsrechte, die Eigenarten eines Steuersystems oder durch eine ungleiche Informationsverteilung. Die Institutionenlehre bildet somit eine notwendige Erweiterung der reinen Theorie. Die Empirie ist schließlich wichtig, um die theoretischen Erkenntnisse zu überprüfen und Fingerzeige zu liefern, in welche Richtung sich die Theorie möglicherweise weiterentwickeln muss.

Robert Barro: Are Government Bonds Net Wealth? Journal of Political Economy (1974)

Ekkehard Wenger & Eva Terberger: Die Beziehung zwischen Agent und Prinzipal als Baustein einer ökonomischen Theorie der Organisation. WiSt (1988)

Quelle: F.A.S.
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