Der Weg für Frauen in die Ökonomie war steinig: Als Elinor Ostrom in den fünfziger Jahren in Kalifornien Wirtschaftswissenschaft studieren wollte, hieß es an der Universität: Das ist doch nichts für Frauen. Über Umwege gelangte Ostrom doch zur Ökonomie - und erhielt 2009 für ihre Forschung über Almendegüter als erste und bislang einzige Frau den Nobelpreis.
Die Wirtschaftswissenschaft ist bislang ein klar männlich dominiertes Gebiet. Nur wenige Ökonominnen schaffen es in die oberste Liga. In den Vereinigten Staaten war immerhin die Berkeley-Professorin Christina Romer mehrere Jahre wirtschaftliche Chefberaterin des Präsidenten. In der Notenbank Federal Reserve hat die Vize-Vorsitzende Janet Yellen, ebenfalls Professorin in Berkeley, erheblichen Einfluss. Und die Entwicklungs- und Handelsexpertin Anne Krueger war nicht nur Weltbank-Chefökonomin und IWF-Vize, sondern schon in den neunziger Jahren (zweite) weibliche Vorsitzende der Ökonomen-Vereinigung American Economic Association.
In Deutschland haben es Frauen in der Wirtschaftswissenschaft noch nicht ganz bis in die erste Reihe geschafft. Die Tübinger Ökonomin Claudia Buch beackert im Sachverständigenrat wie ihre Vorgängerin, die Schweizerin Beatrice Weder di Mauro, ein wichtiges Feld: die Banken- und Finanzmarktregulierung. Doch in der Öffentlichkeit tritt sie kaum auf. Derzeit ist die 45-Jährige als Chefin des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) im Gespräch - das wäre ein Novum, denn noch nie hatte eines der Leibniz-Wirtschaftsforschungsinstitute eine weibliche Spitze. Vor Weder di Mauro und Buch war auch der Sachverständigenrat mehr als vier Jahrzehnte eine reine Männerdomäne.
Karriere statt Kinder
Blättert man die Fachzeitschriften durch, so finden sich zwischen vielen Beiträgen männlicher Forscher zunehmend Beiträge von Frauen. Auch aus Deutschland kommen einige der Nachwuchsstars der Disziplin: Etwa Ulrike Malmendier, die erst Jura studierte und mit einer Arbeit über römisches Recht promoviert wurde, aber heute als Verhaltensökonomin an der Universität Berkeley Karriere macht - und zudem drei Kinder hat. Oder Nicola Fuchs-Schündeln, die mit ihrem Mann aus Harvard zurückkehrte und nun in Frankfurt lehrt. Sie ist sogar dreifache Mutter und hat es mit ihren Aufsätzen, etwa über das Sparverhalten der Deutschen nach der Wiedervereinigung, in die wichtigsten Journale geschafft. Viele andere Frauen verzichten für die Karriere auf Kinder.
Langsam wächst eine neue Generation von Ökonominnen heran, doch sind sie nach wie vor eine kleine Minderheit. Vor zwanzig Jahren gab es in Deutschland sieben weibliche VWL-Professoren von insgesamt 313. Der Frauenanteil betrug also 2 Prozent. Heute sind es 60 Frauen von 507 Professuren, also rund 12 Prozent. Im Durchschnitt aller Studienfächer liegt der Frauenanteil in der Professorenschaft bei 19 Prozent, hat das Statistische Bundesamt errechnet.
Auch in den Vereinigten Staaten sind nur 13 Prozent der Economics-Professoren weiblich. Unter den Assistenz-Professoren sind es aber schon mehr als ein Viertel. Der Anteil an den Promotionen steigt auch in Deutschland deutlich: Vor zwanzig Jahren waren es nur 15 Prozent Frauen, heute sind es mehr als ein Drittel - so hoch wie der Anteil der weiblichen VWL-Studenten.
Ökonomie zu weit vom Menschen entfernt
Die Frauen holen aber auf, ist sich der Makroökonom Michael Burda sicher. „Aber es braucht Zeit.“ An der Humboldt-Universität, wo der Deutsch-Amerikaner lehrt, studieren schon „leicht mehr Frauen als Männer“ in den Wirtschaftswissenschaften. Burda ist auch Vorsitzender des Vereins für Socialpolitik. In diesem Club der deutschsprachigen Ökonomen sind von 3800 Mitgliedern inzwischen 17 Prozent weiblich. Bei der Jahrestagung in Göttingen vor einem Monat, wo sich Nachwuchsforscher tummelten, hielten Frauen ein Viertel der mehr als 400 Vorträge. „Diese Zahlen finde ich ermutigend“, sagt Burda, „denn die VWL gilt als ein ‚hartes‘ und mathematisiertes Fach.“ Und Frauen „werden bekanntlich in der Mathematikausbildung in Schulen benachteiligt“, meint Burda.
Eher selbstkritisch äußert sich die Harvard-Professorin Claudia Goldin über ihr Fach. Goldin hat sich mit Studien über die steigende Erwerbsbeteiligung von Frauen im zwanzigsten Jahrhundert - sie nennt die Entwicklung eine „stille Revolution“ - einen Namen gemacht. Die VWL, so, wie sie an den Universitäten gelehrt werde, wirke auf viele Frauen aber abschreckend, sagt Goldin. „Frauen wollen über Fragen nachdenken, die am Menschen orientiert sind, und sie wollen Lösungen, die Individuen helfen, etwa in Gesundheitsfragen, Biologie, Psychologie und so weiter.“
Die Ökonomie sei dagegen zu distanziert gegenüber Menschen aus Fleisch und Blut. „In unseren EC101 Textbüchern für Anfänger gibt es wenig Menschen und hauptsächlich ,Agenten‘“, sagt Goldin. Das spreche junge Frauen kaum an. Auch Monika Schnitzer, Professorin an der Ludwig-Maximilians-Universität in München, sieht unterschiedliche Interessen als einen Hauptgrund. „Frauen tendieren zu Fächer, die mit Menschen zu tun haben.“ Zu Mathematik, Ingenieurwesen, Naturwissenschaften und Technik - als „MINT-Fächer“ bekannt - ziehe es sie weniger.
Frauen meiden MINT-Fächer
Tatsächlich zeigen Statistiken aus vielen westlichen Ländern, dass Frauen zu den Sprach-, Sozial- Human- und Kulturwissenschaften neigen und MINT-Fächern meiden. In Deutschland etwa ist der Anteil der Professorinnen in Sprach- und Kulturwissenschaften mit 33 Prozent am höchsten, in Allgemeiner Psychologie sind es 31,5 Prozent, in der Kunstwissenschaft 29 Prozent.
Dagegen sind es in Mathematik und Naturwissenschaften nur 13 Prozent, in Ingenieurwissenschaften sogar nur 9 Prozent. Bei den Studenten ist die Verteilung zum Teil noch ungleicher: Geht es um Sprach- und Kulturwissenschaften, sind die Hörsäle zu drei Vierteln von Frauen bevölkert, in den mathematisch-naturwissenschaftlichen Disziplinen sind sie es nur zu gut einem Drittel.
Was viele Frauen dann von einer akademischen Karriere abhält, sei die schlechte Planbarkeit, die Unsicherheit und die schlechte Vereinbarkeit von Beruf und Familie, betont Schnitzer. Um einen Lehrstuhl zu bekommen, braucht es einen langen Atem. Bis man diese feste Position erobert habe, müssen die Jung-Wissenschaftler mehrfach den Ort wechseln. Das kollidiere mit der Familienplanung der jungen Frauen.
„Männer nehmen darauf weniger Rücksicht“, sagt die Münchner Professorin. „Der Karriereknick setzt da ein, wo Frauen in Teilzeitarbeit gehen“, sagt Schnitzer, die vor kurzem zur designierten Vorsitzenden des Vereins für Socialpolitik gewählt wurde - als erste Frau in der 140-jährigen Geschichte des Vereins. Außerdem zeigen Studien, dass Frauen risikoscheuer sind und eher Sicherheit suchen.
Um Frauen mehr zu fördern, sei das Wichtigste mehr Hilfe beim Betreuungsangebot, findet Schnitzer. „Große Unternehmen bieten einen Familienservice, einige Universitäten wie die Münchner LMU haben das jetzt auch“, lobt sie. Der Familienservice organisiert zum Beispiel kurzfristig einen Baby-Sitter. „Und außerdem wären Mentoren gut, die Frauen bei Bewerbungen, Reden und Präsentationen Hilfestellung geben und sie anleiten und bestärken, überhaupt Karriere machen zu wollen.“
Vollkommen realitätsfremd!
Richard Helmschrodt (richardH)
- 23.10.2012, 17:14 Uhr
Wirtschaftswissenschaften,ideal geeignet für Frauen.Nur wenige
Frauen nehmen den beschwerlichen
günther reichert (g.reichert)
- 22.10.2012, 12:27 Uhr
Schnellere Karrieren in den Wirtschaftswissenschaften
Christina Berghoff (cbergh)
- 22.10.2012, 11:49 Uhr
Eine sinnvolle Schlagzeile wäre "Ökonomen gesucht"
Herbert Sax (H.Sax)
- 22.10.2012, 11:18 Uhr
Kann es nicht mehr höhren
Thomas Bayer (bayerth)
- 22.10.2012, 08:06 Uhr