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Veröffentlicht: 21.12.2014, 10:38 Uhr

Ein Lob Die Egoisten retten die Welt

Der Eigennutz hat einen schlechten Ruf. Die Altruisten gelten als die besseren Menschen. Das ist ungerecht: Ohne Egoisten wäre die Welt viel ärmer.

von
© Blend Images / LOOK-foto „Nicht vom Wohlwollen des Bäckers erwarten wir das, was wir zum Essen brauchen, sondern davon, dass er seine eigenen Interessen wahrnimmt“, sagte einst Adam Smith.

Bald gehen sie wieder los: die wohlklingenden Appelle und die gutgemeinten Aufrufe. Die Eltern am Essenstisch, die Politiker hinter den Mikrofonen, die Pfarrer auf der Kanzel - sie alle feiern das Fest der Nächstenliebe. Und machen einen zentralen Wesenszug der Menschen schlecht: den Egoismus.

Patrick Bernau Folgen:

Vielleicht kritisieren sie den Eigennutz der Verbraucher, die ihre Geschenke billig online bestellen, statt sie bei den Läden in der Fußgängerzone zu kaufen. Vielleicht empören sie sich über die Gier der Aktionäre von Apple und Starbucks, die mit allen legalen Mitteln ihre Gewinne in die Steueroasen verschieben. Vielleicht werden sie aber auch grundsätzlich einmal mehr mahnen, dass arme Leute verhungern müssen, weil egoistische Leute aus reichen Ländern vor lauter Gier die Äcker für Biosprit zweckentfremden. So viel aber ist sicher: An Weihnachten wird die Selbstsucht verdammt. Am lautesten tut das der irdische Stellvertreter des Geburtstagskindes, Papst Franziskus, der von Jahr zu Jahr immer lauter über den Egoismus schimpft.

Noch selten war der Eigennutz so in Verruf wie am Ende des Jahres 2014. Überraschend kommt das nicht. Schon seit ein paar Jahren wird der „Egoist“ als Schimpfwort beliebter. Alles begann mit der Finanzkrise, als Banken ins Schleudern kamen und Staaten ihre Verluste ausglichen und die Öffentlichkeit schnell einen Schuldigen dafür fand: die egoistischen und gierigen Banker. 2013 konnte der Egoismus-Vorwurf eine ganze Partei aus dem Bundestag kegeln. Inzwischen verzeichnen die Google-Suchtrends das Wort „Egoist“ ungefähr doppelt so häufig wie vor acht Jahren.

„Nur aus Egoismus“ zu handeln, ist verpönt

So verpönt ist der Egoismus, dass er inzwischen sogar gute Taten in den Schmutz ziehen kann. Egal ob Chemiekonzerne umweltfreundlicher werden, ob Textilhändler sich besser um die Arbeiterrechte in Südostasien kümmern oder ob Sportartikel-Hersteller auf Kinderarbeit verzichten: Wenn sie davon auch nur ein etwas besseres Ansehen haben könnten, stehen sie sofort im dem Verdacht, sie würden „nur aus Egoismus“ handeln. Schon sind die ganzen guten Taten in den Augen vieler Leute diskreditiert.

Wenn wir da mal nicht übertreiben.

Je lauter die Appelle gegen den Eigennutz werden, umso deutlicher wird auch, dass sich der Egoismus mit all den guten Worten nicht vertreiben lässt. Wer verhindern will, dass der Ehrliche der Dumme ist - der muss den Egoismus ernst nehmen. Und seine guten Seiten sehen. Die werden immer deutlicher.

Die Deutschen haben ein besonderes Problem mit dem Egoismus

Keine Frage: Den Deutschen fällt es schwer, mit dem Egoismus entspannt umzugehen. Seit der Aufklärung vor 300 Jahren haben sie von Immanuel Kant gelernt: Moralisch handelt nur der, der das Gute tut, und zwar aus freien Stücken. Schon wer von den anderen zu den guten Taten genötigt wird, hat moralischen Verbesserungsbedarf. Gottfried Wilhelm Friedrich Hegel setzte noch einen drauf. Er unterschied zwischen den kritikwürdigen „Besitzbürgern“, die sich vor allem um ihren eigenen Vorteil kümmern, und den guten „Staatsbürgern“, die sich für eine sittliche Organisation des Staates einsetzen. Für gesunden Egoismus bleibt da nicht viel Platz.

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