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Denkfehler, die uns Geld kosten (33) Der Blick in die Zukunft führt in die Irre

 ·  Alle wollen wissen, was morgen kommt. Doch die Bilanz vieler professioneller Prognostiker ist ernüchternd. Trotzdem glauben ihnen viele.

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© Getty Images/Imagezoo Vergrößern

Manche Fehlprognosen schaffen es sogar in die Geschichtsbücher. Zum Beispiel das Bild mit dem triumphierenden Harry S. Truman. Nach seinem Sieg bei den amerikanischen Präsidentenwahlen 1948 über den Herausforderer Thomas Dewey zeigte er sich lachend vor Journalisten und streckte ihnen eine Ausgabe der „Chicago Daily Tribune“ entgegen. Die Schlagzeile auf dem Titelblatt der Zeitung lautete: „Dewey schlägt Truman“.

Ein peinlicher Irrtum. Der Chefredakteur des Blattes hatte sich am Abend zuvor auf die Expertise eines Wahlforschungsinstituts verlassen. Das erschien ihm sicher, zumal auch andere Institute Dewey in den Prognosen vorn sahen. Dummerweise haben sie alle in den Telefonumfragen missachtet, dass viele Anhänger der Demokraten noch gar kein Telefon besaßen.

Das war leichtgläubig und die Häme war riesig. Im Nachhinein wussten es alle besser. Der Chefredakteur stand da wie ein begossener Pudel. Ganz ähnlich geht es Aktionären nach fast jedem Börsencrash. Plötzlich haben alle das Desaster kommen sehen. Das war nach dem Platzen der Internetblase genauso wie ein paar Jahre später bei der Finanzkrise.

Dabei hatten bei letzterer selbst ausgewiesene Fachleute wie der damalige Bundesbankpräsident Axel Weber noch kurz zuvor zu Protokoll gegeben: „Der Aufschwung in Deutschland hält an, nur der Schwung lässt etwas nach.“ Die großen Ratingagenturen tappten genauso im Dunkeln wie der Sachverständigenrat und die meisten Bankberater. Die Reihe ließe sich beliebig fortführen.

Einschüchternde Geheimsprachen

Unseren Glauben an die Prognosen der Fachwelt hat das zwar kurz erschüttert, aber wir hören dennoch auf sie. In vielen Fällen fühlen wir uns auf sie angewiesen. Das ist unser Dilemma. Je weniger wir selbst von einer Sache verstehen, umso mehr sind wir von ihnen abhängig. Weil wir unsere eigenen Defizite genau kennen und wissen, wie wenig wir selbst die großen Dinge verstehen, verlassen wir uns brav auf die Experten: Auf Analysten, auf Sparkassenberater und auf Wirtschaftsforscher.

Schon ihre Sprache schüchtert uns ein: Wer von uns weiß schon genau, wie die „Geldschöpfung“ genau funktioniert, was „Target-2-Salden“ sind, was „QE2“ bedeutet, und welche Risiken mit alledem für unser Geld verbunden sind? Vieles davon verstehen zwar auch Experten nur scheibchenweise, zugeben will das aber keiner. Dabei wäre etwas mehr Bescheidenheit durchaus am Platz: Während Mediziner in ihrem Leben die Ursachen für Krankheiten an Hunderten Fällen erforschen können, erleben Ökonomen in ihrer aktiven Forscherzeit vielleicht eine oder zwei große Krisen.

Wunschglauben an Neutralität

Dummerweise sind wir auch in Geldangelegenheiten treue Schafe. Das ist dort besonders riskant, denn viele Fachleute haben zwar auch hier einen Wissensvorsprung, doch sie werden von eigenen Interessen geleitet. Sie sind ehrgeizig, wollen Vorgaben ihrer Chefs erfüllen und Geld verdienen wie andere Fachleute auch. Das ist keinesfalls verwerflich, seltsamerweise verdrängen wir das oft. Unser Glaube an den großen neutralen Experten ist groß. Leider aber oft reines Wunschdenken.

Ratinganalysten haften ebenso wenig für ihre Fehler wie Wirtschaftsforscher - sie geben lediglich eine Einschätzung ab. Dass Bankberater eigentlich keine Berater sind, sondern Verkäufer, fällt vielen Bankkunden erst dann auf, wenn sich deren Ratschläge im Depot in Luft auflösen und auf Nachfragen plötzlich auf unsere Mündigkeit verwiesen wird.

Es waren keinesfalls nur die Berater der großen Geschäftsbanken, sondern auch der freundliche Mann von der Sparkasse nebenan, der Anlegern Lehman-Zertifikate verkaufte, ohne dabei zu sagen, welche Provisionen er dafür erhielt. Das muss er auch nicht: Welcher Autoverkäufer gibt schon seine Gewinnmarge bekannt, lautet im Nachhinein der Kommentar der Bankberater. Das mag zwar zynisch klingen, bringt aber die Sache auf den Punkt. Viele Anleger lernten das auf die harte Tour!

Prognosen erfüllen Prognosewünsche

Und selbst bei Konjunkturforschern, bei denen eigenes finanzielles Interesse zunächst abwegig erscheint, kann Geld oder Eitelkeit eine Rolle spielen. Anders scheint es kaum zu erklären, dass sie bisweilen Prognosen abgeben, denen sie selbst nicht recht trauen: „Die Wendepunkte sind praktisch nicht prognostizierbar“, gab der frühere Leiter des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung in Berlin, Klaus Zimmermann, nach dem Prognosedesaster 2009 unumwunden zu.

Aber wozu dann die Vorhersagen? Ganz nüchtern gab der Finanzwissenschaftler Stefan Homburg in einem Interview zu Protokoll: „Nachfrage schafft sich ihr Angebot. Die Politik will Prognosen. Sie gibt dafür viel Geld aus. Es geht um Milliardenetats.“ Das sei der Grund, warum die Institute letztlich die Prognosen lieferten, ihre eigentliche Arbeit aber woanders sehen.

Man muss kein Experte sein

Auf die Fachleute ist daher nicht immer Verlass. Gerade beim Geldanlegen könnten wir bisweilen selbstbewusster sein. Wir müssen uns selbst kümmern und die Zeit dafür nehmen. Um das eigene Erarbeiten der Grundlagen kommen wir ohnehin nicht herum - auch dann nicht, wenn wir uns beraten lassen. Geldangelegenheiten lassen sich kaum delegieren. In den Grundzügen sollte jeder verstehen, auf was er sich einlässt. Nur so kann man die Meinung von Fachleuten einschätzen.

Die Materie ist zwar komplex, man sollte sich aber nicht davon einschüchtern lassen. Wenn die grobe Linie stimmt, ist es auch nicht nötig, alles bis zum allerletzten Detail zu verstehen. Das wird in Gelddingen zwar oft behauptet, aber wir kaufen auch Autos, ohne alle Mechanismen im Motor zu verstehen; und wir kaufen Handys, ohne elektronische Schaltpläne lesen zu können. Wo genau gesundes Halbwissen endet und die Ahnungslosigkeit anfängt, muss freilich jeder für sich selbst entscheiden. Und anschließend selbst die Folgen tragen.

Der Glaube an die Profis

Die Falle: Wir wissen, dass wir nichts wissen. Das ist schon mal eine gute Erkenntnis, sie verleitet uns aber, leichtgläubig auf vermeintliche Fachleute zu hören.

Die Gefahr: Wir trauen anderen mehr als uns selbst. Und wir flüchten gern vor schwierigen Problemen. Fachleute haben manchmal zwar einen Wissensvorsprung, wir bedenken aber selten, dass sie auch von eigenen Interessen geleitet sind.

Die Abhilfe: Prognosen von Fachleuten kritisch hinterfragen. Haben sie selbst Interessen? In Gelddingen müssen wir uns selbst einlesen - und mündige Anleger und Verbraucher werden.

Nächste Woche: Der Survivorship Bias: Warum wir zu viel Geld in Start-ups investieren.

Quelle: F.A.S.
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