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Börsencrashs Auf der Suche nach der Blase

18.01.2010 ·  Wenn dieses Experiment funktioniert, wird es der volkswirtschaftliche Durchbruch: Der Züricher Ökonom Didier Sornette will vorhersagen können, wann Spekulationsblasen platzen. Dafür nutzt er Methoden aus der Physik.

Von Patrick Bernau
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Wenn dieses Experiment funktioniert, wird es der volkswirtschaftliche Durchbruch des Jahres: Der Züricher Ökonom Didier Sornette will vorhersagen können, wann Spekulationsblasen an der Börse platzen. Jetzt tritt er den Test an. Wenn er recht behält, könnte er zu einem Star werden. Denn die Volkswirte scheitern seit Jahren immer wieder daran, die Blasen zu verstehen. Und bisher ist nur eines sicher: Wenn sie vermieden werden könnten, ginge es der Wirtschaft besser.

Blasen sind Fälle, in denen Preise, etwa für Aktien oder andere Wertpapiere, weit über das wirtschaftlich gerechtfertigte Maß steigen. In solchen Situationen fließt viel Geld an die falsche Stelle. Während der Internetblase bekamen zum Beispiel die Firmen der New Economy zu viel Geld, und vor der Finanzkrise floss zu viel Geld in Hypothekenkredite schlechter Schuldner. Doch unter Volkswirten ist umstritten, ob sich Blasen überhaupt erkennen lassen. Schließlich ist häufig unklar, welcher Kurs für die Wertpapiere wirtschaftlich „gerechtfertigt“ wäre. Und selbst die Leute, die von Zeit zu Zeit Blasen zu entdecken glauben, trauen sich nicht zu prophezeien, wann die Kurse abstürzen.

Didier Sornette behauptet nun, er könne vorhersagen, wann die Blase platzt. Sornette lehrt an der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich „Unternehmerische Risiken“, ursprünglich aber ist er Physiker. Auch auf seiner Blasensuche nutzt er Methoden aus der Physik: Er analysiert die Kurse der Wertpapiere aus früheren Blasen, um daraus Schlüsse für die Zukunft zu ziehen - und er vergleicht die Kursentwicklungen mit Naturphänomenen, zum Beispiel mit epileptischen Anfällen oder mit Druckwellen von Erdbeben.

Sornette sagt auch voraus, welche Bücher das Zeug zum Bestseller haben

Auf diese Weise habe er ein charakteristisches Muster gefunden, das vor einem großen Kurssturz immer wieder auftaucht, sagt Sornette: „Eine Blase entsteht, wenn die Kurse überexponential ansteigen“ - also wenn sie um immer höhere Prozentsätze wachsen. Das Modell soll auch zeigen, wann die Kurse ihren Höhepunkt erreichen, meint Sornette. Kurz vorher nämlich schwankten die Anleger nämlich immer wieder zwischen Gier und Angst hin und her. Dann bewegten sich die Kurse in einem Muster, das auch andere chaotische Prozesse in der Physik zeigen.

Auf solche Weise hat Sornette schon einige andere Märkte analysiert. Zum Beispiel prophezeite er, welche Bücher das Zeug zum Bestseller haben: In den Tagen nach dem Erscheinen betrachtete er ihre Verkaufszahlen beim Online-Händler Amazon und schloss daraus, welche Bücher durch Mundpropaganda auf den Bestsellerlisten noch weit nach oben kommen. Für die Videos auf der Internetplattform Youtube entwickelte er eine ähnliche Formel: Sie soll beliebten Videos vorhersagen, ob ihre Beliebtheit noch lange anhält.

Vor der Immobilienblase im Sommer 2005 gewarnt

Für Börsengeschehnisse hat Sornette seine Mathematik ebenfalls schon früher angewandt - wenn auch mit wechselndem Erfolg. Sowohl 2002 als auch 2003 prophezeite Sornette einen Aktiencrash für das folgende Jahr, doch die Aktien stiegen beide Male. Dass diese Prognosen falsch waren, erklärt Sornette mit der Politik der amerikanischen Notenbank: „Damals brachte die Fed viel Liquidität auf die Märkte. Das brachte hohe Kursgewinne, und diesen Effekt haben wir nicht berücksichtigt.“

Mit anderen Kursprognosen allerdings hatte Sornette mehr Erfolg. Im Sommer 2005 warnte er nachweislich vor einer Blase am amerikanischen Immobilienmarkt, die ein Jahr später platzte. Und 2008 wies er auf die Blase am Ölmarkt hin, vier Wochen bevor die Preise zu sinken begannen. Beide Male legte er sich nicht auf einen Zeitpunkt fest. Im vergangenen Sommer dagegen nannte er zehn Tage, in denen der chinesische Aktienindex Shanghai Composite zusammenbrechen sollte. Der Zusammenbruch kam, wenn auch acht Tage zu spät.

Auch jetzt nimmt Sornette nicht für sich in Anspruch, dass er mit jeder Prognose richtigliegt. Er legt sich nicht mal darauf fest, dass die Kurse dann wirklich zusammenbrechen - nur darauf, dass sie aufhören zu steigen. Am Ende will er mit seinen Prognosen „besser als der Zufall“ sein. Seine Kollegen muss er davon allerdings noch überzeugen. Selbst andere Wirtschaftsphysiker wie Thomas Lux an der Universität Kiel sind skeptisch. Lux findet zwar: „Die Idee, dass sich ein Zyklus aus Gier und Angst bildet und sich eine Blase langsam bildet, ist einleuchtend.“ Trotzdem glaubt er nicht, dass das schon für eine Blasenprognose reicht. „Es ist nicht untermauert, warum sich die Menschen genauso verhalten sollten wie in den von Sornette verwandten Modellen aus der Geophysik. Es gibt auch keine psychologische Erklärung, die diese Modelle stützen würde.“

Menschen verhalten sich nächstes Jahr nicht wie im vergangenen Jahr

Konventionelle Börsen-Forscher sehen das ähnlich. „Die Menschen verhalten sich nächstes Jahr nicht unbedingt so wie im vergangenen Jahr“, sagt zum Beispiel der Kölner Finanzprofessor Alexander Kempf. „Sie haben eine Entscheidungsfreiheit, und das zu berücksichtigen fällt der Wirtschaftsphysik oft schwer.“

Jetzt will Sornette den Beweis antreten, dass seine Methode doch funktioniert. Er hat ein „Finanzblasen-Experiment“ gestartet. Dazu veröffentlicht er auf einer Website immer wieder neue Blasenprognosen. Doch er fürchtet, dass die Börsianer nach einer Blasenwarnung ihre Aktien zu früh verkaufen und ihm so die Prognose verderben könnten. Deshalb verrät er anfangs nicht, wo genau die Blase platzen soll - bisher erzählt er nur, dass er insgesamt vier Stück entdeckt hat. Jedes halbe Jahr deckt er die Prognosen auf und wertet aus, ob sie erfolgreich waren. Technische Methoden sollen sicherstellen, dass Sornette seine Prognosen nicht nachträglich manipuliert.

Die erste Auswertung stellt Sornette am 1. Mai ins Internet: http://arxiv.org.

Quelle: F.A.Z.
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