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Bert Rürup Der biegsame Ökonom

13.02.2011 ·  Einst war er der einflussreichste Wirtschaftswissenschaftler im Land. Mittlerweile gibt er den Unternehmer und hat sich mit dem umstrittenen Carsten Maschmeyer zusammen getan. Nun grämt er sich, dass die Deutschen ihn nicht lieben.

Von Melanie Amann
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Zwei Wochen lang war es fast wie früher. Alle riefen Bert Rürup an und wollten eine Erklärung, eine Einschätzung, ein Statement. In die Tagesschau schaffte er es nicht, aber der Saal seiner Pressekonferenz am vergangenen Freitag war ordentlich gefüllt. Dort präsentierte Rürup die neuen Chefs des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW). Das größte Institut seiner Art im Land stand nach einigen Streitereien ohne Präsident da – und als Kuratoriumsleiter ist Rürup verantwortlich für die Spitzenpersonalien.

Er machte zwei renommierte Forscher zu Nachfolgern eines anderen renommierten Forschers. Nun ja. Früher betraf ein Rürup-Termin nicht nur ein paar Dutzend Ökonomen, sondern Millionen Menschen. Nach Rürups Konzepten sorgen die Deutschen für das Alter vor, versichern sich gegen Krankheiten oder nehmen eine Pflegepause für die Familie.

Trotzdem stürzt sich Rürup auch in B-Termine am DIW wie in eine Sitzung mit dem Bundesgesundheitsminister. Er ist zwar nicht mehr „Wirtschaftsweiser“ im Sachverständigenrat, er leitet nicht mehr den Sozialbeirat der Bundesregierung und seinen Lehrstuhl in Darmstadt hat er auch nicht mehr. Aber noch immer steht er jeden Morgen vor fünf Uhr auf. Er hat immer noch Ämter, und er hat ein Unternehmen gegründet, in dem er weiter analysiert, berät und erklärt. Er ist sehr bekannt und sehr beschäftigt.

Vom Rentenpapst zum Renten-Unternehmensberater

Aber: The magic is gone. Das liegt nicht daran, dass Bert Rürup 67 Jahre alt ist. Er könnte jetzt auch der Helmut Schmidt der Sozialversicherung sein. Es liegt daran, was Rürup jetzt macht, in seinem neuen Büro in der Bockenheimer Landstraße 64 im Frankfurter Westend. Mit Carsten Maschmeyer, dem Gründer des Finanzvertriebs AWD, hat er eine Firma gegründet, die spezialisiert ist auf die Beratung großer Banken und Versicherungen – ausgerechnet zum Thema Altersvorsorge und Krankenversicherung. Das ist Rürups Karrierewechsel: vom Rentenpapst zum Renten-Unternehmensberater. Vom heimlichen Bundesgesundheitspräsidenten zum Verkäufer von Gesundheitsvorsorgekonzepten. Als wäre das nicht genug hat er sein neues Leben in der umstrittenen Beratungsfirma AWD begonnen und sich dann mit deren Chef Maschmeyer zusammen getan.

Rürup, Prinzgemahl des „Drückerkönigs“ Maschmeyer? Diese Volte haben die Deutschen nicht mitgemacht. Sie haben akzeptiert, wie nach seinen Vorschlägen ihr Sozialsystem umgekrempelt wurde. Aber sie nahmen es ihm übel, dass er nach der Karriere als Spitzenforscher und Spitzenberater noch Spitzenunternehmer werden wollte. Ausgerechnet Rürup, dessen Stärke Beratungskonzepte mit politischer Konsensfähigkeit waren, unterschätzte, wie groß der Krach über seine private Karriereplanung ausfallen würde. Seine Konzepte konnte er verkaufen, nur sich selbst nicht so recht.

„Ich habe die Kritik antizipiert“, sagt Rürup, und lehnt sich zurück in seinem violetten Sessel in seinem eleganten grauen Büro. „Aber von der Heftigkeit war ich doch überrascht.“ Natürlich hätte er eine „Cooling-Off-Phase“ einlegen können, grübelt der Ökonom laut. Aber nach ein paar lauen Jahren dann als Ex-Wirtschaftsweiser bei der Wirtschaft anklopfen? „Da wäre man für einen potentiellen Arbeitgeber nicht mehr attraktiv.“ Seit Mitte 2008 hatte er seinen Wechsel vorbereitet. „Es wäre einem Berufsverbot gleichgekommen, wenn ich nicht in den Finanzdienstleistungsbereich hätte wechseln dürfen. Ich kann doch nicht in Weinbau machen.“

„Ist das so schwer zu kapieren?“

Seine Firma mit dem Delfin-Logo floriert, steigt auf in Rankings der Beratungsfirmen, gewinnt lukrative Mandate. Rürup selbst fühlt sich topfit mit 67 Jahren. Mit großen Schritten durchmisst der schlaksige Mann sein elegantes Büro, erklärt die Kunstwerke an der Wand: „‘Denkende Hände’ heißt das Werk, auch ein bisschen mein Motto“. Seine Hände reden jedenfalls immer mit, wie früher in Pressekonferenzen flattern sie im Einklang mit seinen Erklärungen, und auch die Arme rudern mit.

Der ganze Rürup wird etwas ungeduldig, wenn die Botschaft nicht ankommen will. „Ist das so schwer zu kapieren?“ 120 Seiten hat er für die Besucher ausgedruckt, das Abschlussgutachten seiner „Kommission zur Neuordnung der steuerrechtlichen Behandlung von Altersvorsorgeaufwendungen und Altersbezügen“, Jahrgang 2003. Man lese nur diese Seiten, und verstehe: Dieser Mann kann doch kein Büttel der Finanzindustrie sein. Findet zumindest er selbst.

Es sei schon „ungerecht“, klagt Rürup. Wie könne irgendjemand denken, dass er sich vor 40 Jahren das Thema Vorsorge aussuchte, es in all den Kommissionen beackerte – „nur um damit heute Geld zu verdienen“?

Schon in den 70er Jahren machte er sich Gedanken um die Zukunft der Rente

Tatsächlich hat der Ökonom die Politik schon in den 70er Jahren mit seinen Gedanken zur Rente aufgemischt: auf seinem allerersten Posten im Kanzleramt. Als „Honorarkraft“ der Planungsabteilung durfte der frisch promovierte Hans-Adalbert Rürup ein Positionspapier zur Zukunft der Rente verfassen. Düster sehe die aus, warnte der Jungspund. Ein Finanzloch ungekannter Größe tue sich auf. Das Papier fand seinen Weg ins Arbeitsministerium, stieß auf wenig Begeisterung und sorgte für handfesten Krach in der Staatssekretärsrunde. Renten-Warnungen wollte der Arbeitsminister nicht hören, denn man hatte den Rentnern vor der Wahl einen saftigen Zuschlag versprochen. Rürups Papier verschwand in der Schublade.

Nicht lange später stürzte Kanzler Helmut Schmidt fast über die „Rentenlüge“ – er wollte sein Wahlversprechen kassieren, um das Rentenloch zu stopfen. „Hätte man Rürups Papier ernster genommen, hätte man diesen Konflikt zumindest antizipieren können“, sagt Albrecht Müller, damals Abteilungsleiter im Kanzleramt und Rürups Vorgesetzter.

Rürup sagt heute, er habe im Kanzleramt gelernt, was ein guter politischer Berater wissen muss. Dass es nur bestimmte Zeitfenster für ein Konzept gibt. Dass man den Respekt der Bürokratie gewinnen muss mit Detailwissen über Abläufe, Zuständigkeiten, Rechenmodelle. „Wenige Berater haben einen so guten Überblick über die Zahlen und technische Feinheiten der Sozialversicherungen“, sagt Ulla Schmidt, die als Gesundheitsministerin die Rürup-Kommission einsetzte, um die Finanzierung des Sozialsystems zu untersuchen.

„Mann mit dem Werkzeugkoffer“

Als „Mann mit dem Werkzeugkoffer“ drehte Rürup für wechselnde Minister an unterschiedlichen Stellschrauben des Systems. Der Auftrag gab die Richtung der Drehung vor, kritisiert mancher Professorenkollegen, nicht ohne Neid. Jede Einzelreform Rürups sei in sich logisch gewesen, nur über die Jahrzehnte, sei keine klare ökonomische Linie erkennbar. Neutral findet sich Rürup deshalb. Biegsam nennen ihn seine Kritiker.

Auch sein Krisenmanagement am DIW sagte nicht allen Beteiligten zu. Allerdings dürfte es sogar für den Verhandlungskünstler Rürup unmöglich gewesen sein, eine Lösung zum Gefallen aller zu finden: Seit mehr als zehn Jahren hatte man beim DIW um die Strategie des Präsidenten Klaus Zimmermann gestritten, der nun abtritt.

Zimmermanns Unterstützer sagen, er habe das verschnarchte Beratungsinstitut aufgerüttelt und die Forscher wieder animiert, in renommierten Zeitschriften zu veröffentlichen. Dass sich dabei manch große Namen frustriert vom Institut abwandten, sei zu verschmerzen. Denn groß seien diese Namen vor allem in SPD- und Gewerkschaftskreisen gewesen. Zimmermanns Gegner hingegen schildern ihn als launischen Diktator, der Geld für fragwürdige Projekte verschwendete, exzellente Forscher vergraulte und das Institut in die politische Bedeutungslosigkeit trieb.

Auftritt Bert Rürup. 2010 wurde er Chef des DIW-Kuratoriums und rackerte sich ab, die Lager zu versöhnen. Eine neue Satzung verordnete er den Streithähnen, und Mediationssitzungen, die der ungeduldige Zimmermann manchmal türenknallend beendet haben soll. Doch es blieb beim Richtungsstreit und den Vorwürfen um Misswirtschaft - bis Rürup Zimmermann den Rücktritt nahelegte. Eine typisch politische Lösung, klagen jetzt dessen Anhänger.

Profi in der Kommunikation

Ex-Ministerin Ulla Schmidt sagt: „Als Politiker konnte man sich darauf verlassen, dass Rürup keine linken Touren fährt – man musste nur damit rechnen, dass er seine Position hartnäckig auf allen Kanälen kommuniziert.“ Rürup wusste: Die Politik hört auf die Medien. Und die hörten oft genug auf Rürup.

In der Kommunikation ist er Profi, obwohl seine zerstreuten Auftritte schon Kabarettisten inspirierten. Journalisten löchert Rürup gern, was der „Spin“ ihrer „Story“ ist, warum sie nicht diese oder jene Frage stellen, wieso man welches Fotomotiv wählt. Das weckt die Sehnsucht nach dem, was Frauenzeitschriften „Echtmenschen“ nennen: Interviewpartner, die noch nie ein Interview gaben. Echtmenschen rufen auch nicht beim Archiv der F.A.Z. an, um in einem von 664 Artikeln den Namen „Bernd“ zu „Bert“ korrigieren zu lassen. Wegen der Verwechslungsgefahr.

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Jahrgang 1978, Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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