Home
http://www.faz.net/-gqe-74v94
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Bankenkrise Siechtum mit System

Die Finanzwirtschaft ist dabei, sich umzubringen. An die Bankvertreter richtet sich die Frage: Wollen sie weiterhin Sterbehilfe leisten? Was zu tun ist. Ein Essay.

© ddp images/AP/* Abwarten und Tee trinken: Bankenkonferenz kürzlich in Osaka

Die Banken der beginnenden Neuzeit gründeten ihren Erfolg auf einem einfachen Geschäftsmodell: Zahle vier bis fünf Prozent für Einlagen und leihe zu sechs Prozent aus. Das war so vor über einem halben Jahrtausend und hatte dem Prinzip nach Bestand über die Jahrhunderte. Aber spätestens seit der großen Krise vor vier Jahren bietet sich ein gänzlich anderes Bild von dem, was Bankgeschäft ausmacht: Da geht es um undurchsichtige Transaktionen, wenig transparente Angebote, nebulöse Methoden, mitunter begleitet von Betrug und Korruption. Wir, die Verfasser dieses Beitrags, die lange Zeit in der Finanzwirtschaft tätig waren und sind, wissen, dass die heute zu beklagenden Missstände kein Zufall, sondern zwangsläufige Folge einer Entwicklung sind, die wir mit wachsender Sorge beobachtet haben.

Heute muss man feststellen, dass das unbegrenzte Geschäftemachen den Rang einer formierenden Menschheitsidee angenommen hat - bis vor kurzem allenfalls noch camoufliert von Aufbruchs- und Ertüchtigungsformeln, die dem Turbo-Zeitalter gemäß waren. „Visionen, Kreativität und Berechenbarkeit“ (so ein seinerzeitiger Branchenführer) lautete das in den neunziger Jahren ersonnene Mantra, das bis zum Subprime-Crash als gängige Münze gehandelt wurde. Die alte Tugend der Berechenbarkeit wandelte sich zur Risikosteuerungskompetenz und die eher neumodische Tugend der Kreativität zur Verlustdeckungs-Artistik in Tateinheit mit einem wie auch immer intendierten strategischen Wettbewerbsvorsprung. Was die Visionen betrifft: Sie hatten zur Folge, dass im Jahr der Skandale Sprengsätze virulent wurden, die keineswegs entschärft sind, sondern immer noch vor sich hin ticken. Ja, man hat bisweilen den Eindruck, dass sie weiter zum strategischen Arsenal der Geldhäuser zählen. Obwohl, wie zu zeigen sein wird, die Abschirmung der Risiken dem Anschein nach perfekter, in der Realität jedoch immer grotesker geworden ist.

Keine Frage: Die Einhegung von Risiken gehört zur „ordentlichen“ Geschäftsgrundlage der Banken. Sie folgt üblicherweise einem Muster, das an sich nicht schlecht ist, aber jedes Mal dann die gut gemeinten Absichten konterkariert, wenn die Risiken alles andere als klassisch sind. Oder wenn sie sich wie jüngst so akkumuliert haben, dass sie nicht mehr nur Risiken bedeuten, die zum Geschäft der Banken gehören, sondern ein Risiko darstellen, das von den Banken selbst ausgeht.

Daher auch das Bild einer gewissen Hilflosigkeit, das die handelnden Personen und Institutionen im Umgang mit mehr oder weniger „systemischen“ Risiken abgeben. All das Gerangel um Risikopuffer, Kapital- und Liquiditätsausstattung spiegelt das Dilemma wider, dass eine realistische, den schlimmsten Fall ausschließende Kapitalausstattung die Bank- und in ihrem Gefolge die Realwirtschaft zum Stillstand brächte. Also übt man sich im Balancieren auf Nuancen, im Herumdoktern an Symptomen, in regulativen Ideen und Als-ob-Annahmen. Man könnte, ließe man die gute Absicht außer Acht, behaupten, hier werde der Grad der Differenzierung nur deshalb erhöht, weil damit schon der Kompetenznachweis zur Beherrschung unbegreiflicher Vorgänge erbracht ist.

1 | 2 | 3 | 4 | 5 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Griechenland-Krise Selbst gesunde Unternehmen vor der Existenznot

Griechenlands Wirtschaft rechnet mit dem Schlimmsten: dem Zusammenbruch, verbunden mit Kapitalverkehrskontrollen. Darauf können sie sich nur begrenzt vorbereiten, wie Gespräche mit betroffenen Unternehmern zeigen. Mehr Von Michael Martens, Istanbul

20.06.2015, 14:58 Uhr | Wirtschaft
Finanzkrise Banken in Griechenland bleiben geschlossen

Die Regierung in Athen hat die Griechen zur Ruhe aufgerufen und erklärt, die Bankguthaben seien sicher. Zugleich wird aber der freie Kapitalverkehr beschränkt und die Banken bleiben geschlossen. Experten fürchten, dass ansonsten viele Bürger und Firmen aus Angst vor einem Euro-Austritt und einer Rückkehr zur Drachme ihre Konten leerräumen. Mehr

29.06.2015, 09:18 Uhr | Politik
Grexit Sollten wir noch Urlaub in Griechenland machen?

Kreta, Korfu, Santorini: Im Sommer kommen die Touristen nach Griechenland und bringen Geld mit. Doch was passiert, wenn auf einmal wieder mit der Drachme bezahlt werden muss? Mehr Von Timo Kotowski

19.06.2015, 13:34 Uhr | Wirtschaft
Ukraine Merkel: OSZE-Beobachter müssen Zugang in der Ostukraine bekommen

Tausende von ukrainischen Soldaten haben sich aus der strategisch wichtigen Stadt Debalzewe zurückgezogen. Doch noch immer seien Soldaten eingekesselt. Bundeskanzlerin Angela Merkel fordert, dass OSZE-Beobachter Zugang zu den betroffenen Gebieten erhalten. Mehr

20.02.2015, 16:52 Uhr | Politik
Griechenland Unterwegs nach Nirgendwo

Trotz aller Dementi lautet die Frage des Tages: Was käme auf Griechenland zu, wenn tatsächlich Kapitalverkehrskontrollen eingeführt werden müssten? Die Antwort: Wohl nichts Gutes. Mehr Von Michael Martens

19.06.2015, 22:15 Uhr | Politik
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 08.12.2012, 15:21 Uhr

Griechenland - nicht systemrelevant

Von Daniel Mohr

Die Märkte mögen die Griechenlandkrise nicht. Aber Angst macht sie ihnen auch nicht. Das Thema ist durch. Mehr 5 66


Die Börse
Name Kurs Änderung
  Dax --  --
  F.A.Z.-Index --  --
  Dow Jones --  --
  Euro in Dollar --  --
  Gold --  --
  Rohöl Brent --  --