Wer in einer Wirtschaftskrise arbeitslos wird, bekommt die finanziellen Folgen noch Jahrzehnte später zu spüren. Nach 15 Jahren verdienen die Betroffenen von Massenentlassungen in Deutschland noch 10 bis 15 Prozent weniger als Vergleichspersonen, die ihre Stelle behalten haben. Daran ändern auch staatliche Transferleistungen wenig. Denn nach Einkommen, also Gehalt plus Sozialtransfers, betrachtet müssen die Betroffenen ebenfalls deutliche Abschläge hinnehmen. Höhe und Ausgestaltung der Arbeitslosenunterstützung spielen dabei kaum eine Rolle. Diese Ergebnisse gehen aus Langzeitstudien zu Deutschland und den Vereinigten Staaten hervor, die der F.A.Z. vorliegen. Eine solch umfassende Arbeitsbetrachtung legten erstmals Wissenschaftler der Columbia Universität, des Instituts zur Zukunft der Arbeit (IZA) in Bonn und des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg vor.
Als Ausgangspunkt haben die Wissenschaftler die weltumspannende Rezession zu Beginn der achtziger Jahre gewählt. Betrachtet wurden Arbeitnehmer zwischen 25 und 53 Jahren, die schon fünf Jahre in festen Arbeitsverhältnissen bei größeren Unternehmen gestanden hatten. Damit sollte gesichert werden, dass die Folgen der Entlassungen nicht durch andere Effekte überlagert werden.
Die deutlichen Einkommenseinbußen zeigten sich über alle Branchen hinweg und beträfen Männer wie Frauen gleichermaßen, betonte Till von Wachter, Wirtschaftsprofessor an der New Yorker Columbia Universität. Deshalb seien die Ergebnisse der Studie auch auf die aktuelle Wirtschaftskrise übertragbar. Die harten Einschnitte könnten hierzulande viele Menschen treffen: Trotz Kurzarbeit wird die durchschnittliche Arbeitslosenquote nach Prognosen der Bundesagentur für Arbeit in diesem Jahr um rund 300.000 auf 3,5 Millionen steigen und im Jahr 2010 sogar auf 4,1 Millionen.
Einkommensverlust verringert sich selbst nach 12 Jahren nur schleichend
Wie aus der Studie hervorgeht, sinkt der Verdienst in der ersten Neuanstellung der Entlassenen bis 30 Prozent gegenüber der Vergleichsgruppe der weiterbeschäftigten früheren Kollegen. Danach erholt sich das Lohnniveau zwar relativ schnell, verlangsamt sich aber nach fünf Jahren wieder. Nach ungefähr zehn Jahren beträgt der Einkommensverlust immer noch rund 12 Prozent und verringert sich danach nur noch schleichend. Damit sind in Deutschland die langandauernden Effekte der Arbeitslosigkeit ähnlich schwerwiegend wie in den Vereinigten Staaten. Dort haben die gekündigten Arbeitnehmer noch zwei Jahrzehnte nach der Massenentlassung ein um 15 bis 20 Prozent geringeres Gehalt.
Die Ökonomen führen verschiedene Gründe für die starken Einbußen auf: So sei es möglich, dass eine besondere Spezialisierung nach dem Arbeitsplatzwechsel nicht mehr benötigt wird und die Löhne deshalb geringer ausfallen. Zudem haben sich Arbeitnehmer meist im Laufe eines Berufslebens über eine längere Zeit hinweg die für sie lukrativste Stelle in einem stabilen Umfeld erarbeitet – und können dies in einem neuen Unternehmen nicht noch einmal wiederholen.
Die im Vergleich zu Amerika großzügigere soziale Absicherung der Arbeitnehmer federten in Deutschland die Einkommenseinbußen nur geringfügig ab. „Bei der Größenordnung an Einkommenverlusten kann der Staat wenig tun, wenn Arbeitnehmer erst einmal ihren Arbeitsplatz verloren haben“, warnt Wachter. Wichtiger seien stattdessen Maßnahmen, die den Verlust überhaupt verhinderten. So deuteten die Ergebnisse der Studie daraufhin, dass etwa das staatliche subventionierte Kurzarbeitergeld wirksamer sei. Wachter wies allerdings auf das Risiko hin, dass unrentable Arbeitsplätze erhalten blieben, die dann später gestrichen würden.
haben sich Arbeitnehmer die für sie lukrativste Stelle in einem stabilen Umfeld
Closed via SSO (victor-d)
- 31.10.2009, 10:57 Uhr
Der perfekte Lebenslauf und das optimierte Einkommen?
Cecile de Winter (Cecile_de_Winter)
- 31.10.2009, 14:33 Uhr
@Cecile de Winter
Vince Monte (vincemonte)
- 31.10.2009, 15:27 Uhr
Korrelation und Kausalität, die hundertfünfte...
Thomas Berger (tberger)
- 31.10.2009, 15:53 Uhr
Cecile de Winters Beitrag ist wertvoll
Hans Grobschlechter (einbuerger)
- 31.10.2009, 19:13 Uhr
