Home
http://www.faz.net/-gqq-72zdt
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
easyfolio

Arbeitslosigkeit „Die Zeit heilt keine Wunden“

Können sich Menschen an Arbeitslosigkeit gewöhnen? Beruhigt es sie, wenn viele andere Leute in ihrem Umfeld ebenfalls ohne Job sind? Nein, haben Forscher jetzt herausgefunden. Arbeitslosigkeit schmerzt die Menschen sogar mehr als eine Trennung vom Partner.

© dpa Vergrößern In der Ecke: Arbeitslose verharren oft in ihrem tiefen Stimmungsloch.

Wer arbeitslos wird, fällt in ein tiefes Loch. Weniger tief fallen Menschen, in deren direkter Umgebung es viele Arbeitslose gibt, so lautet die gängige Meinung unter Ökonomen. Dort sei Arbeitslosigkeit gemeinhin akzeptierter, der Arbeitslose weniger geächtet und damit zufriedener als in prosperierenden Regionen mit hoher Beschäftigung. Stimmt alles nicht, haben jetzt Forscher der Universität Lausanne und des Swiss Centre of Expertise in Social Sciences (FORS) herausgefunden. „In Bezug auf Arbeitslosigkeit ist geteiltes Leid nicht halbes Leid“, sagt Studienautor Oliver Lipps von FORS.

Nadine  Bös Folgen:    

Zusammen mit seinem Coautor Daniel Oesch hat er herausgefunden: Die Lebenszufriedenheit sinkt unabhängig vom Niveau der Arbeitslosigkeit in der Umgebung. Und das ziemlich stark. Zum Vergleich: „Wer arbeitslos wird leidet stärker als ein Mensch, der eine Trennung von seinem Partner erlebt“, sagt Lipps. „Und das Schlimme ist: Selbst wer einen neuen Job findet, fällt bei der nächsten Arbeitslosigkeit in ein gleich tiefes Loch.“ Es gebe also keinerlei Gewöhnungseffekt. Auch längere Phasen der Arbeitslosigkeit führten nicht dazu, dass sich Menschen mit diesem Zustand arrangierten. Die Unzufriedenheit sei nach mehreren Jahren immer noch ebenso hoch wie unmittelbar nach dem Verlust der Stelle.

Den Vorher-Nachher-Effekt ausgewertet

Die Forscher sind zu diesem Ergebnis gekommen, indem sie Daten des Sozio-ökonomischen Panels und des Swiss Household Panels ausgewertet haben. Dabei schauten sie sich an, wie sich Arbeitslosigkeit auf das subjektive Wohlbefinden der Menschen auswirkte, und studierten diesen Zusammenhang über die Jahre. „Die Besonderheit unserer Untersuchung ist, dass wir uns der Frage mithilfe von Längsschnittdaten und -modellen nähern und dabei mehrere Episoden der Arbeitslosigkeit betrachten“, sagt Lipps. „Wir konnten uns ansehen, wie sich der Arbeitslose nach einem oder mehr Jahren fühlt und dabei beobachten: Die Zeit heilt keine Wunden.“

Genauso wenig beruhigte es die Arbeitslosen, wenn sie in einer Gegend mit generell hoher Arbeitslosigkeit lebten - dies zeigten die Forscher, indem sie Bundesländer in Ostdeutschland mit hohen Arbeitslosenquoten mit Ländern wie Bayern oder Baden-Württemberg verglichen. Wer in Ostdeutschland seinen Job verlor zeigte sich gleichermaßen unglücklich wie ein arbeitsloser Bayer. Die Rechnungen können auch ausschließen, dass die höhere Zufriedenheit der arbeitenden Menschen mit anderen Effekten zu tun haben könnte, etwa mit deren Alter, Beziehungsstatus oder Einkommen.

Mehr zum Thema

„Es ist ein Trugschluss, dass eine kluge Arbeitsmarktpolitik die Leute noch härter anfassen und sanktionieren muss“, folgert Lipps aus seinen Forschungsergebnissen. „Sie sind ganz offensichtlich schon äußerst frustriert durch den Zustand der Arbeitslosigkeit an sich.“ Die Ergebnisse deuteten daher eher auf die Wichtigkeit der aktiven Arbeitsmarktpolitik hin, schreiben die Autoren, die die Sinnhaftigkeit von Weiterbildungsmaßnahmen betonen.

Und Hartz IV? Welche Wirkung hatte die Kombination aus mehr Sanktionen und verbesserter Vermittlung auf die Zufriedenheit der Arbeitslosen, die Gehard Schröder erst kürzlich für die jüngsten Erfolge am Arbeitsmarkt verantwortlich gemacht hat? „Vermutlich eine geringe“, lautet die Bilanz von Lipps. Er habe während seinen Rechnungen die Dekade vor der Einführung von Hartz IV mit der Dekade nach der Einführung verglichen: „Es gab keinen signifikanten Effekt.“

Das vollständige Papier findet sich hier.

Quelle: FAZ.NET

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Magere Renditen Jeder dritte Vermieter macht mit Immobilie keinen Gewinn

Viele Anleger stecken ihr Geld in ein Haus oder eine Eigentumswohnung. Das ist sicher und bringt Rendite, denken sie. Doch für Millionen Deutsche geht das Kalkül nicht auf, wie eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung zeigt. Mehr

17.09.2014, 13:36 Uhr | Finanzen
Roboterarm fängt Objekte in Sekundenbruchteilen

An der Technischen Hochschule Lausanne wurde ein Roboterarm entwickelt, der auf ihn zufliegende Gegenstände verlässlich auffangen kann. Nach Ansicht der Forscher könnte er zum Einsammeln von Weltraummüll eingesetzt werden. Mehr

13.05.2014, 16:08 Uhr | Wissen
Neue Scanmethode Stonehenge war umgeben von Tempeln

Heute wirkt Stonehenge, als habe der prähistorische Steinkreis schon immer allein in der südenglischen Landschaft gestanden. Dabei war er das Zentrum einer immensen Anlage, wie Forscher herausgefunden haben. Mehr

10.09.2014, 13:32 Uhr | Feuilleton
Überlebenskapsel soll vor Tsunami schützen

Japan könnte jederzeit wieder von einer Naturkatastrophe wie 2011 heimgesucht werden, als bei einem verheerenden Tsunami fast 20.000 Menschen starben. Amerikanische Forscher glauben mit einer Erfindung möglichst viele Menschen retten zu können: einer kugelförmigen Überlebenskapsel. Mehr

16.09.2014, 15:22 Uhr | Wissen
Big Data & Social Physics Wie wir gern leben sollen

Das Versprechen von Big Data lautet, dass sich jedes Problem durch eine App lösen lässt. Die Politik beginnt an diese Maxime zu glauben und sieht sich nach einem neuen Typus von Sozialingenieuren um. Mehr

07.09.2014, 13:52 Uhr | Feuilleton
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 20.09.2012, 14:22 Uhr

Mit Krediten kann man kein Wachstum kaufen

Von Manfred Schäfers

Amerika will die Deutschen zu mehr Staatsausgaben verleiten. Wolfgang Schäuble macht nicht mit. Er hat Recht. Mehr 14 9


Die Börse
Name Kurs Änderung
  Dax --  --
  F.A.Z.-Index --  --
  Dow Jones --  --
  Euro in Dollar --  --
  Gold --  --
  Rohöl Brent --  --