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Arbeitslosigkeit : „Die Zeit heilt keine Wunden“

In der Ecke: Arbeitslose verharren oft in ihrem tiefen Stimmungsloch. Bild: dpa

Können sich Menschen an Arbeitslosigkeit gewöhnen? Beruhigt es sie, wenn viele andere Leute in ihrem Umfeld ebenfalls ohne Job sind? Nein, haben Forscher jetzt herausgefunden. Arbeitslosigkeit schmerzt die Menschen sogar mehr als eine Trennung vom Partner.

          Wer arbeitslos wird, fällt in ein tiefes Loch. Weniger tief fallen Menschen, in deren direkter Umgebung es viele Arbeitslose gibt, so lautet die gängige Meinung unter Ökonomen. Dort sei Arbeitslosigkeit gemeinhin akzeptierter, der Arbeitslose weniger geächtet und damit zufriedener als in prosperierenden Regionen mit hoher Beschäftigung. Stimmt alles nicht, haben jetzt Forscher der Universität Lausanne und des Swiss Centre of Expertise in Social Sciences (FORS) herausgefunden. „In Bezug auf Arbeitslosigkeit ist geteiltes Leid nicht halbes Leid“, sagt Studienautor Oliver Lipps von FORS.

          Nadine Bös

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Zusammen mit seinem Coautor Daniel Oesch hat er herausgefunden: Die Lebenszufriedenheit sinkt unabhängig vom Niveau der Arbeitslosigkeit in der Umgebung. Und das ziemlich stark. Zum Vergleich: „Wer arbeitslos wird leidet stärker als ein Mensch, der eine Trennung von seinem Partner erlebt“, sagt Lipps. „Und das Schlimme ist: Selbst wer einen neuen Job findet, fällt bei der nächsten Arbeitslosigkeit in ein gleich tiefes Loch.“ Es gebe also keinerlei Gewöhnungseffekt. Auch längere Phasen der Arbeitslosigkeit führten nicht dazu, dass sich Menschen mit diesem Zustand arrangierten. Die Unzufriedenheit sei nach mehreren Jahren immer noch ebenso hoch wie unmittelbar nach dem Verlust der Stelle.

          Den Vorher-Nachher-Effekt ausgewertet

          Die Forscher sind zu diesem Ergebnis gekommen, indem sie Daten des Sozio-ökonomischen Panels und des Swiss Household Panels ausgewertet haben. Dabei schauten sie sich an, wie sich Arbeitslosigkeit auf das subjektive Wohlbefinden der Menschen auswirkte, und studierten diesen Zusammenhang über die Jahre. „Die Besonderheit unserer Untersuchung ist, dass wir uns der Frage mithilfe von Längsschnittdaten und -modellen nähern und dabei mehrere Episoden der Arbeitslosigkeit betrachten“, sagt Lipps. „Wir konnten uns ansehen, wie sich der Arbeitslose nach einem oder mehr Jahren fühlt und dabei beobachten: Die Zeit heilt keine Wunden.“

          Genauso wenig beruhigte es die Arbeitslosen, wenn sie in einer Gegend mit generell hoher Arbeitslosigkeit lebten - dies zeigten die Forscher, indem sie Bundesländer in Ostdeutschland mit hohen Arbeitslosenquoten mit Ländern wie Bayern oder Baden-Württemberg verglichen. Wer in Ostdeutschland seinen Job verlor zeigte sich gleichermaßen unglücklich wie ein arbeitsloser Bayer. Die Rechnungen können auch ausschließen, dass die höhere Zufriedenheit der arbeitenden Menschen mit anderen Effekten zu tun haben könnte, etwa mit deren Alter, Beziehungsstatus oder Einkommen.

          „Es ist ein Trugschluss, dass eine kluge Arbeitsmarktpolitik die Leute noch härter anfassen und sanktionieren muss“, folgert Lipps aus seinen Forschungsergebnissen. „Sie sind ganz offensichtlich schon äußerst frustriert durch den Zustand der Arbeitslosigkeit an sich.“ Die Ergebnisse deuteten daher eher auf die Wichtigkeit der aktiven Arbeitsmarktpolitik hin, schreiben die Autoren, die die Sinnhaftigkeit von Weiterbildungsmaßnahmen betonen.

          Und Hartz IV? Welche Wirkung hatte die Kombination aus mehr Sanktionen und verbesserter Vermittlung auf die Zufriedenheit der Arbeitslosen, die Gehard Schröder erst kürzlich für die jüngsten Erfolge am Arbeitsmarkt verantwortlich gemacht hat? „Vermutlich eine geringe“, lautet die Bilanz von Lipps. Er habe während seinen Rechnungen die Dekade vor der Einführung von Hartz IV mit der Dekade nach der Einführung verglichen: „Es gab keinen signifikanten Effekt.“

          Das vollständige Papier findet sich hier.

          Quelle: FAZ.NET

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