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Veröffentlicht: 17.10.2015, 18:13 Uhr

Entwicklungshilfe Lieber Flüchtlinge nehmen als Geld geben

Sollen wir mehr Entwicklungshilfe leisten, damit die Migranten daheim bleiben? Bloß nicht, sagt der neue Nobelpreisträger.

von und
© Hartmut Schwarzbach / argus Ein Klassiker der Entwicklungshilfe: Brunnen in Ghana sollen das Leben leichter machen.

Es gibt einen Punkt in der Flüchtlingsfrage, da sind sich in Deutschland fast alle Politiker einig. Ob sie nun eine Willkommenskultur befürworten oder die Grenzen schließen möchten, gern sagen sie dazu, dass sie den Menschen am liebsten in ihren Herkunftsländern helfen möchten. Das bevorzugte Mittel dafür: möglichst viel Entwicklungshilfe, auf dass künftig weniger Migranten nach Deutschland kommen.

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So sagte es Kanzlerin Angela Merkel (CDU) vor kurzem bei ihrem Auftritt im Europaparlament: „Wir müssen unsere Außen- und Entwicklungspolitik stärker darauf ausrichten, Konflikte zu lösen und Fluchtursachen zu bekämpfen.“ So beteuerte es Entwicklungshilfeminister Gerd Müller (CSU) in einem Interview: „Mehr als zwölf Milliarden Euro fließen in die Bekämpfung von Fluchtursachen.“ So fordert es SPD-Fraktionschef Thomas Oppermann: „Wir müssen gleichzeitig die Fluchtursachen in den Herkunftsländern bekämpfen.“

Fluchtursachen bekämpfen, das kann zweierlei heißen: in Kriege oder innere Konflikte eingreifen – das Thema fasst kein Politiker in Deutschland gerne an, zu umstritten ist die Methode und zu oft gescheitert. Oder eben mehr Geld als Entwicklungshilfe in die Herkunftsländer schicken – schon eher eine Sache, auf die sich Politiker einigen könnten.

Denn über eines ist man sich einig: Flucht ist nur eine Notlösung für spezielle Länder wie Syrien, in dem Gefahr für Leib und Leben besteht. In allen anderen Fällen, so der geläufige Glaube, ist der Aderlass an Menschen sogar schlecht für das Herkunftsland, weil es seine besten Leute verliert. Das findet nicht nur der Westen, das finden auch viele Herkunftsländer. „Wir verlieren dadurch junge Arbeitskräfte, die wir dringend selbst benötigen“, sagte neulich der albanische Innenminister. „Das schadet unserer Wirtschaft und wirft uns zurück.“ So glauben viele, es wäre für alle besser, mehr Geld in Herkunftsländer zu überweisen statt die Leute aufzunehmen.

Migration hilft am besten gegen Armut, findet Angus Deaton

Gut, dass es Angus Deaton gibt, 69 Jahre alt, Fliege-Träger und soeben gekürter Preisträger des Alfred-Nobel-Gedächtnispreises für Wirtschaft 2015. Deaton hat lange zu Armut in Entwicklungsländern geforscht. Lange genug, um es besser zu wissen. Migration sei das wirksamste Mittel gegen Armut, schreibt er in seinem 2013 veröffentlichten Buch „The Great Escape“ – wirksamer sogar als der Freihandel, den Ökonomen als großen Wohlstandsbringer preisen. „Migranten, denen es gelingt, von armen Ländern in reiche zu ziehen, verbessern ihre eigene Lage, und das Geld, das sie überweisen, hilft ihrer Familie, sich zu Hause besser zu stellen.“ Diese Überweisungen können ein Land retten, ist Deaton überzeugt. Sie wirken besser als jede Entwicklungshilfe. „Sie können den Empfängern die Macht geben, mehr von ihrer Regierung zu verlangen, was die Staatsführung in dem Land dann verbessert.“

Entwicklungshilfe dagegen geht meist von Staaten an Staaten. Das macht die Regierung des Empfängerlandes unabhängig von den Wünschen der eigenen Bürger. Das findet Deaton gar nicht gut. Wenn eine Regierung von den Steuern ihrer Bürger abhängig ist, sorgt sie sich schon aus Eigeninteresse mehr um deren materielles Wohl. „Die Entwicklungshilfe könnte tatsächlich einem autokratischen Regime helfen, an der Macht zu bleiben oder es bereichern oder beides.“

Deaton hat das zentrale Dilemma der Entwicklungshilfe erkannt. „Wenn die Voraussetzungen für eine gute Entwicklung gegeben sind, ist Hilfe nicht notwendig“, schreibt er. „Wenn die Voraussetzungen vor Ort aber entwicklungsfeindlich sind, dann bringt Entwicklungshilfe nichts, und sie kann sogar schädlich sein, wenn sie dazu beiträgt, dass diese Bedingungen weiter bestehen.“

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Deaton hat eine eigene Migrationsgeschichte

Als Alternative zur Entwicklungshilfe sieht er das, was gerade Europa beschäftigt: Migration. Deaton selbst hat auch eine kleine eigene Migrationsgeschichte hinter sich. Geboren in Schottland, schaffte er es zum Studium ins englische Cambridge. Später ging er nach Amerika, heute lehrt er in Princeton. Er hat die britische und die amerikanische Staatsbürgerschaft.

Auch aus persönlichen Gründen ist es also wenig verwunderlich, dass er sich für mehr Auswanderung ausspricht. Seine Position ist aber hart wissenschaftlich begründet. Als er mit seinen Forschungen anfing, war er vom Nutzen der Entwicklungshilfe überzeugt. Leider sprachen die Fakten dagegen. Der vielleicht überzeugendste Beleg ist das Schicksal der afrikanischen Länder von Mitte der 1970er bis Mitte der 1990er Jahre. In dieser Zeit wuchs die Entwicklungshilfe überproportional an, gleichzeitig sank das ohnehin schwache Wachstum gegen null oder sogar unter null. Nach dem Ende des Kalten Kriegs wurden die Hilfen stark zurückgefahren. Prompt holte Afrika auf, die Wachstumsraten stiegen so stark wie lange nicht.

Deaton nimmt diese Zahlen nicht als Beleg, dass man nur die Entwicklungshilfe abschaffen muss. Das wäre dann doch zu einfach. Zumal es in den 1970er Jahren einen gemeinsamen Grund für schwache Wirtschaft und steigende Hilfen gab: Ein Crash der Rohstoffpreise traf die afrikanischen Länder hart. Aber Deaton stellt fest: Entwicklungshilfe ist zumindest kein gutes Mittel, um armen Ländern Wachstum zu bringen.

Was ist besser als Entwicklungshilfe?

Was kann der Westen stattdessen tun, um den Armen der Welt zu helfen? Deaton nennt verschiedene Alternativen. Etwa Anreize für die Pharmaindustrie, Medikamente auch gegen Krankheiten zu entwickeln, die es in der westlichen Welt kaum gibt. Oder den Abbau von Handelsschranken, die faktisch die ärmsten Länder der Welt daran hindern, ihre Waren im Westen zu verkaufen. Die wichtigste und wirksamste Methode aber ist laut Deaton: Migration zuzulassen.

Angus Deaton Wins Nobel Prize Economic Science © dpa Vergrößern Angus Deaton

Natürlich weiß er, dass die Wanderung aus armen in reiche Länder noch härter beschränkt ist als der Handel – zumindest solange es keine Kriege wie in Syrien gibt, die zur Aufnahme Hunderttausender Flüchtlinge führen. Aber er setzt auf kleine Fortschritte. „Eine hilfreiche Art der temporären Migration ist es, dass der Westen Stipendien anbietet für Studenten, insbesondere afrikanische“, schreibt er. Selbst wenn sie nicht nach Hause zurückkehrten, könnten Ideen für die Entwicklung ihrer Heimat liefern. Ideen, die dann von Inländern stammen und nicht von außen oktroyiert sind. Und im Idealfall gehen die Auswanderer irgendwann zurück, um mit ihren neu gewonnen Kenntnissen ihrem eigenen Land zu helfen. Im Durchschnitt aller Migrationsbewegungen liegt die Rückkehrerquote bei rund der Hälfte.

Hat Deutschland also gerade viel für die Entwicklungshilfe getan, indem es so viele Flüchtlinge ins Land ließ?

Bürgerkriege sind ein besonderer Fall

Das ist ein besonderer Fall. Denn von den Flüchtlingen, die derzeit neu nach Deutschland einreisen, stammt die Mehrheit aus Regionen, in denen Bürgerkrieg herrscht oder zumindest starke Konflikte das tägliche Leben dominieren. Im September kamen 164.000 Neuankömmlinge, darunter waren 85.000 Syrer, 19.000 Iraker und 18.000 Afghanen. Erst auf Platz vier folgen die 6000 Menschen aus dem friedlichen Albanien.

Einmal abgesehen davon, dass sich Bürgerkriegsflüchtlinge nun mal in Sicherheit bringen müssen: Auch ihren Ländern kann die Auswanderung helfen, da sie später, wenn sich die Lage beruhigt hat, zurückkehren und bessere Institutionen errichten können.

Auf jeden Fall ist klassische Entwicklungshilfe für Länder im Krieg besonders heikel. Zu wahrscheinlich ist es, dass das kriegführende Regime versucht, einen großen Teil der Hilfen für sich selbst abzuzweigen, und dadurch länger an der Macht bleibt. In Syrien, dem Land, aus dem derzeit die meisten Flüchtlinge kommen, hat Deutschland die zwischenstaatliche Entwicklungshilfe denn auch eingestellt. Für Afghanistan oder den Irak gilt das nicht.

Bleibt die Frage, was die Politiker meinen, wenn sie von der Bekämpfung der Fluchtursachen sprechen. Klassische Entwicklungshilfe sollte es jedenfalls nicht sein. Wenn es dabei nicht um Kriegseinsätze gehen soll – und das scheint derzeit ausgeschlossen –, dann gibt es wohl keine humanere und effektivere Lösung für die Flüchtlinge, als sie im Westen aufzunehmen. Das nützt irgendwann auch ihren Heimatländern. Ob es allerdings auch den aufnehmenden Ländern nützt, wie andere Ökonomen glauben, dazu sagt Deaton nichts.

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Von Christoph Hein

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