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Entwicklungshilfe : Lieber Flüchtlinge nehmen als Geld geben

Ein Klassiker der Entwicklungshilfe: Brunnen in Ghana sollen das Leben leichter machen. Bild: Hartmut Schwarzbach / argus

Sollen wir mehr Entwicklungshilfe leisten, damit die Migranten daheim bleiben? Bloß nicht, sagt der neue Nobelpreisträger.

          Es gibt einen Punkt in der Flüchtlingsfrage, da sind sich in Deutschland fast alle Politiker einig. Ob sie nun eine Willkommenskultur befürworten oder die Grenzen schließen möchten, gern sagen sie dazu, dass sie den Menschen am liebsten in ihren Herkunftsländern helfen möchten. Das bevorzugte Mittel dafür: möglichst viel Entwicklungshilfe, auf dass künftig weniger Migranten nach Deutschland kommen.

          Ralph Bollmann

          Korrespondent für Wirtschaftspolitik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          So sagte es Kanzlerin Angela Merkel (CDU) vor kurzem bei ihrem Auftritt im Europaparlament: „Wir müssen unsere Außen- und Entwicklungspolitik stärker darauf ausrichten, Konflikte zu lösen und Fluchtursachen zu bekämpfen.“ So beteuerte es Entwicklungshilfeminister Gerd Müller (CSU) in einem Interview: „Mehr als zwölf Milliarden Euro fließen in die Bekämpfung von Fluchtursachen.“ So fordert es SPD-Fraktionschef Thomas Oppermann: „Wir müssen gleichzeitig die Fluchtursachen in den Herkunftsländern bekämpfen.“

          Fluchtursachen bekämpfen, das kann zweierlei heißen: in Kriege oder innere Konflikte eingreifen – das Thema fasst kein Politiker in Deutschland gerne an, zu umstritten ist die Methode und zu oft gescheitert. Oder eben mehr Geld als Entwicklungshilfe in die Herkunftsländer schicken – schon eher eine Sache, auf die sich Politiker einigen könnten.

          Denn über eines ist man sich einig: Flucht ist nur eine Notlösung für spezielle Länder wie Syrien, in dem Gefahr für Leib und Leben besteht. In allen anderen Fällen, so der geläufige Glaube, ist der Aderlass an Menschen sogar schlecht für das Herkunftsland, weil es seine besten Leute verliert. Das findet nicht nur der Westen, das finden auch viele Herkunftsländer. „Wir verlieren dadurch junge Arbeitskräfte, die wir dringend selbst benötigen“, sagte neulich der albanische Innenminister. „Das schadet unserer Wirtschaft und wirft uns zurück.“ So glauben viele, es wäre für alle besser, mehr Geld in Herkunftsländer zu überweisen statt die Leute aufzunehmen.

          Migration hilft am besten gegen Armut, findet Angus Deaton

          Gut, dass es Angus Deaton gibt, 69 Jahre alt, Fliege-Träger und soeben gekürter Preisträger des Alfred-Nobel-Gedächtnispreises für Wirtschaft 2015. Deaton hat lange zu Armut in Entwicklungsländern geforscht. Lange genug, um es besser zu wissen. Migration sei das wirksamste Mittel gegen Armut, schreibt er in seinem 2013 veröffentlichten Buch „The Great Escape“ – wirksamer sogar als der Freihandel, den Ökonomen als großen Wohlstandsbringer preisen. „Migranten, denen es gelingt, von armen Ländern in reiche zu ziehen, verbessern ihre eigene Lage, und das Geld, das sie überweisen, hilft ihrer Familie, sich zu Hause besser zu stellen.“ Diese Überweisungen können ein Land retten, ist Deaton überzeugt. Sie wirken besser als jede Entwicklungshilfe. „Sie können den Empfängern die Macht geben, mehr von ihrer Regierung zu verlangen, was die Staatsführung in dem Land dann verbessert.“

          Entwicklungshilfe dagegen geht meist von Staaten an Staaten. Das macht die Regierung des Empfängerlandes unabhängig von den Wünschen der eigenen Bürger. Das findet Deaton gar nicht gut. Wenn eine Regierung von den Steuern ihrer Bürger abhängig ist, sorgt sie sich schon aus Eigeninteresse mehr um deren materielles Wohl. „Die Entwicklungshilfe könnte tatsächlich einem autokratischen Regime helfen, an der Macht zu bleiben oder es bereichern oder beides.“

          Deaton hat das zentrale Dilemma der Entwicklungshilfe erkannt. „Wenn die Voraussetzungen für eine gute Entwicklung gegeben sind, ist Hilfe nicht notwendig“, schreibt er. „Wenn die Voraussetzungen vor Ort aber entwicklungsfeindlich sind, dann bringt Entwicklungshilfe nichts, und sie kann sogar schädlich sein, wenn sie dazu beiträgt, dass diese Bedingungen weiter bestehen.“

          Deaton hat eine eigene Migrationsgeschichte

          Als Alternative zur Entwicklungshilfe sieht er das, was gerade Europa beschäftigt: Migration. Deaton selbst hat auch eine kleine eigene Migrationsgeschichte hinter sich. Geboren in Schottland, schaffte er es zum Studium ins englische Cambridge. Später ging er nach Amerika, heute lehrt er in Princeton. Er hat die britische und die amerikanische Staatsbürgerschaft.

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