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Allmende : Wo Kuh und Schaf gemeinsam grasen

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Heute gibt es die Allmende in Europa nicht mehr: Kühe grasen auf Privatland Bild: AP

Allmende, so nannte man früher Weiden und Äcker, die alle Bauern gemeinsam nutzen durften. Ökonomen halten wenig von der Idee: Allmendegüter laden ein zur Verschwendung, sagen sie.

          Die Allmende ist für alle da. Darum heißt sie so. Die Allmende (abgeleitet vom mittelhochdeutschen "algemeinde", englisch "Commons") umfasste einst sämtliche gemeinschaftlich genutzten Weiden, Wälder, Wiesen, Heiden, Steinbrüche, Moore, Fisch- und Jagdgründe innerhalb der Dorfgemarkung. Belegt ist die Allmende seit dem 10. Jahrhundert; möglicherweise gab es sie aber schon zu Beginn der christlichen Zeitrechnung in Urformen der germanischen Landnutzung und gar im antiken Griechenland. Außer in einigen Bergregionen gibt es die Allmende nach historischem Vorbild in Europa heute nicht mehr.

          Wie funktionierte die Allmende? Ganz allgemein war der Zugang zu ihr in der Regel trotz ihres Namens nicht, sondern den erbberechtigten Nachkommen der alteingesessenen Bauern vorbehalten. Das half, bei den Nutzern einen langen Zeithorizont aufzubauen und Raubbau zu verhindern. Die Nutzung war durch mündlich überliefertes Gewohnheitsrecht bestimmt; erst im 15. Jahrhundert wurden die Vorschriften schriftlich kodifiziert. Das Eigentum hielt ein Grundherr (in Norddeutschland) oder die Gemeinde selbst (in Südwestdeutschland). Die Dorfgemeinschaft regelte im Rahmen dieses Rechts sämtliche Nutzungsbedingungen bis ins Detail, von den Zugangsterminen bis zur Stückzahl des Weideviehs oder dem Saatgut. In der Grafschaft Kyburg bei Winterthur ist aus dieser Zeit ein Dokument erhalten, in dem es heißt, Holz dürfe nur in einer solchen Menge geschlagen werden, dass "unsere kind und nachkomen och mogint geniessen". Die Allmende war, wie Ökonomen in ihrem Jargon sagen, ein klassisches Gemeingut, und für die Nutzung dieses Gemeinguts hatten sich die Menschen Regeln gegeben, die Nachhaltigkeit garantierten.

          Die Tragik der Allmende

          Wie erfolgreich die historische Allmende in den vielen Jahrhunderten ihres Bestehens war, ist inzwischen fast vergessen. Der Begriff "Allmende" hingegen hat durch die wissenschaftliche Debatte eine Erweiterung erfahren; er steht sinnbildlich nunmehr für alle knappen Güter, die gemeinschaftlich genutzt werden. Ein Allmendegut ist kein öffentliches Gut. Für öffentliche wie für Allmendegüter gilt zwar, dass es oftmals schwierig ist, Nutzer fernzuhalten ("Nicht-Ausschluss"). Wichtiger aber ist, dass bei einem Allmendegut im Gegensatz zum öffentlichen Gut die Nutzungsmenge des einen Nutzers durchaus die Menge beeinträchtigt, die jemand anderes in Anspruch nehmen kann (sie ist "rivalisierend"). Wenn die Kühe des einen Bauern die Weide abgefressen haben, ist für die Kühe des anderen Bauern nichts mehr übrig.

          Nobelpreisträgerin Elinor Ostrom forschte über die Allmende
          Nobelpreisträgerin Elinor Ostrom forschte über die Allmende : Bild: dpa

          In den sechziger Jahren erregte der Mikrobiologe und Ökologe Garrett Hardin mit seinem berühmten Essay "The Tragedy of the Commons" Aufsehen. Hardin ging es allen Ernstes um eine Legitimierung der Geburtenkontrolle, allen denkbaren Freiheitsrechten zum Trotz. Auch für ihn war freilich die Allmende schon eine nützliche Metapher - eine Metapher, die er für jede Art von sozialem Kapital benutzte, die natürliche Umwelt, das Klima, die Moral, den Wohlfahrtsstaat. Diese definierte er als durch übermäßige Nutzung gefährdete Gemeingüter; Abhilfe sollte folglich eine Beschränkung der künftigen Nutzerzahl bringen. So leicht diese Forderung als untragbar zu entlarven war, so lange dauerte es, die Unabwendbarkeit des Hardinschen Szenarios zu widerlegen. Für ihn war es erwiesen, dass das Schicksal der Allmende die Übernutzung ist. Gemeinschaftlich genutzte Wiesen werden von so vielen Kühen abgefressen und zertrampelt, dass dort bald nichts mehr wächst; Fischgründe werden leergefischt; gegen die Moral wird so lange verstoßen, bis sie keine mehr ist.

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