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Allmende Wo Kuh und Schaf gemeinsam grasen

02.02.2011 ·  Allmende, so nannte man früher Weiden und Äcker, die alle Bauern gemeinsam nutzen durften. Ökonomen halten wenig von der Idee: Allmendegüter laden ein zur Verschwendung, sagen sie.

Von Karen Horn
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Die Allmende ist für alle da. Darum heißt sie so. Die Allmende (abgeleitet vom mittelhochdeutschen "algemeinde", englisch "Commons") umfasste einst sämtliche gemeinschaftlich genutzten Weiden, Wälder, Wiesen, Heiden, Steinbrüche, Moore, Fisch- und Jagdgründe innerhalb der Dorfgemarkung. Belegt ist die Allmende seit dem 10. Jahrhundert; möglicherweise gab es sie aber schon zu Beginn der christlichen Zeitrechnung in Urformen der germanischen Landnutzung und gar im antiken Griechenland. Außer in einigen Bergregionen gibt es die Allmende nach historischem Vorbild in Europa heute nicht mehr.

Wie funktionierte die Allmende? Ganz allgemein war der Zugang zu ihr in der Regel trotz ihres Namens nicht, sondern den erbberechtigten Nachkommen der alteingesessenen Bauern vorbehalten. Das half, bei den Nutzern einen langen Zeithorizont aufzubauen und Raubbau zu verhindern. Die Nutzung war durch mündlich überliefertes Gewohnheitsrecht bestimmt; erst im 15. Jahrhundert wurden die Vorschriften schriftlich kodifiziert. Das Eigentum hielt ein Grundherr (in Norddeutschland) oder die Gemeinde selbst (in Südwestdeutschland). Die Dorfgemeinschaft regelte im Rahmen dieses Rechts sämtliche Nutzungsbedingungen bis ins Detail, von den Zugangsterminen bis zur Stückzahl des Weideviehs oder dem Saatgut. In der Grafschaft Kyburg bei Winterthur ist aus dieser Zeit ein Dokument erhalten, in dem es heißt, Holz dürfe nur in einer solchen Menge geschlagen werden, dass "unsere kind und nachkomen och mogint geniessen". Die Allmende war, wie Ökonomen in ihrem Jargon sagen, ein klassisches Gemeingut, und für die Nutzung dieses Gemeinguts hatten sich die Menschen Regeln gegeben, die Nachhaltigkeit garantierten.

Die Tragik der Allmende

Wie erfolgreich die historische Allmende in den vielen Jahrhunderten ihres Bestehens war, ist inzwischen fast vergessen. Der Begriff "Allmende" hingegen hat durch die wissenschaftliche Debatte eine Erweiterung erfahren; er steht sinnbildlich nunmehr für alle knappen Güter, die gemeinschaftlich genutzt werden. Ein Allmendegut ist kein öffentliches Gut. Für öffentliche wie für Allmendegüter gilt zwar, dass es oftmals schwierig ist, Nutzer fernzuhalten ("Nicht-Ausschluss"). Wichtiger aber ist, dass bei einem Allmendegut im Gegensatz zum öffentlichen Gut die Nutzungsmenge des einen Nutzers durchaus die Menge beeinträchtigt, die jemand anderes in Anspruch nehmen kann (sie ist "rivalisierend"). Wenn die Kühe des einen Bauern die Weide abgefressen haben, ist für die Kühe des anderen Bauern nichts mehr übrig.

In den sechziger Jahren erregte der Mikrobiologe und Ökologe Garrett Hardin mit seinem berühmten Essay "The Tragedy of the Commons" Aufsehen. Hardin ging es allen Ernstes um eine Legitimierung der Geburtenkontrolle, allen denkbaren Freiheitsrechten zum Trotz. Auch für ihn war freilich die Allmende schon eine nützliche Metapher - eine Metapher, die er für jede Art von sozialem Kapital benutzte, die natürliche Umwelt, das Klima, die Moral, den Wohlfahrtsstaat. Diese definierte er als durch übermäßige Nutzung gefährdete Gemeingüter; Abhilfe sollte folglich eine Beschränkung der künftigen Nutzerzahl bringen. So leicht diese Forderung als untragbar zu entlarven war, so lange dauerte es, die Unabwendbarkeit des Hardinschen Szenarios zu widerlegen. Für ihn war es erwiesen, dass das Schicksal der Allmende die Übernutzung ist. Gemeinschaftlich genutzte Wiesen werden von so vielen Kühen abgefressen und zertrampelt, dass dort bald nichts mehr wächst; Fischgründe werden leergefischt; gegen die Moral wird so lange verstoßen, bis sie keine mehr ist.

Allmendegüter laden ein zur Verschwendung. Das ist keine neue Erkenntnis. Schon im vierten Jahrhundert vor Christus hatte Aristoteles in seinem Werk "Politik" die Beobachtung festgehalten, dass "dem Gut, das der größten Zahl gemeinsam ist, die geringste Fürsorge zuteil wird. Jeder denkt hauptsächlich an sein eigenes, fast nie an das gemeinsame Interesse."

Was ist dagegen zu tun? Privatisierung ist oftmals technisch nicht möglich, Moralappelle reichen gegen übermächtige ökonomische Anreize selten aus. Abhilfe lässt sich nur mit staatlichem Zwang schaffen - so die düstere Prognose. "Freiheit auf der Allmende bringt allen Beteiligten den Ruin", schrieb Hardin.

Die Dorfgemeinschaft gab sich Regeln

Warum aber war dann die historische Allmende so lange erfolgreich? Weil die Menschen Probleme lösen. Hardin war mit seinem Befund einer strukturellen Dilemmasituation zu früh stehengeblieben; erst mit der Analyse der spontanen Reaktionen darauf wird es spannend. Gerade weil die historische Dorfgemeinschaft die "Tragödie der Allmende" kommen sah, konnte sie ein schlimmes Ende abwenden. Und in den seltensten Fällen war es der Staat, der "von oben" für die richtigen Regeln und Institutionen sorgte. Einer zentralen Obrigkeit fehlt es an hinreichender Kenntnis der lokalen Umstände, mitunter auch am passenden Interesse.

Das zeigt auch das historische Beispiel. Es kam der Moment, in dem die Allmende überholt und ihre institutionelle Absicherung nicht länger gewährleistet war. Der preußische Staat hob die letzten Allmenden gegen Ende des 19. Jahrhunderts auf. Die Interessen von Gutsherren und Bauern hatten sich auseinanderbewegt. Mit zunehmender Flächenknappheit wollten die Gutsherren nunmehr ihre Flächen parzellieren, verpachten oder veräußern können. Und in jenen Gemeinden, die das Eigentumsrecht selbst hielten, entfalteten die Nutzungsvorschriften, sobald sie nicht mehr mündlich weitergegeben, sondern schriftlich festgehalten wurden, ein ganz neues entzweiendes Potential. Im Ergebnis wurden dort die Flächen aufgeteilt. Für viele Kleinbauern war das eine Katastrophe: Die eigene Parzelle war zu klein zum Überleben. Doch auch das hatte sein Gutes. Der Strukturwandel kam voran. Die landwirtschaftlichen Betriebe wurden größer und effizienter, die Kleinbauern hingegen gingen als Arbeitskräfte in die Stadt - und ermöglichten so die Industrialisierung.

Für den Umgang mit Allmendegütern ist die beste Lösung weder privat noch staatlich, sie ist eine Sache der betroffenen Öffentlichkeit, der Gemeinschaft. Ob es Gemeinschaften gelingt, sich funktionierende Regelsysteme zur Bewirtschaftung und Nutzung von Allmendegütern zu geben, hängt allerdings von allerlei Umständen ab: die Gruppe der Betroffenen muss sich klar abgrenzen lassen; die Mitglieder der Gemeinschaft müssen die Regeln gemeinsam ändern und einander gegenseitig überwachen können; Verstöße werden nicht pauschal, sondern gemäß ihrer Schwere geahndet; es gibt institutionalisierte Verfahren zur Konfliktlösung. Zu diesen Erkenntnissen ist die amerikanische Wissenschaftlerin Elinor Ostrom in vielen Feldstudien über "Common pool resources" gekommen. Sie ist hierfür 2009 mit dem Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften ausgezeichnet worden (siehe Wirtschafts-Nobelpreis geht erstmals an eine Frau).

Die Allmende begründet eine gemeinschaftliche Herausforderung. Wer sie meistert, der wird reich. Die Tragödie der Allmende abzuwenden ist möglich, wie das historische Beispiel zeigt und auch die moderne Forschung belegt. Elinor Ostrom hat außerdem darauf hingewiesen, dass die gemeinschaftliche Hege und Pflege, Bewirtschaftung und Nutzung von wertvollen Gemeingütern ihrerseits immaterielle öffentliche Güter stiftet: Zusammenhalt, Gemeinsinn, Verantwortlichkeit, Respekt. Auch damit ist die Allmende ein Segen für die Menschheit.

Die Autorin leitet das Hauptstadtbüro des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln.

Quelle: F.A.S.
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