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Fleischkonsum und Hunger Die Kuh als Sparkasse

05.03.2010 ·  Wenn weniger Fleisch gegessen würde, gäbe es weniger Hunger in der Welt, weil Futtermittel gespart wird: So heißt es oft. Doch so einfach ist es nicht. Ökonomen argumentieren, dass es nicht an Nahrungsmitteln mangele. Vielmehr seien die Unterernährten zu arm, um dafür bezahlen zu können.

Von Tobias Piller
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Mit der Emphase der längst überfälligen guten Tat wird immer wieder die Überzeugung vertreten, dass der Verzicht auf Fleischkonsum zur Verringerung des Hungers in der Welt beitragen könnte. Doch die Volkswirtschaft kennt selten derart einfache Wirkungsweisen, schon gar nicht, wenn das Verhalten von Menschen in verschiedenen Kontinenten und Wirtschaftszweigen verknüpft ist. Welche vielfältigen und komplizierten Zusammenhänge zwischen Fleischkonsum und Hunger in Entwicklungsländern bestehen, hat gerade die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) im Bericht "The State of Food and Agriculture" beschrieben.

Ausgangsposition der Überlegungen ist der Umstand, dass der Fleischkonsum gerade in vielen früheren Entwicklungsländern kräftig zugenommen hat, weil in Schwellenländern wie Brasilien und China der Wohlstand gewachsen ist. Die Fleischproduktion der Welt hat sich mit der steigenden Nachfrage seit 1980 mehr als verdoppelt. Doch während damals die Bewohner der Industrieländer noch fast zwei Drittel der Weltproduktion verzehrten, ist es heute nur noch ein Drittel. Die Ausweitung der Tierhaltung hat an manchen Stellen mehr Wohlstand geschaffen, urteilt die FAO, aber auch ohne Zweifel neue Probleme für die Umwelt oder die Seuchenbekämpfung.

Würde ein Verzicht auf Fleisch in den Industrieländern mehr Nahrungsmittel übrig lassen für die etwa 1 Milliarde Menschen, die derzeit als unterernährt gelten? Henning Steinfeld, in der FAO verantwortlich für die Sparte der Tierproduktion und Autor wissenschaftlicher Aufsätze zum Thema, entwickelt in seiner Antwort ein ganzes Netzwerk von Wechselbeziehungen: Zunächst stellt er fest, dass für die Tierhaltung jedes Jahr Futtermittel mit 77 Millionen Tonnen an Eiweiß benötigt wird. Die so aufgezogenen Tiere liefern aber nur 58 Millionen Tonnen an tierischem Eiweiß - also scheint die Eiweiß-bilanz negativ zu sein. Doch gilt es genau zu schauen: Nicht alle eiweißhaltigen Futtermittel sind auch für Menschen genießbar, etwa die von den Tieren gegessenen Abfälle aus der Sojaölherstellung.

Das wichtigste Gegenargument der Ökonomen

Das wichtigste Gegenargument der Ökonomen zur These, dass Fasten beim Fleisch mehr Ernährung in der Dritten Welt bedeute, ist allerdings ein anderes: Selbst wenn die Nachfrage nach Futtermitteln sinken würde und theoretisch damit mehr Soja oder Mais für den menschlichen Konsum frei würde, ist noch lange nicht garantiert, dass damit hungrige Mägen gefüllt würden. Um die Unterernährung der Hungernden zu lindern, fehle es im Grundsatz nicht am Angebot von Nahrungsmitteln. Vielmehr seien die Unterernährten zu arm, um als Nachfrager bezahlen zu können. Deshalb würden wohl viele der Pflanzen, die nicht mehr als Futter gebraucht werden, nicht als Nahrung für Menschen angeboten, sondern überhaupt nicht mehr produziert werden.

Auch aus diesem Grund steht im Mittelpunkt der FAO-Strategien zur Bekämpfung des Hungers langfristig nicht die Verteilung von Nahrungsmitteln, sondern die Verbesserung der Kaufkraft der Armen, möglichst gleichzeitig mit mehr Leistung und Produktivität in der Landwirtschaft selbst. Dann stünden mehr Nahrungsmittel zur Verfügung und zugleich mehr Einkommen, um sich auch etwas zu essen zu kaufen. Schließlich wohnen rund 80 Prozent der Unterernährten immer noch auf dem Land.

Wo die Unterernährten weniger profitieren

Weniger profitieren von dieser Strategie allerdings die in den Städten wohnenden Unterernährten. Denn diese, relativ gesehen eine Minderheit, in absoluten Zahlen immer noch 200 Millionen Menschen, würden davon profitieren, wenn weniger Pflanzenprodukte für die Tierzucht verfüttert würden und deshalb die Preise für pflanzliche Nahrungsmittel sinken würden. Allerdings ist eine einseitig pflanzliche Ernährung auch bedenklich, warnen die Experten der FAO. Gerade schlecht Ernährte, noch dringender kleine Kinder, sollten auch mit etwas Fleisch versorgt werden. Darin stecken Spurenelemente und Vitamine. Während europäische Vegetarier in ihren gutbestückten Supermärkten dafür Ersatzprodukte finden, haben die Geschäfte in Entwicklungsländern nichts dergleichen.

Wer zu einfache Zusammenhänge konstruiert, berücksichtigt auch nicht die Funktion, die die Viehhaltung in Entwicklungsländern für arme Bauern haben kann: Eine Kuh oder eine Ziege ist dort gleichzeitig Sparkasse und Lebensmittelreserve. Denn zusätzliches Einkommen kann nicht in allen Gegenden Afrikas zur Bank getragen werden; es ist einfacher, eine Kuh anzuschaffen. Zugleich helfen Tiere, im Fall von Missernten über Krisenzeiten hinwegzukommen.

Sichtbar wird im neuesten Bericht der FAO aber auch, dass die kräftig gestiegene Nachfrage nach tierischen Nahrungsmitteln nicht unbedingt den Kleinbauern zugutekommt, die in Subsistenzwirtschaft ein paar Kühe, Ziegen oder Hühner halten. "Die Nachfrage ist schneller gewachsen als erwartet", sagt Henning Steinfeld von der FAO. Daher könnten Kleinbauern nicht wie gedacht mitwachsen. Sie stehen nun vor Marktzugangsschranken, weil größere Mengen an Fleisch in gleichbleibender Qualität verlangt werden. Das erfordert Investitionen bis hin zu Gesundheitszertifikaten. Vorteile hatten dagegen größere Betriebe.

Wer künftig in der „Dritten Welt“ die Entwicklung auf dem Land fördern und damit die Ernährungslage verbessern will, muss nach Ansicht der FAO den Kleinbauern neue Chancen geben, etwa in Genossenschaften oder mit der Auslagerung einzelner Produktionsschritte. Kleinbauern könnten ohne große Investitionen Tiere mästen. Dazu würden sie zum Beispiel kleine Ferkel und Futter geliefert bekommen, die dann in wenigen Monaten zu schlachtreifen Schweinen heranwachsen. Bessere Veterinärdienste helfen nicht nur den Kleinbauern, sondern beugen auch der Verbreitung von Seuchen vor, die sich wegen des internationalen Handels immer schneller auszubreiten drohen.

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Jahrgang 1962, Wirtschaftskorrespondent für Italien mit Sitz in Rom.

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