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Der Volkswirt Geldpolitik ohne Geld?

19.01.2009 ·  Für Monetaristen zählt nur die Geldmenge. Moderne Modelle der Neokeynesianer analysieren Geldpolitik ohne Geld. Gesucht wird nun eine Synthese.

Von Gerald Braunberger
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Eine ökonomische Analyse der Geldpolitik, die der Rolle des Geldes nicht breiten Raum gibt, ähnelte Shakespeares "Hamlet" ohne der Rolle des Prinzen von Dänemark. Dieses Bonmot wird mehreren Ökonomen zugesprochen, erfunden hat es vermutlich der kanadische Monetarist David Laidler. Die Theorie der Geldpolitik hat im Laufe der Jahrzehnte den "Hamlet" mit und ohne den Prinzen aufgeführt. In den vergangenen Jahren blieb die Rolle unbesetzt, mittlerweile versuchen Ökonomen aber wieder, Hamlet in seinem eigenen Stück auftreten zu lassen.

Um die extremen Wandlungen der Theorie der Geldpolitik zu zeigen, lohnt es sich, mit Milton Friedmans Monetarismus zu beginnen. In ihm spielte das Geld eine entscheidende Rolle. Von der alten Quantitätstheorie ausgehend, postulierte Friedman, dass die Änderungen des nominalen Bruttoinlandsprodukts (BIP) wesentlich durch Veränderungen der Geldmenge bestimmt würden. Das nominale BIP errechnet sich aus dem Preisniveau und dem realen BIP. Da das Wachstum des realen BIP wesentlich von realwirtschaftlichen Größen wie dem Arbeits- und dem Kapitaleinsatz und dem technischen Fortschritt abhängt, bestimmen Veränderungen der Geldmenge vor allem das Preisniveau. "Inflation ist immer und überall ein monetäres Phänomen", postulierte Friedman.

Daraus leitete sich eine einfache Handlungsanweisung für die Geldpolitik ab: Sie sollte die Geldmenge mit jener Rate wachsen lassen, die das reale Wirtschaftswachstum finanzierte und ansonsten ein stabiles Preisniveau garantierte. Dafür bräuchte man in der Theorie überhaupt keine Zentralbank: Mit der ihm eigenen Neigung zur Überpointierung wies Friedman darauf hin, dass auch ein in der Regierung befindlicher Computer die Geldversorgung steuern könne. In der Praxis ist es bei Zentralbanken geblieben.

Die Zentralbank kann die Geldmenge nicht exakt steuern

Die Erfahrungen mit dem Monetarismus waren derart ernüchternd, dass er bald theoretisch und politisch ausgedient hatte. Zentralbanken, die in den achtziger Jahren Geldmengensteuerung probierten, rückten von dem Konzept rasch wieder ab. Lediglich die Deutsche Bundesbank blieb dem Konzept offiziell verhaftet, doch richtete sie ihre Politik in der Praxis an vielerlei Indikatoren aus.

Die Achillesferse des Monetarismus war die Annahme, die Zentralbank könne die für die Steuerung des Preisniveaus relevante Geldmenge steuern: Die Deregulierung der Finanzmärkte schuf geldähnliche Produkte wie Geldmarktfonds, die eine schlüssige und über den Zeitablauf zuverlässige Definition der relevanten Geldmengendefinition nicht zuließen. Die Geldmenge bestimmte sich in der Praxis nicht nur aus den Aktionen der Zentralbank, sondern auch aus den Handlungen der Geschäftsbanken sowie der Unternehmen und der Konsumenten. Überraschend kam das höchstens für Monetaristen: Dass die Deregulierung der Finanzmärkte der Geldmengensteuerung den Garaus machen würde, hatte sehr früh Paul Samuelson seinem Nobelpreisträgerkollegen Milton Friedman vorausgesagt.

Die ökonomische Forschung nahm Abschied vom Monetarismus - und schüttete das Kind mit dem Bade aus. In den seit einigen Jahren populären und sogenannten neokeynesianischen makroökonomischen Modellen spielt das Geld für die Geldpolitik überhaupt keine Rolle mehr. Der Begriff "keynesianisch" bedeutet in diesem Zusammenhang, dass in den Modellen Preise nicht immer flexibel reagieren. Der bedeutendste Vertreter dieser Richtung ist der amerikanische Ökonom Michael Woodford; der Grundgedanke reicht aber zurück auf rund 30 Jahre alte Arbeiten des Amerikaners John Taylor. In den Mittelpunkt des Augenmerks rückte statt der Geldmenge der Zins.

Die Lehrbücher werden inzwischen von „neokeynesianischen“ Modellen dominiert

Die Grundstruktur dieser Modelle ist nicht schwierig, wenn auch vielleicht etwas gewöhnungsbedürftig. Die Inflationsrate bestimmt sich nicht mehr aus der Geldmenge, sondern durch die von den Wirtschaftsteilnehmern erwartete Inflationsrate und die sogenannte "Produktionslücke" (output gap). Die Produktionslücke beschreibt die Differenz zwischen dem potentiellen Wirtschaftswachstum, das angibt, wie schnell die Wirtschaft im Optimalfall inflationsfrei wachsen könnte, und dem tatsächlichen Wirtschaftswachstum. Die Produktionslücke bestimmt sich aus der von den Wirtschaftsteilnehmern erwarteten Produktionslücke sowie dem Realzins.

Aus diesem Grundmodell lassen sich zinspolitische Handlungsanweisungen für die Zentralbank ableiten. Wenn die Wirtschaft langsamer wächst als im Optimalfall, senkt die Zentralbank ihren Leitzins. Daraufhin sinkt auch der Realzins, was die Konjunktur anregt: Die Produktionslücke wird geschlossen, und die Inflationsrate steigt. Umgekehrt verläuft der Prozess bei Steigerungen der Leitzinsen. Man braucht keinerlei Rückgriff auf Geldmengen, um die Inflation zu erklären; der Mechanismus beruht auf Veränderungen des Realzinses. Wie es so geht, wurden diese Modelle im Laufe der Zeit verfeinert. Seit rund 15 Jahren werden die Lehrbücher der Makroökonomik von diesen "neokeynesianischen" Modellen dominiert. Widerstand gegen diese Vorstellung einer "Geldpolitik ohne Geld" leisteten noch ein paar versprengte Altmonetaristen in der Wissenschaft sowie die Europäische Zentralbank in der Praxis. Eine Sorge bestand darin, dass bei dieser Art Geldpolitik die Inflationsbekämpfung in den Hintergrund rücken könnte.

Diese Bedenken haben sich zwar nicht bestätigt, aber ein Problem bei der Anwendung dieser neokeynesianischen Modelle ist leicht zu sehen: die Prognose der Produktionslücke durch die Konjunkturforschung. Hier hat es in den vergangenen Jahren zum Teil erschütternde Fehleinschätzungen gegeben. Das wirft die Frage auf, ob die Geldpolitik sich alleine an neokeynesianischen Modellen ausrichten soll oder ob eine ergänzende Betrachtung monetärer Indikatoren in diesen Modellen nicht zusätzliche Erkenntnisgewinne verspricht. Zum zweiten wirft auch die Entstehung der Finanzmarktkrise Fragen auf: Wenn eine Zentralbank auch einen Blick auf die Entwicklung an den Finanzmärkten werfen sollte, könnten Daten aus der Geldmengen- und Kreditmengenanalyse wertvolle Informationen liefern. Die Zukunft gehört möglicherweise einer um monetäre Aspekte angereicherten neokeynesianischen Theorie.

Günter Beck / Volker Wieland: Central Bank Misperceptions and the Role of Money in Interest Rate Rules. ECB Working Paper. November 2008

Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1960, Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für den Finanzmarkt.

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