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Veröffentlicht: 08.06.2014, 19:34 Uhr

Zuwanderung Wie lässt sich die Armut in der Welt abbauen?

Viele Menschen könnten der bitteren Armut entkommen, in der sie leben, wenn sie überall auf der Welt ihre Arbeit anbieten dürften. Wer staatliche Zuwanderungsschranken verteidigt, argumentiert gegen die Freizügigkeit. Kann man das verantworten?

von Erich Weede
© AFP Zaun der Hoffnung: Menschen versuchen die Grenze zwischen Marokko und der spanischen Eyklave Melilla zu überwinden.

Die Ungleichheit zwischen armen und reichen Menschen in der Welt ergibt sich teils aus der Ungleichheit der Einkommensverteilungen innerhalb von Volkswirtschaften, teils aus der Ungleichheit zwischen armen und reichen Ländern. Zwar nimmt die Ungleichheit der Einkommensverteilungen in vielen Ländern zu, aber die Ungleichheit zwischen armen und reichen Ländern nimmt eher ab, weil gerade einige der volkreichsten Länder (wie China, immer noch auch Indien) viel schneller als der reiche Westen wachsen. Auch heute noch dürfte die Ungleichheit zwischen den Volkswirtschaften die wichtigere Determinante der Ungleichheit zwischen den Menschen in der Welt sein als die Ungleichheit innerhalb der Volkswirtschaften.

Das legt ein Gedankenexperiment nahe: Wenn jeder Mensch unabhängig von Herkunft, Staatsbürgerschaft oder sonstigen staatlichen Restriktionen überall seine Arbeitskraft anbieten dürfte, dann müsste die Länderkomponente der Ungleichheit zwischen den Menschen deutlich an Gewicht verlieren, dann könnten viele Menschen schon bald bitterer Armut entkommen. Umsiedlungskosten und Sprachbarrieren würden den Trend zur Angleichung der Arbeitseinkommen zwischen den Ländern verlangsamen, aber den Trend gäbe es. Für Müllmänner und Putzfrauen aus Kalkutta, Lagos oder Casablanca wäre zweifellos schon die Hälfte der ortsüblichen Löhne in Zürich, Paris oder Frankfurt recht attraktiv. Je ernsthafter man das Problem der weltweiten Armut durchdenkt, desto weniger kann man sich von mehr Entwicklungshilfe versprechen. Noch nicht einmal der Freihandel zwischen den Nationen kann so schnell so viel verändern wie Freizügigkeit. Wer staatliche Zuwanderungsschranken in reichen Ländern gegen Armutszuwanderung verteidigt, der argumentiert gegen die am schnellsten wirksame denkbare Maßnahme zum Abbau der Armut in der Welt. Kann man das verantworten?

Eine denkbare Verteidigungslinie gegen die Forderung nach bedingungsloser Öffnung der Grenzen der reichen Länder für arme Zuwanderer ist, dass man offen zugibt, dass jeder sich selbst der Nächste ist, dass die Bürger und Wähler der westlichen Wohlstandsinseln schon mit Rücksicht auf ihre einkommensschwächsten Mitglieder einen bedingungslosen Zuzug nicht zulassen können. Solche Argumente implizieren bei den Armen der reichen Länder rein eigennütziges Denken, bei den Reichen der reichen Länder aber eine problematische Grenze von Mitmenschlichkeit und Altruismus oder eine dualistische Ethik: Auf die Landsleute, die sich keinen Neuwagen, sondern nur einen Gebrauchtwagen leisten können, nimmt man Rücksicht, auf Fremde aber nicht, obwohl denen manchmal die zweite Mahlzeit am Tag fehlt. Eine Argumentation, die auf Eigennutz und dualistischer Ethik aufbaut, wird bei vielen Menschen einen unangenehmen Nachgeschmack oder ein schlechtes Gewissen hinterlassen. Denn wir Menschen sind etwas altruistischer, als es einfache Versionen der ökonomischen Theorie behaupten.

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