10.10.2009 · Millionen Zuwanderer sind am Arbeitsmarkt nicht unterzubringen. Darunter ist Dilek, eine von Thilo Sarrazins Kopftuchmüttern. Ihre Kinder aber könnten Deutschland durchaus voranbringen.
Von Inge KloepferDilek liest keine deutschen Zeitungen. Sie könnte das gar nicht. Sie wäre wahrscheinlich froh, wenn sie den einen oder anderen Artikel in der türkischen „Hürriyet“ verstünde. Aber auch die liest sie nicht; Zeitunglesen - das hat sie nie gelernt. Sie hat überhaupt kaum etwas gelernt in ihrem Leben - von Hausarbeit einmal abgesehen, für die sie nach fünf Jahren von ihrer Mutter aus der Dorfschule genommen wurde.
Dilek weiß natürlich nicht, dass es in Deutschland eine Bundesbank gibt, in deren Direktorium es den ehemaligen Berliner Finanzsenator Thilo Sarrazin verschlagen hat. Und schon gar nicht hat sie mitbekommen, dass der sich in abfälliger Form über ihresgleichen geäußert hat. Sie weiß auch nicht, dass sich die Gebildeten unter ihren Landsleuten derzeit über die Äußerungen des streitbaren, frisch gekürten Notenbankers genauso aufregen wie die politische Elite Deutschlands. Und dass derweil Teile der deutschen Öffentlichkeit, die sich ums politisch Korrekte so wenig schert wie der frühere Finanzsenator, diesem ziemlich ungeteilt applaudieren.
Dilek ist 27 Jahre alt und seit zehn Jahren hier
Dilek ist eine von Sarrazins Kopftuchmüttern, die „ständig neue kleine Kopftuchmädchen“ produzieren. Die junge Türkin von der syrisch-türkischen Grenze ganz im Südosten des Landes ist vor zehn Jahren mit 17 als Braut nach Deutschland gekommen und gehört damit zu jener Gruppe von Migranten, die Sarrazin, wie er dem Berliner Magazin „Lettre International“ vor ein paar Tagen in einem Interview gestand, am liebsten in „osteuropäische Juden“ tauschen würde. Die nämlich seien mit einem „15 Prozent höheren IQ als dem der deutschen Bevölkerung“ gesegnet.
Was sich der ehemalige Berliner Finanzsenator wünscht, ist das eine. Seine Bestandsaufnahme über den Grad der Integration bestimmter Migrantengruppen in Deutschland und vor allem in Berlin ist etwas anderes. Und die ist nicht ganz falsch, vor allem dann nicht, wenn man Integration ausschließlich auf den Beitrag des einzelnen Migranten zur Wertschöpfung reduziert, so wie Sarrazin es tut.
Mit ein paar Zahlen ist das Ganze erklärt: Hierzulande leben 15,3 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund, 8,6 Millionen von ihnen haben einen deutschen Pass. Die größte Gruppe sind die osteuropäischen Aussiedler. Die zweitgrößte bilden mit fast drei Millionen die Türken. Sieben Prozent der Migranten kommen aus dem ehemaligen Jugoslawien, 5 Prozent aus dem Nahen Osten. Türken, Jugoslawen und Araber gehören zu jenen, die sich mit der Integration - aus welchen Gründen auch immer - besonders schwertun. Mehr als jeder dritte Araber, fast jeder vierte Türke und jeder Fünfte aus dem ehemaligen Jugoslawien hat keinen Job und lebt von staatlichen Transfers. Bei den Jugendlichen sieht es noch schlechter aus, was angesichts der geringen Bildungserfolge kaum verwundert. Kurz: Rund 4,5 Millionen Zuwanderer sind am Arbeitsmarkt nicht unterzubringen.
Bedarf an Arbeitskräften aus dem Ausland überschätzt
Kaum integriert, kosten sie Deutschland Jahr für Jahr wahrscheinlich 12 bis 16 Milliarden Euro, wenn man die dem Staat dadurch entgehenden Steuereinnahmen und Sozialversicherungsbeiträge in die Rechnung einbezieht. Ganz so genau aber weiß das niemand. Nur glauben jetzt alle zu wissen, dass solche wie zum Beispiel Dilek und die anderen türkischen 500.000 Bräute, die über die Jahrzehnte nach Deutschland übersiedelten und sich vermehrten, besser in ihren Ländern geblieben wären.
Das sind sie aber nicht. Schließlich wurden ihre Ehemänner und Schwiegerväter einst geholt, um den kurzfristigen Engpass an einfachen Arbeitskräften zu überbrücken. So jedenfalls dachten die Politiker damals, als sie in den fünfziger Jahren mit Anwerbeverträgen Arbeiter aus Italien und Spanien nach Deutschland lockten und in den Sechzigern aus Griechenland, der Türkei, Marokko, Tunesien und Jugoslawien. Zum Zeitpunkt des Anwerbestopps 1973 arbeiteten bereits 2,6 Millionen „Gastarbeiter“ in Deutschland. Dileks Schwiegervater war so einer, der mit wenig Gepäck und großen Erwartungen dem deutschen Werben folgte.
Fatalerweise haben die Politiker von damals den langfristigen Bedarf an einfachen ausländischen Arbeitskräften erheblich überschätzt. Denn deren wirtschaftlicher Nutzen - und nur auf den hatte man die Fremden reduziert - blieb temporär. Die Hoffnung, die millionenfach angeworbenen Arbeitskräfte mit ihren überwiegend geringen Qualifikationen würden nach ein paar Jahren wie von selbst verschwinden, entpuppte sich als große Illusion. Keiner hatte an die Menschen gedacht und in Betracht gezogen, dass diese sich hier auf Dauer niederlassen könnten; dass sie Kinder bekämen, ihre Kultur, ihre Religion und ihre Familienstrukturen nach Deutschland importierten und dazu noch Sozialhilfe in Anspruch nähmen. So wie Dileks Schwiegervater, der seine Frau nach Deutschland holte. Dileks Mann ist hier aufgewachsen, er ist einer der zweiten Generation, hat immerhin einen Berufsabschluss und eine On-and-off-Beziehung zum ersten Arbeitsmarkt. Zusammen mit ihm hat Dilek inzwischen drei Kinder. Die Älteste ist sieben. Mehr, sagt sie, sollen es auch nicht werden.
Dileks Schwiegereltern sind fast 40 Jahre hier. Dass deutsche Politiker begonnen haben, sich über ihre Integration Gedanken zu machen, ist keine zehn Jahre her. Bis zur Jahrtausendwende hatte man schlicht ignoriert, dass die Zuwanderung von Millionen Menschen unterschiedlicher ethnischer Herkunft die Gesellschaft der Bundesrepublik immer nachhaltiger prägte. Man dachte schließlich, dass sie nicht bleiben. Und als sie blieben, wollte niemand etwas von Integrationsproblemen wissen. Dass Deutschland längst ein Einwanderungsland geworden ist, war bis zur Jahrtausendwende ein Tabu.
Lange Zeit wusste keiner so genau, wie viele Menschen nichtdeutscher Herkunft überhaupt in Deutschland lebten; Daten waren über Jahrzehnte nicht verfügbar. Man unterschied nur zwischen Ausländern und Deutschen und war bei den Erhebungen des Mikrozensus lange nicht darauf gekommen, nicht nur nach der Nationalität, sondern auch nach der Abstammung zu fragen.
Die Gesellschaft der Multi-Minoritäten
Inzwischen ist man schlauer. Und man weiß auch, trotz abnehmender Bevölkerung: Die Zahl der Zuwanderer steigt, und nur die Zahl der Einheimischen sinkt. Man hat eingesehen, dass es ein kardinaler Fehler war, sich über Jahrzehnte um die Frage der gesellschaftlichen Integration nicht zu kümmern. Bereits in fünf Jahren wird in jeder deutschen Großstadt im Durchschnitt die Hälfte der Grundschulkinder nichtdeutscher Herkunft sein. Deutschland wird eine Multi-Minoritäten-Gesellschaft werden. Die deutsche Ethnie wird auf lange Sicht vielerorts auf eine der großen Minderheiten schrumpfen. So wird es aussehen - ob es dem Notenbanker Sarrazin gefällt oder nicht. Über die letzten Jahre ist allerdings nicht nur die Einsicht in die Notwendigkeit von Integrationsbemühungen gewachsen.
Gewachsen sind auch die Ressentiments, die Sarrazin mit seinen deftigen Aussprüchen weiter schürt. Auf beiden Seiten. Integration misslingt nicht ausschließlich nur, weil Teile der Zuwanderer den deutschen Staat ablehnen. Wissenschaftler haben längst nachgewiesen, dass vor allem junge türkischstämmige Erwachsene bei gleicher Qualifikation wie ihre deutschen Altersgenossen auf dem Arbeitsmarkt deutlich schlechtere Chancen haben. Auch das gibt es. Die ethnische und soziale Herkunft begründet den Makel, weil zu viele von den Nichtmigranten wohl kaum anders denken als Berlins ehemaliger Finanzsenator. Diskriminierung findet allerorten statt - und ist wie seinerzeit das Integrationsproblem an sich tabu. In Dileks Bekanntenkreis gibt es Migranten, die sich nicht integrieren wollen, und solche, denen es nicht gelingt, weil man sie nicht will.
Erst seit zwei Jahren gibt es einen echten Plan
Seit gerade einmal zwei Jahren, mehr als ein halbes Jahrhundert nach der ersten Anwerbung der Gastarbeiter, versucht Deutschland, die Integration der Zugewanderten mit einem „Nationalen Integrationsplan“ vergleichsweise systematisch anzugehen, und lässt sich dies einiges kosten. Weit mehr als eine Milliarde Euro geben Bund, Länder und Gemeinden jährlich unmittelbar dafür aus, dass Zuwanderer und ihre Kinder den Weg in die Gesellschaft finden. Allein vom Bund ergießen sich 750 Millionen Euro jährlich wie warmer Regen über eine bereits kräftig florierende Migrationsindustrie. Integrationskurse werden angeboten und Hunderte von anderen Maßnahmen, deren Wirkung oft schwer zu greifen ist.
Eine halbe Million Migranten wurden seit 2005 durch Deutschkurse geschleust, die Mehrzahl, aber längst nicht alle mit Erfolg. Die Erwartungen sind hoch. Erfolge sind mühsam. Die Ersten wettern - wie Thilo Sarrazin -, als ob sich in ein paar Jahren bewältigen ließe, was man ein halbes Jahrhundert nicht wahrhaben wollte. Das ist die nächste Illusion. Besser wäre es gewesen, der Notenbanker Sarrazin hätte vor 30 Jahren schon mal ordentlich gebrüllt und damit Politiker und die Öffentlichkeit aus ihrem Schlaf gerüttelt. Doch das hat er nicht, und wenn, dann viel zu leise. Immerhin - ein paar Fortschritte zeigen sich doch. Die Zahl der Schulabbrecher sinkt, mehr Kinder besuchen einen Kindergarten. Immer wieder gibt es auch Rückschläge. Integration ist keine Angelegenheit von ein, zwei Jahren.
Dilek, diese freundliche Kopftuchmutter, die nach der Einschätzung Sarrazins vielleicht besser gar nicht gekommen wäre, ist seit zehn Jahren in Deutschland. Bemerkt haben sie wahrscheinlich nur ein paar Verwaltungsangestellte. Es hat auch nie jemand nach ihr gefragt. Sie war einfach unsichtbar. Aber jetzt, nach einem Jahrzehnt, hat sie sich auf den Weg gemacht, mit kleinen Schritten bewegt sie sich auf die Gesellschaft zu. Sie lernt jetzt Deutsch. Auf die Idee ist sie selbst gekommen, weil sie die Lehrerin ihrer Tochter nicht verstand. In der Moschee hat sie die Hodscha um Rat gefragt. Und die hat ihr gesagt, dass es die neuen Kurse gibt, in denen das Deutschlernen fast nichts kostet. Heute, nach fast 900 Unterrichtsstunden, weiß sie, was bei den Kindern in der Schule nicht klappt.
Sie spricht noch nicht fließend; und integriert ist sie noch lange nicht. Doch hat sie längst verstanden, dass es um die gesellschaftlichen Chancen ihrer Kinder geht.
Wenn in 15 Jahren auch das jüngste ihrer drei Kinder eine Ausbildung gemacht hat, dann ist ein Vierteljahrhundert verstrichen, seit Dilek aus der tiefsten Türkei nach Deutschland geholt wurde. Erst dann wären ihre Kinder an einem Punkt, an dem sich nach Meinung des unerschrockenen Berliner Finanzsenators a. D. „der Rest“ - er meint die gesellschaftliche Integration - von selbst erledigt. Er hätte sicher nicht so lange warten wollen. Doch manch ein Unternehmer wird dann froh sein, dass Dilek nicht vor Jahren an der deutschen Grenze umkehren musste.
Inge Kloepfer Jahrgang 1964, Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
Jüngste Beiträge