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Zuwanderung : Inder sind billiger als Kinder

Bild: F.A.Z.

Zuwanderer sind ein gutes Geschäft: Ihre Ausbildung haben andere bezahlt, ihre Arbeitskraft bringt Steuern und Wachstum. So günstig macht es der eigene Nachwuchs nicht. Eine provokante Bilanz.

          Die deutschen Firmen klagen über den Fachkräftemangel, Wirtschaftsminister Rainer Brüderle will die Zuwanderung von Fachkräften erleichtern – doch in der vergangenen Woche wurde er von seinen eigenen Koalitionskollegen gebremst. Die Koalitionsrunde konnte sich nicht auf ein neues Konzept einigen – und die CSU schürte die Angst, Einwanderung werde den deutschen Staat enorme Summen kosten. „Eine Einwanderung in die Sozialsysteme ist mit uns nicht zu machen“, sagt der Chef der CSU-Gruppe in Berlin, Hans-Peter Friedrich.

          Patrick Bernau

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft Online.

          Doch neue Zahlen zeigen: Die meisten Einwanderer kosten den Staat gar nicht so viel. Sie zahlen sogar so viele Steuern und Sozialbeiträge, dass der deutsche Staat an der Zuwanderung verdient – umso mehr, wenn er die Zuwanderung richtig steuert.

          Migranten in profitablem Alter

          Die Zahlen stammen vom „Forschungszentrum Generationenverträge“ an der Universität Freiburg, das von dem renommierten Finanzwissenschaftler Bernd Raffelhüschen geleitet wird. Die Wissenschaftler an diesem Institut haben eine Bilanz der Migration gezogen: Sie haben ausgerechnet, wie viel Geld Deutsche und Zuwanderer in Form von Steuern und Sozialabgaben an den Staat zahlen – und wie viel sie über Rente, Arbeitslosengeld und andere Sozialleistungen wieder zurückbekommen.

          Bild: F.A.Z.

          Sogar Bildungsausgaben sind berücksichtigt. Für diese Zeitung haben die Forscher addiert, wie viel ein Zuwanderer, der in seinen Zwanzigern nach Deutschland kommt und hier bleibt, der Staatskasse im Lauf seines Lebens durchschnittlich einbringt: mehr als 40.000 Euro. Von diesem Geld lässt sich so mancher Integrationskurs bezahlen. In genau diesem profitablen Alter sind die meisten Migranten: 40 Prozent sind zwischen 20 und 30, wenn sie nach Deutschland einreisen.

          Kein Kindergeld, weniger Rente

          Klar ist: In den vergangenen Jahren haben durchschnittliche Einwanderer pro Jahr weniger an den Staat bezahlt als durchschnittliche Deutsche – allein weil viele Einwanderer der vergangenen Jahrzehnte nicht besonders gut ausgebildet waren. Trotzdem hat der Staat an ihnen verdient. Das zeigt sich, wenn man das ganze Leben der Einwanderer betrachtet. Wenn sie mit 20 oder 30 nach Deutschland kommen, muss der deutsche Staat für sie keine Lehrer und kein Kindergeld bezahlen. Und wenn sie alt werden, bekommen sie auch weniger Rente. Damit stehen die Zuwanderer deutlich besser da als der durchschnittliche Deutsche: Wenn der auf die Welt kommt, kann er mit rund 28 000 Euro vom Staat rechnen. Der Staat bezahlt das, indem er sich verschuldet.

          Nicht jeder Zuwanderer bringt Geld; im Durchschnitt über alle Altersklassen bekommen auch Zuwanderer bis zu 6000 Euro vom Staat, haben die Forscher ausgerechnet

          Immigranten als Lastenträger

          Doch das ändert sich, wenn der Staat künftig mehr hochqualifizierte Einwanderer zulässt. Außerdem schultern auch wenig Qualifizierte Deutschlands enorme Staatsschulden. Das ist wichtig, denn Deutschland ächzt schon unter den Zinszahlungen der Schulden, da die Bevölkerung schrumpft und weniger Menschen die Zinsen bezahlen können. Auch hierbei helfen Immigranten, denn sie kommen in ein verschuldetes Land, erhalten relativ wenig Geld und tragen einen Teil der bestehenden Lasten.

          Für Deutschlands Kampf gegen die Demographieprobleme bringen sie mehr als neugeborene Kinder. Würde Deutschland jährlich 200 000 Einwohner durch Zuwanderung gewinnen, müsste der Staat bis 2050 jedes Jahr 4,2 Prozent der Wirtschaftsleistung für die Sozialsysteme sparen. Gewinnt Deutschland diese Menschen durch zusätzliche Geburten, bleibt ein Sparbedarf von 4,7 Prozent, wie Bernd Raffelhüschen mit seinen Kollegen Christian Hagist und Stefan Moog ausgerechnet hat.

          Kein Effekt auf Arbeitslosigkeit

          Gerechnet haben sie für die liberale Stiftung Marktwirtschaft; die Werte entsprechen ungefähr denen, die andere Forscher für frühere Jahre ermittelt hatten. Diese Zahlen beziehen sich zwar noch auf den Staatsschuldenstand von 2006, heute muss der Staat mehr sparen. „Aber die Ergebnisse der Migrationsstudie bleiben gültig“, sagt Christian Hagist.

          Es bleibt der Schluss: Inder statt Kinder. „Mit Geburten ist das demographische Problem schwer in den Griff zu kriegen.“ Das ist wichtig für die Steuerzahler – doch es bedeutet noch nicht, dass sie auch tatsächlich profitieren. Schließlich bleibt die Angst, dass Zuwanderer Arbeitsplätze besetzen. Doch diese Angst ist unbegründet, glaubt Holger Bonin, Leiter der Arbeitsmarkt-Forschung am Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung in Mannheim. Er hat die Ergebnisse von 22 Jahren Immigration in Deutschland erforscht – vor und nach der Wiedervereinigung. Am Ende fand er keinen statistisch nachweisbaren Effekt der Zuwanderung auf die Arbeitslosigkeit. Nur die Löhne gerieten unter Druck – ein bisschen. Bonin rechnete aus: Wenn 200 000 Leute mehr ein- als auswandern, fällt die nächste Lohnerhöhung im Durchschnitt um 0,1 Prozentpunkte kleiner aus.

          Zwei Gewinner der Einwanderung

          „Am Stammtisch denken die Leute, es gäbe eine feste Zahl an Jobs“, sagt Bonin. „Aber das stimmt nicht.“ Gerade Zuwanderer fänden immer neue Nischen und suchten sich Arbeitsplätze dort, wo kein Einheimischer arbeiten möchte. „Außerdem schaffen die Zuwanderer ja auch Konsumbedürfnisse“, erklärt Bonin – und so schaffen sie ihrerseits Arbeitsplätze. Am Ende gibt es in Deutschland zwei klare Gewinner der Einwanderung, resümiert Bonin: die Firmen und den Staatshaushalt. Der durchschnittliche Deutsche verliert immerhin nichts.

          Das allerdings, und da sind sich die Ökonomen einig, steht unter einer Voraussetzung: Spätestens die Kinder der Zuwanderer müssen sich gut in die deutsche Gesellschaft integrieren. „Wenn man davon ausgeht, dass die Kinder schlecht integriert sind, steigen die Lasten“, sagt der Freiburger Forscher Christian Hagist. Deshalb fordert er: Deutschland muss sich seine Einwanderer aussuchen. Am profitabelsten sind die gut ausgebildeten, jungen.

          Quelle: F.A.Z.

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