06.04.2010 · Die Zeitarbeitsbranche habe zu Unrecht einen schlechten Ruf als Lohndrücker, sagt Andreas Dinges, deutscher Geschäftsführer des Weltmarktführers Adecco. Im F.A.Z.-Interview fordert er einen Mindestlohn - vor allem mit Blick auf die Öffnung des Arbeitsmarktes für Osteuropäer.
Die Zeitarbeitsbranche habe zu Unrecht einen schlechten Ruf als Lohndrücker, sagt Andreas Dinges, deutscher Geschäftsführer des Weltmarktführers Adecco. Er fordert einen Mindestlohn - vor allem mit Blick auf die Öffnung des Arbeitsmarktes für Osteuropäer.
Herr Dinges, warum wird Zeitarbeit in Deutschland immer noch vor allem mit Ausbeutung und Dumping-Löhnen in Verbindung gebracht?
Wir waren ja auf einem ganz guten Weg, haben im Aufschwung Hunderttausende Arbeitsplätze geschaffen. Aber dann kam zunächst die Skandalisierungskampagne der IG Metall. Die schoss übers Ziel hinaus und hat die Branche ohne Differenzierung in ein negatives Licht gerückt. Doch zuletzt schadete vor allem eines: die Konzernleihe. Zeitarbeit darf keinesfalls – wie jüngst geschehen – eingesetzt werden, um die Löhne und Gehälter des Stammpersonals zu drücken. Solche Fälle sind Ausnahmen und haben mit unserem Geschäftsmodell nichts zu tun. Leider wird in der Öffentlichkeit sehr stark pauschaliert.
Sie spielen auf die Vorfälle um die Drogeriemarktkette Schlecker an. Aber DAX-Konzerne wie die Bahn, Volkswagen und die Telekom haben auch eigene Zeitarbeitsfirmen mit vielen Tausend Mitarbeitern. Warum regt das Niemanden auf?
Diese Unternehmen haben einen gewissen Marktzugang und verleihen ihre Mitarbeiter auch an Dritte, etwa an Zulieferer. Zeitarbeit wird hier nicht genutzt, um Stammpersonal erst zu entlassen und dann günstiger wieder einzustellen.
Müssen Strohmann-Praktiken à la Schlecker nicht gesetzlich verhindert werden? Die Bundeskanzlerin droht schon mit einer „Lex Schlecker“.
Ich glaube an die Tarifautonomie. Wir haben gerade einen neuen Tarifvertrag mit dem Deutschen Gewerkschaftsbund unter Dach und Fach gebracht, der eine entsprechende Ausschlussklausel enthält. Außerdem sieht die Einigung innerhalb von drei Jahren exorbitante Lohnsteigerungen vor: in der Eingangsentgeltgruppe mehr als 10 Prozent im Westen und sogar mehr als 15 Prozent im Osten. Und das in einer Zeit, in der sich viele Tarifverhandlungen vor allem um Beschäftigungssicherung drehen.
Sie fordern von der Politik, die unteren Lohngruppen von 8,19 Euro je Stunde im Westen und 7,50 Euro im Osten zum Branchenmindestlohn zu machen. Sie schaffen es also doch nicht alleine?
Doch, aber damit würde Lohndumping-Fällen endgültig ein Riegel vorgeschoben. Wichtiger ist aber noch, dass im Mai 2011 die Arbeitnehmer aus den osteuropäischen EU-Ländern freien Zugang auf den deutschen Arbeitsmarkt haben werden. Ohne Mindestlohn droht ein riesiges Chaos am Arbeitsmarkt.
Sie wollen also den Markt gegen neue Wettbewerber abschotten?
So würde ich das nicht sehen. Wir haben doch jetzt schon eine Riesendebatte über das Thema Geringverdienende und Sozialleistungen. Ich glaube, es liegt in der Verantwortung aller Akteure am Arbeitsmarkt, dass wir verhindern, dass sich Niedriglöhne ungesteuert ausbreiten, derer wir nicht mehr Herr werden können.
Über welche Lohnniveaus reden wir?
Das kann schon unter 5 Euro in der Stunde liegen.
Bedeutet freie Marktwirtschaft also, dass westliche Zeitarbeitskonzerne Osteuropas Märkte erschließen, wir ihnen umgekehrt aber ihren Wettbewerbsvorteil – niedrige Lohnkosten – verwehren?
Wir wollen doch nur verhindern, dass wir in Deutschland ein Chaos in der Lohngestaltung erleben und eine Spirale nach unten starten. Was Adecco angeht, haben wir lokale und regionale Organisationen in Osteuropa, die zu dortigen Konditionen arbeiten. Was wir nicht machen, ist die Arbeitskräfte von dort in Hochlohnländer zu exportieren.
Sie schließen mit dem DGB Tarifverträge ab und kämpfen gemeinsam für einen Branchenmindestlohn, werden aber von seinen Mitgliedern hart attackiert. Wie passt das zusammen?
Unterhalb dieser Führungsebene funktioniert der Dialog ja ganz gut. Aber ich erwarte schon, dass man ein Verhandlungsergebnis auch respektiert und es nicht ein paar Tage später wieder schlechtredet. Mir ist eines wichtig: Das endlich erkannt wird, dass Zeitarbeit notwendig ist, um Deutschland langfristig für den Wettbewerb fit zu machen. Eine abermalige Regulierung wäre für den Wirtschaftsstandort nachhaltig schädlich.
Genau das fordert die SPD in ihrem neuen Arbeitsmarktprogramm aber und will etwa die Einsatzdauer von Zeitarbeitern wieder befristen. Was bedeutet das?
Das ist eine Rolle rückwärts der SPD, von der ich gar nichts halte. Die Schröder-Regierung hat damals bewusst die Möglichkeit für die Zeitarbeit geschaffen, mehr Arbeitslose zu rekrutieren. Genau das machen wir auch: Zwei Drittel unserer Beschäftigten waren vorher arbeitslos, jeder Sechste sogar länger als ein Jahr.
Warum kriegen Sie diese schwierige Klientel besser in Beschäftigung als etwa die Arbeitsagenturen?
Wer lange arbeitslos war, bekommt von uns ein Coaching. Dort werden Sachen geübt wie frühes Aufstehen, pünktlich sein, gepflegt aufzutreten. Das klingt trivial, ist aber oft nötig. Viele Leute wissen auch nicht, wie man sich richtig bewirbt oder es fehlen Fachkenntnisse. Wir schulen die Leute. Für solche Maßnahmen geben wir Millionen aus. Danach haben wir gute Chancen, den Einzelnen zu vermitteln. Für unsere Kunden zählt in erster Linie die Qualifikation, die Vorgeschichte ist zweitrangig. Aber oft sind die Ansprüche einfach zu hoch: Wenig arbeiten und viel verdienen zum Einstieg – das geht selten. Wir machen den Leuten klar, dass es besser sein kann, etwas niedriger einzusteigen und sich dann durch Weiterbildung zu verbessern.
Gehen ihre Beschäftigungserfolge nicht zu Lasten der Stammbelegschaften?
Ach, das ist die alte Mär von der Verdrängung. Diese These wurde noch nie bewiesen und ist falsch. Der Anteil der Zeitarbeiter an allen Beschäftigten liegt in Deutschland heute bei etwa 1,6 Prozent, das ist extrem niedrig verglichen mit anderen Industriestaaten wie Frankreich, England oder den Niederlanden, wo der Anteil bis zu 5 Prozent geht. Das kann man doch nicht von Massenverdrängung sprechen. Im Gegenteil, der neue Bericht der Bundesregierung hat sogar bestätigt, dass keine Verdrängung erfolgt, sondern dort, wo Zeitarbeit eingesetzt wurde, die Stammbelegschaft eher aufgebaut wurde.
Die IG Metall spricht aber von Betrieben, in denen jeder Dritte ein Leiharbeiter ist.
Die gibt es, auch wir haben solche Kunden. Aber das sind wenige Ausnahmen. Fakt ist, dass viele Unternehmen in Deutschland keine Zeitarbeiter haben. Wer das Instrument nutzt, bewegt sich zwischen 5 und 15 Prozent. Wir sehen etwa 10 Prozent als ideal an.
Also haben die Gewerkschaften doch recht: Zeitarbeit nicht nur um Auftragsspitzen abzufedern, sondern auch als Flexibilitätspuffer für Krisenzeiten?
Beides ist wichtig. Unternehmen, die im internationalen Wettbewerb stehen, müssen rasch reagieren können. Bestes Beispiel in der Wirtschaftskrise ist die Automobilindustrie. Einige unserer Kunden haben ihren Zeitarbeiteranteil zwischenzeitlich komplett abgebaut, ihn mittlerweile aber wieder erhöht. Diese schnelle Anpassung hat auch die Stammbelegschaften geschützt.
Pech hatten nur die Zeitarbeiter, oder konnten Sie die woanders einsetzen?
Da wir in Deutschland anders als etwa in Frankreich ein ganz normaler Arbeitgeber sind, bleiben die Leute natürlich unsere Mitarbeiter, wenn sie vom Kunden zurückkommen. Deshalb haben wir auch ein großes Interesse daran, sie schnell wieder zu vermitteln, denn wir tragen das betriebswirtschaftliche Risiko. Die Weltwirtschaftskrise hat aber das Geschäftsmodell ausgehebelt, weil wir Hunderte oder sogar Tausende Mitarbeiter auf einen Schlag zurückbekamen. Vielen konnten wir neue Angebote machen, von einigen mussten wir uns aber trennen. Wir haben immer da wo möglich auch auf Kurzarbeit zurückgegriffen und hoffen, dass die Bundesregierung diese Möglichkeit über das laufende Jahr hinaus verlängert.
Das klingt alles sehr schön, aber die Wirklichkeit für den Zeitarbeiter sieht...
Max Meyer (Tommasch)
- 06.04.2010, 12:46 Uhr
Die „Zehn-Prozent-Grenze“ – bei den fest Beschäftigten
Herold Binsack (Devin08)
- 06.04.2010, 12:57 Uhr
Zeitarbeit ist oft Ausbeute
Tobias Brueggendick (PanzergrenadierBBC)
- 06.04.2010, 14:01 Uhr
Wir haben immer da wo möglich auch auf Kurzarbeit zurückgegriffen
Konrad Fit (Einstein-1)
- 06.04.2010, 14:07 Uhr
Seinem Geschäftsmodell nutzt der Mindestlohn - vordergründig.
Karl-Heinz Andresen (khaproperty)
- 06.04.2010, 14:09 Uhr
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