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Zeitarbeit „Ohne Mindestlohn droht ein Chaos“

Die Zeitarbeitsbranche habe zu Unrecht einen schlechten Ruf als Lohndrücker, sagt Andreas Dinges, deutscher Geschäftsführer des Weltmarktführers Adecco. Im F.A.Z.-Interview fordert er einen Mindestlohn - vor allem mit Blick auf die Öffnung des Arbeitsmarktes für Osteuropäer.

© Frank Röth/F.A.Z. Vergrößern Andreas Dinges

Die Zeitarbeitsbranche habe zu Unrecht einen schlechten Ruf als Lohndrücker, sagt Andreas Dinges, deutscher Geschäftsführer des Weltmarktführers Adecco. Er fordert einen Mindestlohn - vor allem mit Blick auf die Öffnung des Arbeitsmarktes für Osteuropäer.

Herr Dinges, warum wird Zeitarbeit in Deutschland immer noch vor allem mit Ausbeutung und Dumping-Löhnen in Verbindung gebracht?

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Wir waren ja auf einem ganz guten Weg, haben im Aufschwung Hunderttausende Arbeitsplätze geschaffen. Aber dann kam zunächst die Skandalisierungskampagne der IG Metall. Die schoss übers Ziel hinaus und hat die Branche ohne Differenzierung in ein negatives Licht gerückt. Doch zuletzt schadete vor allem eines: die Konzernleihe. Zeitarbeit darf keinesfalls – wie jüngst geschehen – eingesetzt werden, um die Löhne und Gehälter des Stammpersonals zu drücken. Solche Fälle sind Ausnahmen und haben mit unserem Geschäftsmodell nichts zu tun. Leider wird in der Öffentlichkeit sehr stark pauschaliert.

Sie spielen auf die Vorfälle um die Drogeriemarktkette Schlecker an. Aber DAX-Konzerne wie die Bahn, Volkswagen und die Telekom haben auch eigene Zeitarbeitsfirmen mit vielen Tausend Mitarbeitern. Warum regt das Niemanden auf?

Diese Unternehmen haben einen gewissen Marktzugang und verleihen ihre Mitarbeiter auch an Dritte, etwa an Zulieferer. Zeitarbeit wird hier nicht genutzt, um Stammpersonal erst zu entlassen und dann günstiger wieder einzustellen.

Müssen Strohmann-Praktiken à la Schlecker nicht gesetzlich verhindert werden? Die Bundeskanzlerin droht schon mit einer „Lex Schlecker“.

Ich glaube an die Tarifautonomie. Wir haben gerade einen neuen Tarifvertrag mit dem Deutschen Gewerkschaftsbund unter Dach und Fach gebracht, der eine entsprechende Ausschlussklausel enthält. Außerdem sieht die Einigung innerhalb von drei Jahren exorbitante Lohnsteigerungen vor: in der Eingangsentgeltgruppe mehr als 10 Prozent im Westen und sogar mehr als 15 Prozent im Osten. Und das in einer Zeit, in der sich viele Tarifverhandlungen vor allem um Beschäftigungssicherung drehen.

Sie fordern von der Politik, die unteren Lohngruppen von 8,19 Euro je Stunde im Westen und 7,50 Euro im Osten zum Branchenmindestlohn zu machen. Sie schaffen es also doch nicht alleine?

Doch, aber damit würde Lohndumping-Fällen endgültig ein Riegel vorgeschoben. Wichtiger ist aber noch, dass im Mai 2011 die Arbeitnehmer aus den osteuropäischen EU-Ländern freien Zugang auf den deutschen Arbeitsmarkt haben werden. Ohne Mindestlohn droht ein riesiges Chaos am Arbeitsmarkt.

Sie wollen also den Markt gegen neue Wettbewerber abschotten?

So würde ich das nicht sehen. Wir haben doch jetzt schon eine Riesendebatte über das Thema Geringverdienende und Sozialleistungen. Ich glaube, es liegt in der Verantwortung aller Akteure am Arbeitsmarkt, dass wir verhindern, dass sich Niedriglöhne ungesteuert ausbreiten, derer wir nicht mehr Herr werden können.

Über welche Lohnniveaus reden wir?

Das kann schon unter 5 Euro in der Stunde liegen.

Bedeutet freie Marktwirtschaft also, dass westliche Zeitarbeitskonzerne Osteuropas Märkte erschließen, wir ihnen umgekehrt aber ihren Wettbewerbsvorteil – niedrige Lohnkosten – verwehren?

Wir wollen doch nur verhindern, dass wir in Deutschland ein Chaos in der Lohngestaltung erleben und eine Spirale nach unten starten. Was Adecco angeht, haben wir lokale und regionale Organisationen in Osteuropa, die zu dortigen Konditionen arbeiten. Was wir nicht machen, ist die Arbeitskräfte von dort in Hochlohnländer zu exportieren.

Sie schließen mit dem DGB Tarifverträge ab und kämpfen gemeinsam für einen Branchenmindestlohn, werden aber von seinen Mitgliedern hart attackiert. Wie passt das zusammen?

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