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Gespräch mit Wolfgang Schäuble : Herr Schäuble erzählt vom Aufstieg

Die Politik darf im Wahlkampf nicht zu viele Versprechungen machen: Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble Bild: Andreas Pein

In Deutschland geht es im Großen und Ganzen gerecht zu, findet der Finanzminister. Im Interview spricht er über gefühlte Ungleichheit, Manager-Boni und die Unterschiede zur AfD.

          Herr Schäuble, Ihr Vater hat die Schule nach der mittleren Reife verlassen, Sie selbst haben es zum Bundesfinanzminister gebracht. Sie sind ein Aufsteiger.

          Ralph Bollmann

          Korrespondent für Wirtschaftspolitik und stellvertretender Leiter Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Rainer Hank

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Unsere Familiengeschichte ist eine, wie sie fürs 20. Jahrhundert typisch war. Mein Großvater war ein Arbeiter bei der Uhrenfabrik Junghans in Schramberg. Die Vermögensverhältnisse waren nicht so, dass mein Vater Abitur machen konnte. Deshalb hat er eine Lehre absolviert, sich zum kaufmännischen Leiter hochgearbeitet, sich als Steuerberater selbständig gemacht.

          War es von Anfang an klar, dass Sie aufs Gymnasium gehen?

          Aus dem bildungsbürgerlichen Anspruch meines Vaters war das selbstverständlich, auch für meine beiden Brüder. Wir waren ja alle in der Schule nicht schlecht. Bei meinem Vater galt das Prinzip: Durchschnitt haben wir genug.

          Gab es Diskussionen, ob Sie studieren dürfen?

          Wenn man Abitur machte, hat man hinterher auch studiert. Das war damals ganz normal. Am Ende haben die drei Söhne verwirklicht, was schon der Vater wollte, was ihm aber noch unerreichbar war. Offenbar hatte er mittelbar einen starken Einfluss, auch wenn er uns keine Vorschriften gemacht hat.

          Das Geld fürs Studium war da?

          Nicht sofort. Nach dem Abitur musste ich ein halbes Jahr als Praktikant bei der Sparkasse arbeiten, bis mein Bruder sein Examen fertig hatte. Zwei Söhnen zur gleichen Zeit das Studium zu finanzieren, das war ein bisschen viel.

          Mussten Sie während des Studiums jobben?

          In den Semesterferien habe ich in der Steuerkanzlei meines Vaters gearbeitet, für private Wünsche haben wir etwas Geld dazuverdient. Aber um die Grundversorgung hat sich der Vater gekümmert, das gehörte zu seinem Stolz. Um ein Stipendium haben wir uns nie bemüht, das wollte mein Vater nicht.

          Weil er fand: Man macht sich vom Staatsgeld nicht abhängig?

          Die Einstellung war: Das brauchen wir nicht, das machen wir selbst. Aber ich kann mich nicht beschweren. Es war eine kleinbürgerliche, kleinstädtische Atmosphäre. Wir litten keine Armut.

          Dann gingen Sie in die Finanzverwaltung. Weil Sie schnell ein sicheres Einkommen wollten?

          Ich wollte immer Anwalt werden, wie mein älterer Bruder. Der hatte mich bedrängt: Geh erst mal in die Steuerverwaltung, da bist du als Wirtschaftsanwalt noch mal besser qualifiziert. Das haben damals viele gemacht. Dann kam bei mir die Politik dazwischen.

          Sie haben gesagt, das ist eine Familiengeschichte aus dem 20. Jahrhundert. Heute sind solche Aufstiegsgeschichten nicht mehr so leicht möglich?

          Die jungen Leute haben es doch heute leichter! Schon weil das Bildungssystem viel besser ausgebaut ist.

          Es hat sich gar nichts verschlechtert?

          Die Lebenswege sind weniger planbar geworden. Aber wenn Sie heute als junger Mensch im Handwerk eine Lehre machen, haben Sie ziemlich gute Chancen. Auch in akademischen Berufen. Es müssen ja nicht alle Betriebswirtschaft studieren.

          Was ist mit der Abstiegsangst der Mittelschicht, die ihre Kinder ins Internat nach England schickt, damit sie den sozialen Status halten kann?

          So etwas gab es zu meiner Zeit auch schon. Mein erstes Gymnasium in Triberg hatte auch ein Internat. Die Schüler kamen zum Teil aus Familien, die man heute noch in den Vermögensstatistiken findet. Für unsereinen war immer klar, dass es da einen sozialen Abstand gibt. Heute gehen auch ganz normale Schüler für ein Jahr nach Amerika. Solche Möglichkeiten hatten wir nicht.

          Die ganze Ungleichheitsdebatte ist also an den Haaren herbeigezogen?

          Armut und Ungleichheit werden ja oft in absoluten Größen gemessen. Es geht bei uns in der Diskussion aber immer um Relationen: Wenn Sie alle Einkommen verdoppeln, bleibt die Zahl der Armen nach dieser Definition gleich hoch. Das ist absurd. Und dann verwechselt man Einkommen und Vermögen, und beim Einkommen nimmt man oft Brutto statt Netto – ohne die Umverteilung durch das Steuer- und Sozialsystem zu berücksichtigen.

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