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Flüchtlingskrise : Entwicklungsökonom: Merkel hat Flüchtlinge angelockt

Auf dem Weg: Flüchtlinge aus Ghana an der libysch-tunesischen Grenze Bild: dapd

Aus dem südlichen Afrika will rund ein Viertel der Einwohner auswandern. Der Oxford-Forscher Paul Collier befürchtet nun, dass Merkel einen Exodus aus Afrika heraufbeschworen hat. Er fordert einen radikalen Schwenk in der deutschen Flüchtlingspolitik.

          Der Entwicklungsökonom Paul Collier hat vor einer weiteren Eskalation der Flüchtlingskrise gewarnt und die Politik von Bundeskanzlerin Angela Merkel scharf kritisiert. Indem Merkel „die Türen geöffnet“ habe, habe sie den Asylbewerberzustrom verstärkt. „Sie hat Deutschland und Europa damit definitiv ein gewaltiges Problem aufgebürdet“, sagte der Afrika-Forscher Collier, der zu den renommiertesten Migrationsökonomen zählt und an der Universität Oxford lehrt, in einem Interview der Zeitung „Die Welt“. Deutschland grenze an keines der Krisen- und Kriegsländer. „All diese Menschen, die zu Ihnen kommen, haben sich aus sicheren Drittstaaten auf den Weg gemacht.“

          Philip Plickert

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Der Volkswirt“.

          Deutschland habe sogar „trotz bester Absichten Tote auf dem Gewissen“. Denn viele Menschen hätten Merkels Worte als Einladung verstanden „und sich danach erst auf den gefährlichen Weg gemacht, haben ihre Ersparnisse geopfert und ihr Leben dubiosen Schleppern anvertraut“, kritisierte Collier. Europa müsse „einen radikalen Schwenk in der Kommunikation“ machen. Es müsse klarstellen, dass sich Flüchtlinge nicht nach Europa aufmachen sollten. Stattdessen sollte ihnen in den Nachbarländern geholfen werden.

          „Ersteinmal in Bewegung, kaum noch steuerbar“

          Besondere Sorge macht ihm, dass auch aus Afrika eine große Migrationswelle in Richtung Europa losgehen könnte. Ein Hauptgrund dafür ist das extreme Wohlstandsgefälle. Afrika hat in den vergangenen Jahren zwar ein etwas stärkeres Wirtschaftswachstum erlebt, doch reicht es nicht, um die grassierende Armut zu überwinden. Seit der Jahrtausendwende lag das reale Wachstum der Länder südlich der Sahara bei durchschnittlich 5,4 Prozent. Aber ein Großteil der wirtschaftlichen Fortschritte wird vom rasanten Bevölkerungswachstum von 2,5 Prozent jährlich aufgezehrt. Pro Kopf bleibt das Wachstum zu gering, außerdem kommt es von niedrigster Basis. Laut der jüngsten UN-Bevölkerungsprognose wird die Zahl der Menschen in Afrika von heute 1,2 Milliarden in anderthalb Jahrzehnten auf 1,67 Milliarden steigen, bis zum Jahr 2050 auf 2,5 Milliarden und bis 2100 auf unglaubliche 4,4 Milliarden.

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          Die Lebensbedingungen der allermeisten Afrikaner sind weiter ärmlich, trotz des zum Teil großen Reichtums an Bodenschätzen in ihren Ländern. 600 Millionen Afrikaner haben bis heute keinen Strom in ihren Behausungen. Die Angriffe radikalislamischer Terrorgruppen in Nigeria, Mali und Niger verschärfen die Notsituation. Ökonom Collier warnt, dass die Region in Afrika südlich des Äquators „das nächste Afghanistan werden könnte“. Dort lebten etwa 100 Millionen Menschen. „Und dann kommt die (deutsche) Kanzlerin und spricht davon, dass Europas Türen offen sind“, kritisierte Collier. Er verstehe nicht, warum Merkel so gehandelt habe. Es gebe eine Masse von mehreren hundert Millionen wanderungsbereiten Menschen. Diese sei, „wenn sie sich erst mal in Bewegung setzt, kaum noch steuerbar“.

          Angesichts des extremen Bevölkerungswachstums in Afrika erwarten Fachleute einen zunehmenden Migrationsdruck in den kommenden Jahren und Jahrzehnten. Dieser werde auch nicht geringer, wenn die Einkommen stiegen, sagte Collier. Vielmehr sind es eher die Menschen mit mittlerem Einkommen, die sich die teure Auswanderung nach Europa inklusive der nötigen Schlepperdienste leisten könnten. Für einen westafrikanischen Migranten wird bis zur Ankunft in Lampedusa mit mindestens 2000 Dollar Kosten gerechnet, für einen Eritreer oder Somalier mit etwa 3000 Dollar. Die Ärmsten können sich das nicht leisten. Umfragen des Meinungsforschungsinstituts Gallup ergaben, dass in den Ländern südlich der Sahara durchschnittlich ein Viertel der Befragten gerne auswandern würde. Das entspräche 300 bis 400 Millionen Menschen. In Asien möchten „nur“ 6 Prozent auswandern. Der Bevölkerungswissenschaftler Gunnar Heinsohn geht von bis zu 600 Millionen Wanderungswilligen auf der Welt aus.

          Quelle: F.A.Z.

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