26.04.2006 · Dem Land der Dichter und Denker fehlen Macher. Die deutsche Wirtschaft will deshalb den Wissentransfer von der Forschung zur Praxis verbessern. Die neue Initiative trifft sich erstmals an diesem Mittwoch.
Von Werner BrucknerDem Land der Dichter und Denker fehlen Macher, die Innovationen auch in Geschäftsmodelle umsetzen, um die globale Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen zu steigern. Macher ringen um den besten Nährboden für Innovationen. Der Mittelstand muß noch aufholen.
Mit einer neuen Initiative will der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) die Innovationskraft in Deutschland und den Wissenstransfer von der Forschung zur Praxis verbessern. BDI-Präsident Jürgen Thumann stellte das Projekt jetzt auf der Hannover Messe gemeinsam mit EnBW-Chef Utz Claassen vor, der den Vorsitz übernommen hat. „Wir brauchen mehr Klarheit darüber, mit welchen Produkten, Prozessen und Organisationsformen wir in Zukunft am Markt bestehen können, und bei welchen Technologien wir auf den Weltmärkten selbst zum Treiber werden können“, skizzierte Thumann das Ziel. Für die Entwicklung von Spitzentechnologie sei die Forschung enorm wichtig, aber ebenso wichtig sei die Anwendung der Ergebnisse in der Praxis. Daran hapere es in Deutschland noch.
Stuttgart stark
In der jüngsten Statistik des Europäischen Patentamts nimmt die Region Stuttgart mit 885 Erfindungen Platz 2 in Europa ein. Doch im Schnitt verwirklichen Entrepreneure aus 2000 Ideen nur rund 10 Produkte, viele davon nicht mehr in Deutschland. Aber Forderungen nach mehr Innovationen haben Konjunktur. Die Bundesregierung stellt deshalb zusätzlich 6 Milliarden Euro bis zum Jahr 2009 bereit. Auch die Unternehmen planen für 2006 die bisher höchsten Aufwendungen für Forschung und Entwicklung (F&E) in Höhe von insgesamt rund 48 Milliarden Euro, meldete jüngst der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft.
„Viel Geld hilft nicht viel, aber Geiz rächt sich“
Daß einige deutsche Unternehmen zu den weltweit besten Innovatoren gehören, bescheinigt die aktuelle Innovationsstudie von Booz Allen Hamilton „Global Innovation 1000“. Eine Erkenntnis: „Viel Geld hilft nicht viel, aber Geiz rächt sich“, sagt Georg List von der internationalen Management- und Technologieberatung an der European School of Business Reutlingen. Jene 10 Prozent der untersuchten Unternehmen, die am wenigsten für Forschung und Entwicklung ausgeben, lägen bei Gewinn und Kapitalbeteiligung deutlich hinter ihren Wettbewerbern. Deshalb müßten genau die Bereiche identifiziert werden, in denen durch verbesserte Prozesse die größten Effekte zu erzielen seien.
Unter den Top Ten bei den F&E-Ausgaben weltweit befinden sich, so die Studie, Daimler-Chrysler und Siemens. Unter den Top 100 tauchen weitere neun deutsche Konzerne auf. Ein Beispiel für effizienten Umgang mit Forschung und Entwicklung sei BMW. Das Unternehmen übertreffe bei Wachstum und Ertrag die meisten Wettbewerber deutlich, liege aber trotz einer groß angelegten Modelloffensive bei seinem Mitteleinsatz nur knapp über dem Branchendurchschnitt.
„Schlagwörter wie Innovationsflucht, Midlife Crisis oder stockender Innovationsmotor treffen nur auf einige Unternehmen zu“, glaubt Max Syrbe, Professor und Vorsitzender des Kuratoriums der Steinbeis-Stiftung. Wenn die Deutsche Telekom mit der Ben Gurion Universität ein Forschungs- und Entwicklungsinstitut im israelischen Beer Sheva eröffnet, dann geschieht das im Rahmen der globalen Arbeitsteilung. Die Universität zählt bei IT-Sicherheit zu den führenden Hochschulen. Auch daß Siemens kurz davor steht, Teile seiner Forschung und Entwicklung aus dem Hard- und Softwarebereich an den skandinavischen IT-Dienstleister TietoEnator auszulagern, gehört zum weltweiten Wirtschafts- und Forschungsalltag. Innerhalb dieses Geschehens treten Länder aus Südostasien, Lateinamerika und Osteuropa immer stärker in den Vordergrund.
Mittelstand muß aufholen
Die namhaften deutschen Konzerne hinken Innovationen nicht hinterher. Sie verfügen über internationale Netzwerke, ausreichende Budgets, bewährte Strukturen und entsprechendes Know-how. Bernd Bohr, Geschäftsführer bei Robert Bosch, faßt das so zusammen: „Wir behaupten uns im internationalen Forschungsbereich. Unsere Unternehmen kooperieren recht gut mit den Hochschulen. Sie haben ausgezeichnete Facharbeiter und leistungsfähige Zulieferer. Wenn wir bei all dem noch stärker auf Chancen statt auf Risiken setzen, dann bekommen wir ein positiveres Innovationsklima.“ Das käme auch mittelständischen Unternehmen zupaß, denn gerade sie tun sich schwer. Das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim hat ermittelt, daß vom Ende der 90er Jahre bis zum Jahr 2003 die Anzahl der mit Innovationen erfolgreichen kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) um rund 10.000 auf 83.000 abgenommen haben. Nur zum Teil lasse sich das mit dem Platzen der Börsenblase, dem abrupten Ende des Startup-Booms der Hightech-Unternehmen erklären.
Peter Niess, Professor und Forschungsbeauftragter an der ESB Reutlingen, überrascht dies Ergebnis nicht. Als Europabeauftragter des früheren baden-württembergischen Wirtschaftsministers Walter Döring (SPD) kennt er die Innovationsstärke der Großkonzerne, aber auch Berührungsängste mittelständischer Industrie zu den Hochschulen: „Die Mittelständler glauben noch häufig, daß Hochschulen sehr praxisfern agieren und ihre Forschung gar nicht anwendbar wäre. Das trifft überhaupt nicht zu.“ Unternehmen müßten sich über die Wissenschaftswelt besser informieren. Entsprechende Strukturen und Beobachtungssysteme - neudeutsch Technology-Watch - sollten in für sie relevanten Bereichen zum Standard gehören. Dazu gehört für Niess auch die Offenheit, mit anderen in der Technologieentwicklung zu kooperieren. Das müsse sich aber auch in der Unternehmenskultur bemerkbar machen, um einen Austausch von Wissenden und Machenden im Unternehmen anzustoßen: „Da dürfen nicht nur zwei Köpfe denken und alle anderen nachmachen. An Innovationen sollten möglichst viele Mitarbeiter teilnehmen“.
Mehr Geschäftssinn
Doch auch die Hochschulen seien in der Pflicht: Professoren dürften Forschungsergebnisse nicht nur publizieren, sondern müßten sie stärker in Produkte und Dienstleistungen umsetzen. Berufungskommissionen sollten Bewerber auch danach aussuchen, ob sie schon Forschungsergebnisse in der Praxis verwirklicht haben. „Die angelsächsische Kultur tut sich damit leichter. Wer in den USA mit exzellenten Forschungsergebnissen auch noch dickes Geld verdient, hat die höchste Anerkennungsstufe erklommen“, so Niess. Außerdem sollten Hochschulen noch stärker als bisher in die Wissensvermittlung für Unternehmen einsteigen, also möglichst Executive MBAs für Manager mit Führungspositionen anbieten. Für all das müßten die Ministerien aber die Lehranstalten von ihrem Gängelband befreien. Hochschulen bräuchten die Freiheit, über Kooperationen mit der Industrie Mittel zu akquirieren, von denen sie profitieren könnten, ohne daß der Staat auf die Form der Verteilung Einfluß nehme.
„In Deutschland fehlen noch die Top-Entrepreneure, im Verhältnis haben wir dreimal weniger als in den USA. Dort arbeiten schon zehn Prozent der Beschäftigten in VC-finanzierten Unternehmen“, sagt Andreas Kochhäuser, Partner und in der Geschäftsführung bei 3i in Deutschland, einer führenden Private-Equity- und Wagniskapital-Gesellschaft. Allein Texas investiere mehr in Jungunternehmen als ganz Deutschland. Auch Norbert Walter, Chefvolkswirt der Deutschen Bank, klagt: „Wir Deutsche mögen traditionell kein Kapital, keine Händler und keine Macher, die vor allem Geschäftsmodelle im Sinn haben. Wir brauchen jedoch organisatorisches und finanzielles Know-how, um in geschäftsmäßiger Weise zu entwickeln.“
Es geht um Millionen Arbeitsplätze
Utz Claassen betont, wenn es nicht gelinge, durch Innovation und besseres Wissensmanagement neue Potentiale zu mobilisieren, gerieten über kurz oder lang auch die rund 10 Millionen Industriearbeitsplätze in Deutschland in Gefahr. Die BDI-Initiative habe sich zum Ziel gesetzt, konkrete Handlungsempfehlungen für eine bessere Vernetzung von Wissenschaft und Wirtschaft zu entwickeln und in konkrete Projekte zu überführen. Dazu wollen sich die Technik- und Technologievorstände von rund 70 deutschen Unternehmen mit dem größten Forschungs- und Entwicklungsaufwand regelmäßig treffen, um nachhaltige Impulse für Deutschland als Spitzentechnologiestandort zu entwickeln. An diesem Mittwoch zum ersten Mal.
Quellen und Links:
- Booz Allen Hamilton, www.boozallen.de
- Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF), www.bmbf.de
- Deutsche Bank, www.deutsche-bank.de
- 3i, www.3i.com
- European School of Business (ESB), www.esb-reutlingen.de
- Bosch Deutschland, www.bosch.de
- Steinbeis-Stifung, www.stw.de
- Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft, www.stifterverband.de
- Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW), www.zew.de