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Wirtschaftsprognosen Guck mal, Deutschland hat gute Laune

25.12.2010 ·  Das Jahr 2011 könnte prima werden: Die Geschäfte laufen gut, die Menschen kaufen ein und bauen wieder Häuser - wenn die Prognostiker nur nicht wieder daneben liegen. Sie sagen am besten die Gegenwart vorher - und die nächsten drei Monate.

Von Lisa Nienhaus
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Heiko Stiepelmann ist kein Mann, der jubelt. Seit 1989 ist er die Stimme des Hauptverbands der Deutschen Bauindustrie. Und seit Mitte der neunziger Jahre sind die Nachrichten, die er verkünden muss, depressiv: „Krise am Bau“, „Arbeitsplätze bedroht“, „Keine Belebung in Sicht“, „Immer noch keine Belebung in Sicht“. Da ist es nur natürlich, dass er es nicht mehr gewöhnt ist zu jubeln.

Dabei hätte er gerade allen Grund dazu. Denn endlich belebt sich auch abseits der staatlichen Konjunkturprogramme das Baugeschäft: Die Deutschen bauen wieder Häuser und Wohnungen. Die Umsätze im Wohnungsbau sind schon dieses Jahr sehr gut.

Und die Bauanträge lassen erwarten, dass es nächstes Jahr noch besser wird: Bis zu vier Prozent mehr Umsatz kann Stiepelmann sich vorstellen. Und freut sich auf seine zurückhaltende Art: „Der Wohnungsbau hat die Talsohle nach vielen bitteren Jahren verlassen“, sagt er. „Jetzt hat es tatsächlich funktioniert.“

Gute Zeiten für Prognostiker

Es ist fast eine Revolution: Die Deutschen haben wieder Arbeit und Geld – und sie haben auch Lust, es auszugeben. Das sieht man nicht nur im Hausbau. Auch für Mietwohnungen können die Leute wieder mehr zahlen – die Mietpreise ziehen an. Und eine ausschweifende Shopping-Tour ist auch wieder drin: Das Weihnachtsgeschäft lief in diesem Jahr so gut wie lange nicht.

Die deutschen Unternehmen sind sowieso bester Laune. In Umfragen zeigen sie, dass sie die Zukunft ihres Geschäfts rosig sehen (siehe Grafik). Sie gewinnen weiterhin viele Aufträge, sie produzieren emsig, kaufen Maschinen und bauen neue Werkhallen – und sie stellen ein.

Das sind gute Zeiten für Prognostiker, denn sie können frohe Botschaften von Wachstum und Wohlstand unters Volk bringen. Sie korrigieren derzeit eifrig nach oben. Vor allem für das laufende Jahr. Da haben sie sich nämlich kräftig verschätzt und den Boom, mit dem Deutschland derzeit sehr gut lebt, unterschätzt.

Korrekturen nach oben

Es ist ein Problem, das offenbar auch dadurch nicht auszumerzen ist, dass es altbekannt ist: In guten Zeiten sind die Prognostiker meist zu pessimistisch und in schlechten Zeiten zu optimistisch. Sagten etwa die Forscher vom Ifo Institut in München noch im Sommer vorher, die deutsche Wirtschaft würde dieses Jahr um 2,1 Prozent wachsen, so sprechen sie jetzt schon von 3,7 Prozent. Den gleichen Schwenk vollzog das Institut für Weltwirtschaft in Kiel.

Besonders vernebelt war wohl die Glaskugel der Bundesregierung, als diese Anfang des Jahres in die Zukunft blickte: Sie sagte 1,4 Prozent Wachstum vorher – jetzt wird es wohl mehr als doppelt so viel.

Wer noch weiter zurückgeht, der mag es gar nicht mehr glauben. Ende 2009 sahen die Wirtschaftspropheten nämlich noch ziemlich schwarz. „Deutsche Wirtschaft ohne Dynamik“ oder „Deutschland: Aufschwung lässt auf sich warten“ lauteten die Schlagzeilen der Prognosen für 2010. Welch ein Irrtum.

Jetzt hat sich die Stimmung gedreht: Für 2011 wird nach oben korrigiert, was das Zeug hält. Mittlerweile ist man bei 1,8 bis 2,5 Prozent Wachstum.

Holger Schmieding von der Berenberg Bank – ein jahrelang recht treffsicherer Prognostiker – sieht sogar ein „goldenes Jahrzehnt“ für Deutschland aufziehen. Der Grund: Die Deutschen bauen endlich wieder Häuser und kaufen ordentlich ein. Diese Dynamik von innen stärkt die Wirtschaft.

Erstaunlich geringer Pessimismus

Ganz neu ist das nicht. Schon in der Lehman-Krise ist es erstaunlich gewesen, wie unbeeindruckt die Deutschen sich zeigten. Der Konsum sank kaum – trotz der größten Rezession in der Geschichte der Bundesrepublik. „Das ist die eigentliche Geschichte, wieso Deutschland so gut aus der Krise gekommen ist“, sagt Schmieding.

Die Leute im Land kauften weiter und hielten die Wirtschaft am Laufen. Diesen erstaunlich geringen Pessimismus konnte man auch im Einkauf in der weiten Welt beobachten. Während die deutschen Exporte 2009 als Reaktion auf den Lehman-Schock um mehr als 14 Prozent einbrachen, gingen die Importe deutlich weniger zurück, nämlich um rund 9 Prozent.

Das geht jetzt noch besser weiter, glaubt Schmieding. Denn er sieht die Jahre zuvor als die Ausnahme. „Wir Deutschen haben den Gürtel enger geschnallt, um fit zu werden. Diese Diät haben wir Ende 2007 beendet.“ Jetzt wird alles gold.

Mit seiner guten Laune ist Schmieding nicht allein. Zwar prognostizieren die deutschen Auguren, dass es 2011 nicht ganz so gut läuft wie in diesem Jahr, doch in einem sind sie sich einig: Deutschland wird endlich Schwung von innen bekommen. 2011 finden mehr Menschen Arbeit und für diejenigen, die arbeiten, gibt es mehr Lohn.

Euphorische Volkswirte

Mit dem neuen Geld kaufen die Leute ein oder stecken es ins eigene Häuschen. Und die Firmen investieren endlich wieder ordentlich in Deutschland, weil sie hier Zukunft sehen.

Ironischerweise ist einer der Gründe für diese Dynamik von innen etwas, das gleichzeitig eines der größten Risiken für 2011 ist: die Eurokrise.

Nach Immobilienblasen in Spanien und Irland und den Finanzhilfen für manche Euroländer sind Banken und Investoren vorsichtig geworden. Sie fragen sich, in welchen Ländern sie ihr Geld noch anlegen wollen – und entdecken Deutschland. Statt das Geld deutscher Sparer wie bisher ins Ausland zu tragen, bleibt es nun im Land. Das senkt die Zinsen und macht Kredite für Hausbauer und Unternehmen, die investieren wollen, günstig.

Mancher deutsche Volkswirt wird ob dieser Entwicklung ganz aufgeregt und faselt schon davon, dass Deutschlands Abhängigkeit vom Ausland dauerhaft zurückgehe. Das ist natürlich Unsinn – zumindest kurzfristig gesehen – worauf insbesondere ausländische Fachleute gerne hinweisen.

So überschreiben die Volkswirte der französischen Bank Société Générale einen Bericht über Deutschland mit: „Nein, nein, nichts hat sich geändert!“ Denn die deutschen Exporte sind immer noch der bestimmende Wachstumstreiber. 2010 tragen sie mehr als dreimal so viel zum Wachstum bei wie Konsum und Investitionen zusammen. Sie haben für den entscheidenden Schub gesorgt, so schön es auch ist, dass sich in Deutschland auch wieder etwas tut.

Effekte der Schwellenländer

Wer wissen will, wie es in Deutschland weitergeht, muss deshalb auch weiterhin die ganze Welt betrachten. Besonders wichtig sind dabei die Schwellenländer – allen voran China – mit ihrer unglaublichen Dynamik. Da kann sich schnell viel tun. Und da wird es schwierig. Denn kaum ein Prognostiker hat den Überblick.

So verwundert es auch nicht, dass man, wenn man drei von ihnen fragt, auch drei Antworten bekommt. Kai Carstensen vom Ifo Institut etwa glaubt, dass die Schwellenländer langsamer wachsen werden. Denn: „China hat ein Problem mit der Inflation. Die werden sie eindämmen. Das würgt die Wirtschaft ab.“

Holger Schmieding hingegen glaubt, dass China auch seine Währung aufwertet, was den Deutschen nützt. „Der Gesamteffekt ist null.“

Und dann ist da noch die Französin Véronique Riches-Flores, die für die Bank Société Générale die ganze Welt untersucht. Sie ist völlig anderer Meinung. „Brasilien, Indien und China holen in einem wahnsinnigen Tempo auf“, sagt sie. Die Menschen dort kaufen Güter aus aller Welt, auch aus Deutschland. „Ich glaube, das Wachstum in Europa wird viel stärker sein, als sich viele bisher vorstellen können.“

Welche Geschichte stimmt, das werden wir wohl erst in einem Jahr wissen. Frühestens. So lange gilt die alte Weisheit: Prognostiker sagen am besten die Gegenwart vorher – und die nächsten drei Monate. Immerhin für die ist ziemlich sicher: Wenn jetzt nicht eine große Staats- oder Finanzkrise aufkommt, geht es den Deutschen gut.

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Jahrgang 1979, Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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