07.04.2009 · Die Wirtschaftskrise Indien ins Mark. Die Unternehemen haben Refinanzierungsprobleme, die Armen verharren in bitterem Elend. Am 16. April sind Wahlen. Doch Wirtschaftsführer fürchten: Egal wer gewinnt, es werden weiter Bürokraten, Technokraten und Speichellecker das Land regieren.
Von Christoph Hein, Neu-DelhiWas er hinter geschlossenen Türen zu hören bekam, dürfte ihn nicht erbaut haben: Vor wenigen Tagen bestellte Indiens Ministerpräsident Manmohan Singh die Wirtschaftsführer des Landes zu einem letzten Gespräch vor den Wahlen, die am 16. April beginnen. Ratan Tata, ICICI-Bankier KV Kamath, Sunil Mittal und einige Kollegen eilten nach Delhi. Immerhin hatte der letzte Austausch im November stattgefunden. Der lange Abstand lag nicht nur an Singhs Krankheit - Wirtschaft und Politik in der größten Demokratie der Erde driften immer weiter auseinander.
Dabei geht es den Managern und Unternehmern weniger um Personen - sie könnten sowohl mit Singh, der wieder zur Wahl steht, oder seinem hindu-konservativen Gegenspieler L.K. Advani leben. Ihnen geht es um Grundlegenderes als die Frage, welche Koalition demnächst die drittgrößte Volkswirtschaft Asiens vor allem dank der Stimmen der ländlichen Bevölkerung führen wird. Denn die Distanz wächst auf zwei Ebenen: Zum einen werfen die indischen Wirtschaftskapitäne ihrer Regierung vor, zu wenig gegen die Krise zu tun, auch wenn Singh weitere Zinssenkungen angekündigt hat. Zum anderen sind sie es müde, gegen Windmühlen zu kämpfen.
Denn während Indiens Industrie und Bankwesen sich in den vergangenen Jahren stark entwickelt haben, bleibt die Politik in ihren alten Mustern verhaftet. Nicht die Staatsform der Demokratie nehmen die Wirtschaftsführer ins Visier; wohl aber wächst ihr Ärger über deren Vertreter, über Bürokraten, Technokraten und Speichellecker. „Wir haben schreckliche Regierungen in unserem Land. Inkompetenz wird nicht geahndet“, brachte es Rahul Bajaj, der Vorsitzende des Verwaltungsrats des gleichnamigen Fahrzeugherstellers, auf den Punkt.
Große Refinanzierungsprobleme
Vehement fordern die Wirtschaftsführer schon seit November schnellere Zinssenkungen, um die Nachfrage anzukurbeln. Und immer drängender wird die stärkere Vergabe von Krediten. Angesichts des Expansionskurses während der guten Jahre stehen Unternehmen wie Tata Motors oder der Windkraftanlagenhersteller Suzlon vor großen Refinanzierungsproblemen. Die Landung erscheint immer härter: Wuchs Indiens Bruttoinlandsprodukt (BIP) in den drei Fiskaljahren bis März 2008 um durchschnittlich 9 Prozent, bleibt es nun weit dahinter zurück: Gerade erst senkte der Chefplaner der indischen Wirtschaftspolitik, Montek Singh Ahluwalia, die Erwartung für dieses Fiskaljahr auf 6,5 Prozent. Zusätzlich erschüttert der Skandal um den Datendienstleister Satyam die India Inc. Wie groß die Krise um Satyam-Gründer und Betrüger Ramalinga Raju ausfällt, ist noch völlig offen.
Die Kritik vor den Wahlen aber geht über das schwierige Tagesgeschäft weit hinaus: „Wir leben in einer Demokratie, die allenfalls teilweise Erfolge vorweisen kann“, holte Subodh Bhargava, Vorsitzender des Verwaltungsrats von Tata Communications, auf der Industrieversammlung zum großen Schlag aus. „Das Parlament versagt völlig, um das Geringste zu sagen. Seine Mitglieder schwören, gegen Korruption vorzugehen, und lassen sich vom ersten Tag an bestechen. Solange wir verurteilte Kriminelle in unser Parlament entsenden, können wir nichts erwarten.“ Immer noch sind viele Politiker und Bürokraten der alten Generation dem Sozialismus verhaftet, den sie als Gegenentwurf zum Kolonialismus begreifen.
„Zu wenig, nicht zu viel Demokratie“
Als Konsequenz der politischen Misere fordert Nandan Nilekani, der Mitgründer des Software-Giganten Infosys, anders als manche einreisenden Manager aus dem Ausland aber nicht etwa das chinesische Modell: „Indiens größte Schwächen dürften aus zu wenig, nicht zu viel Demokratie herrühren.“ Dabei verschweigen die Kritiker aus der Wirtschaft gerne, dass auch das Schwarzgeld vieler Unternehmen die politische Kaste am Leben hält.
Die Wirtschaft sieht durchaus die miserablen Lebensbedingungen für die Mehrheit der Inder, obwohl zweifelsohne eine Mittelschicht heranwächst. Sie könnte in zwei Dekaden auf 600 Millionen Menschen angeschwollen sein. Im Entwicklungsbericht der Vereinten Nationen aber sank Indien auf Rang 132 und liegt nun hinter den Solomonen. Die Kindersterblichkeit hat sich auf 57 je eintausend verbessert, bleibt aber hinter dem Wert Malis zurück. Im Bundesstaat Madhya Pradesh sind mehr als die Hälfte der Kleinkinder unterernährt. Und die Weltbank ermittelte, dass Indien beim Austragen von Vertragsstreitigkeiten vor Gericht noch hinter Bangladesch verharrt.
Millionen in bitterstem Elend
Die Liste ließe sich fortschreiben. Die Zustände 18 Jahre nach der wirtschaftlichen Öffnung treffen besonders die Armen: Während der 27 Stockwerke hohe Wohnturm von Multimilliardär Mukesh Ambani auf Bombays teuerstem Baugrund bald fertig ist, verharren Millionen in bitterstem Elend. „Seit 1991 haben wir wachsende wirtschaftliche Freiheit. Aber unser Sozialsystem bleibt schwach“, fasst Nilekani zusammen. Damit werde der große Teil der Gesellschaft vom „indischen Wirtschaftswunder“ ausgeschlossen, was wiederum die Entwicklung verlangsamt. „Der schlechte Zustand unserer staatlichen Schulen und unsere schwache Infrastruktur verbauen den Armen den Zugang. Die, die Alternativen bezahlen können, schicken ihre Kinder auf Privatschulen, nutzen private Stromversorgung, wohnen hinter hohen Zäunen - oder sie wandern aus.“
Ausgerechnet Ratan Tata, der Vorzeigeunternehmer des Subkontinents, wurde Opfer der Ränkespiele der Politik und zog daraus eine überraschend schnelle Konsequenz. Sein weltweit beachtetes Werk für den Kleinstwagen Nano wollte er im unterentwickelten Singur in Westbengalen fertigen. Dort aber blockierten Bauern, die politisch instrumentalisiert wurden, die Baustelle. Tata ließ die fast fertiggestellte Fabrik zurück, schrieb einen dreistelligen Millionenbetrag ab und baut derzeit ein neues Werk im wirtschaftsfreundlicheren Gujarat.
Die Politik handelt nur auf Druck: Anders als in China, wo überzogene Infrastruktur geschaffen und dann belebt wird, erkämpft sich die Wirtschaft in Indien ihren Raum. Die Politik ist dann gezwungen, die ersichtlich notwendige Infrastruktur nachzuliefern. Das war beim Genehmigen der privaten Fluggesellschaften so, deren Passagierzahlen die Flughäfen zum Bersten brachte - heute werden sie modernisiert und ausgebaut. Nun wird der Nano die städtische Infrastruktur noch weiter belasten und damit die nächsten Regierungen zum Handeln zwingen.
Christoph Hein Jahrgang 1960, Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.
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