http://www.faz.net/-gqe-127vq
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 07.04.2009, 09:36 Uhr

Wirtschaftskrise Indiens Unternehmer hadern mit der Politik

Die Wirtschaftskrise Indien ins Mark. Die Unternehemen haben Refinanzierungsprobleme, die Armen verharren in bitterem Elend. Am 16. April sind Wahlen. Doch Wirtschaftsführer fürchten: Egal wer gewinnt, es werden weiter Bürokraten, Technokraten und Speichellecker das Land regieren.

von , Neu-Delhi
© REUTERS Zwischen Aufbruch und Elend: Das „indische Wirtschaftswunder” schließt große Teile der Gesellschaft aus

Was er hinter geschlossenen Türen zu hören bekam, dürfte ihn nicht erbaut haben: Vor wenigen Tagen bestellte Indiens Ministerpräsident Manmohan Singh die Wirtschaftsführer des Landes zu einem letzten Gespräch vor den Wahlen, die am 16. April beginnen. Ratan Tata, ICICI-Bankier KV Kamath, Sunil Mittal und einige Kollegen eilten nach Delhi. Immerhin hatte der letzte Austausch im November stattgefunden. Der lange Abstand lag nicht nur an Singhs Krankheit - Wirtschaft und Politik in der größten Demokratie der Erde driften immer weiter auseinander.

Christoph Hein Folgen:

Dabei geht es den Managern und Unternehmern weniger um Personen - sie könnten sowohl mit Singh, der wieder zur Wahl steht, oder seinem hindu-konservativen Gegenspieler L.K. Advani leben. Ihnen geht es um Grundlegenderes als die Frage, welche Koalition demnächst die drittgrößte Volkswirtschaft Asiens vor allem dank der Stimmen der ländlichen Bevölkerung führen wird. Denn die Distanz wächst auf zwei Ebenen: Zum einen werfen die indischen Wirtschaftskapitäne ihrer Regierung vor, zu wenig gegen die Krise zu tun, auch wenn Singh weitere Zinssenkungen angekündigt hat. Zum anderen sind sie es müde, gegen Windmühlen zu kämpfen.

Denn während Indiens Industrie und Bankwesen sich in den vergangenen Jahren stark entwickelt haben, bleibt die Politik in ihren alten Mustern verhaftet. Nicht die Staatsform der Demokratie nehmen die Wirtschaftsführer ins Visier; wohl aber wächst ihr Ärger über deren Vertreter, über Bürokraten, Technokraten und Speichellecker. „Wir haben schreckliche Regierungen in unserem Land. Inkompetenz wird nicht geahndet“, brachte es Rahul Bajaj, der Vorsitzende des Verwaltungsrats des gleichnamigen Fahrzeugherstellers, auf den Punkt.

Große Refinanzierungsprobleme

Vehement fordern die Wirtschaftsführer schon seit November schnellere Zinssenkungen, um die Nachfrage anzukurbeln. Und immer drängender wird die stärkere Vergabe von Krediten. Angesichts des Expansionskurses während der guten Jahre stehen Unternehmen wie Tata Motors oder der Windkraftanlagenhersteller Suzlon vor großen Refinanzierungsproblemen. Die Landung erscheint immer härter: Wuchs Indiens Bruttoinlandsprodukt (BIP) in den drei Fiskaljahren bis März 2008 um durchschnittlich 9 Prozent, bleibt es nun weit dahinter zurück: Gerade erst senkte der Chefplaner der indischen Wirtschaftspolitik, Montek Singh Ahluwalia, die Erwartung für dieses Fiskaljahr auf 6,5 Prozent. Zusätzlich erschüttert der Skandal um den Datendienstleister Satyam die India Inc. Wie groß die Krise um Satyam-Gründer und Betrüger Ramalinga Raju ausfällt, ist noch völlig offen.

Die Kritik vor den Wahlen aber geht über das schwierige Tagesgeschäft weit hinaus: „Wir leben in einer Demokratie, die allenfalls teilweise Erfolge vorweisen kann“, holte Subodh Bhargava, Vorsitzender des Verwaltungsrats von Tata Communications, auf der Industrieversammlung zum großen Schlag aus. „Das Parlament versagt völlig, um das Geringste zu sagen. Seine Mitglieder schwören, gegen Korruption vorzugehen, und lassen sich vom ersten Tag an bestechen. Solange wir verurteilte Kriminelle in unser Parlament entsenden, können wir nichts erwarten.“ Immer noch sind viele Politiker und Bürokraten der alten Generation dem Sozialismus verhaftet, den sie als Gegenentwurf zum Kolonialismus begreifen.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Raghuram Rajan Indiens Notenbankchef hört überraschend auf

Indiens Medien feierten den Ökonomen Rajan als Rockstar und James Bond als er die Führung der Zentralbank übernahm. Nun will er nicht mehr - aus Streit mit der Regierung? Mehr

19.06.2016, 15:20 Uhr | Finanzen
Menschenhandel Die Schwarzmarkt-Babys von Indien

Adoptionen sind in Indien mit sehr hohem bürokratischem Aufwand verbunden. Das treibt Paare ohne Kinder in die Arme von kriminellen Banden. Bei einer Razzia in einer Privatklinik im indischen Gwalior hat die Polizei unlängst mehrere Babys gerettet, die laut Behörden illegal verkauft werden sollten. Mehr

09.06.2016, 15:56 Uhr | Gesellschaft
Gastbeitrag: Integration Demokratie braucht Grenzen

Die globalen Migrationsbewegungen sind eine Herausforderung für die Bürgerschaft. Ein Wertekonsens reicht nicht aus. Mehr Von Peter Graf Kielmansegg

23.06.2016, 11:25 Uhr | Politik
Tierischer Überfall Affe klaut im Juweliergeschäft

Im indischen Bundesstaat Andhra Pradesh ist ein Affe in ein Juweliergeschäft eingedrungen und hat dort 10.000 Rupien aus einer Schublade gestohlen. Und der Täter ist kein Unbekannter. Mehr

06.06.2016, 08:49 Uhr | Gesellschaft
Der indische Film 7 Göttinnen Seit über 150 Jahren gegen die Natur

Ist Zuneigung zum gleichen Geschlecht gegen die Natur? Pan Nalins Film 7 Göttinnen zeigt Indiens Frauenliebe und zeichnet das Bild einer Gesellschaft auf dem Prüfstand. Mehr Von Bert Rebhandl

16.06.2016, 20:49 Uhr | Feuilleton

Das Herz der EU

Von Holger Steltzner

Der EU-Binnenmarkt ist in Misskredit geraten, viele verteufeln ihn als neoliberal oder verunglimpfen ihn als Machtmittel deutscher Hegemonie. Dabei ist gerade er der wirtschaftliche Motor, der Wachstum und Wohlstand bescherte. Mehr 114 142

„World Wealth Report“ So viele Millionäre leben in Deutschland

Weltweit hat das Vermögen der Millionäre im vorigen Jahr um vier Prozent auf 58,7 Billionen Dollar zugelegt. Deutschland ist dabei unter den vier Ländern mit den meisten Millionären – und hatte überdurchschnittliche Zuwächse. Mehr Von Christian Siedenbiedel 80 61

Abonnieren Sie den Newsletter „Wirtschaft“