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Wirtschaftsforscher über Altersarmut „Die Senioren haben mehr als die Jüngeren“

22.04.2008 ·  Das Schreckgespenst der Altersarmut geht um in Deutschland. Der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Jürgen Rüttgers warnt vor einem dramatischen Anstieg der Zahl bedürftiger Senioren. Doch Ökonomen betonen, dass die heutigen Rentner durchschnittlich mehr Einkommen haben als junge Familien.

Von Philip Plickert
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Das Schreckgespenst der Altersarmut geht um in Deutschland. Der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU) warnt vor einem dramatischen Anstieg der Zahl bedürftiger Senioren. Verbände wie der von Walter Hirrlinger geführte Sozialverband VdK, der für 20 Millionen Rentner zu sprechen beansprucht, klagen lautstark über „Rentenklau“ und das harte Los der Älteren. Tatsächlich haben in den vergangenen fünf Jahren die Renten inflationsbereinigt an Wert verloren.

Im Vergleich mit anderen Teilen der Bevölkerung stehen die Senioren jedoch nicht schlecht da: „Die materielle Lebenssituation der Älteren ist besser als die des Durchschnitts der Gesamtbevölkerung“, sagt der Verteilungsökonom Markus Grabka vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). „Durchschnittlich haben die Senioren mehr verfügbares Einkommen und vor allem mehr Vermögen als die Jüngeren, die heute ihre Beiträge in die gesetzliche Rentenversicherung zahlen und später deutlich weniger Rente rausbekommen werden.“ Noch schärfer drückt es der Finanzwissenschaftler Bernd Raffelhüschen von der Universität Freiburg aus: „Altersarmut ist eines der meistüberschätzten Phänomene der Gegenwart, statistisch gesehen, ist die Wahrscheinlichkeit, auf ein armes Kind zu stoßen, etwa fünfmal größer als die, auf einen armen Rentner zu stoßen.“ Die heutigen Rentner, sagt Raffelhüschen, sind im Durchschnitt die reichsten Rentner, die dieses Land jemals gesehen hat.

Die Älteren leben materiell nicht schlecht

Ein verlässliches Bild der Einkommens- und Vermögensverteilung in Deutschland ergibt das vom DIW seit mehr als zwei Jahrzehnten untersuchte Sozioökonomische Panel (Soep), das auf einer Stichprobe von etwa 12.000 Haushalten beruht. Demnach hatten Seniorenpaare 2003 - neuere Auswertungen liegen noch nicht vor - durchschnittlich ein verfügbares Einkommen von 20.218 Euro je Person. Sie lagen damit bei 104,5 Prozent des durchschnittlichen bedarfsgewichteten verfügbaren Einkommens der Gesamtbevölkerung von 19.347 Euro je Person. Junge Elternpaare mit einem Kind von unter 3 Jahren kamen nur auf 83,6 Prozent dieses Werte, Paare mit älteren Kindern über 16 Jahren immerhin auf 113 Prozent, da nun häufiger beide Eltern berufstätig waren. Am geringsten war die Einkommensposition der Alleinerziehenden, vor allem Frauen, die meist nur zwei Drittel des Durchschnitts erreichten. „Wir haben kein Altersarmutsproblem in Deutschland, sondern ein Problem mit Kindern, die arm aufwachsen“, bekräftigt auch der Mannheimer Ökonom Axel Börsch-Supan, der Vorsitzende des Wissenschaftlichen Beirats beim Wirtschaftsministerium.

Vergleicht man nur die Alleinstehenden, so zeigt sich ebenfalls, dass die Älteren materiell nicht schlecht leben: Die jungen Singles bis 30 Jahre haben durchschnittlich ein verfügbares Einkommen von 66,3 Prozent des Durchschnitts, mittelalte Singles zwischen 30 und 65 Jahren hatten mit 106 Prozent überdurchschnittlich viel Einkommen zur Verfügung. Bei den alleinlebenden Senioren hatten die Männer annähernd so viel wie der Bevölkerungsdurchschnitt; die Frauen hingegen lagen mit 83,3 Prozent des Durchschnitts deutlich darunter, weil viele von ihnen nicht oder nur kürzere Zeit berufstätig waren und daher weniger Rentenansprüche haben.

Armutsrate geringer als in der Gesamtbevölkerung

Die sogenannte Armutsrate, also der Anteil derer mit 60 Prozent oder weniger des Medianeinkommens der Gesamtbevölkerung, lag im Jahr 2003 für Seniorenpaarhaushalte bei 7,8 Prozent - und damit nur halb so hoch wie die Armutsrate in der Gesamtbevölkerung. Weniger gut ist die Lage der alleinstehenden Senioren: Besonders Frauen haben hier ein deutlich höheres Armutsrisiko, da viele, vor allem im Westen, nicht berufstätig waren und nur von einer schmalen Witwenrente leben.

Nach der DIW-Studie hat sich die Einkommensposition der Älteren seit Mitte der achtziger Jahre und besonders in den neunziger Jahren dennoch deutlich verbessert: Die Armutsrate bei alleinlebenden älteren Menschen sank demnach um knapp 8 Prozent. Die Mehrheit der Senioren in Deutschland, gut 9 Millionen der 15 Millionen über 65 Jahre, lebt in Paarhaushalten. „Sie können die Haushaltsfixkosten auf zwei Köpfe verteilen und stehen damit recht gut da“, erklärt der DIW-Ökonom Grabka.

Nur knapp 2 Prozent aller Rentner beziehen lediglich die Grundrente

Der Anteil der Älteren, die nur die sogenannte Grundrente beziehen, ist gering. Sie erhalten durchschnittlich 347 Euro zuzüglich Wohnkostenzuschuss von etwa 280 Euro. Etwa 370.500 Senioren, also knapp 2 Prozent aller Rentner, bezogen 2006 die staatliche Grundsicherung. „Es gibt zwar viele Ältere, die nur ein geringes Einkommen haben, aber darüber hinaus ein Vermögen oder eine selbstgenutzte Eigentumswohnung, was angerechnet wird“, erklärt Grabka.

Nach einer DIW-Studie zur Vermögensverteilung in Deutschland ist die Altersgruppe der 56 bis 65 Jahre Alten die wohlhabendste. Ihr individuelles Vermögen an Immobilien, Betriebs- und Geldvermögen abzüglich der Schulden beträgt fast 130.000 Euro je Bürger. Die 66 bis 75 Jahre Alten haben immerhin durchschnittlich ein Nettovermögen von mehr als 110.000 Euro, noch Ältere verfügen durchschnittlich über fast 100.000, während die Gruppe zwischen 36 und 45 Jahren rund 20.000 Euro darunterliegt. Bürger jenseits des Rentenalters verfügen im Westen durchschnittlich über ein Vermögen von 160 Prozent des Mittelwertes, ergab die Studie auf Basis der Soep-Zahlen. „All diese Mittelwerte, das ist klar, verdecken, dass es eine große Spannweite gibt und bei weitem nicht jeder Rentner vermögend ist“, sagt Grabka. Dennoch geben die Zahlen einen Eindruck davon, dass sich die ältere Generation im Lauf eines langen Erwerbslebens einen erheblichen Wohlstand geschaffen hat, von dem sie im Ruhestand zehren kann.

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Jahrgang 1979, Redakteur in der Wirtschaft.

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